Was war. Was wird.
Wenn Dinosaurier in die Jahre kommen und Elefanten reden, dann ist Disziplin angesagt. So viele IT-Lunatics, die ihre feuchten Träume wahr werden sehen - Hal Faber übt sich in Gelassenheit und wundert sich über manche Verfassungsfeinheiten.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Mit Sir Toby, Admiral von Schneider, Lord Pommeroy und Mr. Winterbottom sind wir wieder einmal im neuen Jahr gelandet, komplett mit Tigerfell und einem großen Kater. Eigentlich hatte ich mich schon 2006 über die verquaste Formulierung vom Angriff auf Gemeinschaftsgüter im Kampf gegen das Shampoo geärgert. Aber irgendwie scheint 2006 in einer tückischen Zeit/Raum-Krümmung verschwunden zu sein. Nun ist 2007 da, ein Jahr, das im Zeichen des Quasi steht. Ja, quasi wie ein "fachlich abgestimmter" Quasi-Verteidigungsfall, dieses kleine Quasi, mit dem das von Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärte Luftsicherheitsgesetz plötzlich verfassungsgemäß sein soll. So ein Quasi-Fall ist also eine kriegerische Handlung mit zivilem Fluggerät, das auf die "Grundlagen des Gemeinwesens" zufliegt. Ihr fehlt nur ein Quentchen zum richtigen Kriegsfall.
*** Die fehlenden 1,66 Gramm zum ordentlichen Krieg verbinden unseren beharrlichen Bundesinnenminister mit seinem bayerischen Amtskollegen, der vor einem Jahr über einen Spannungsfall spekulierte, in dem das Grundgesetz in einer praktischen Klarsichthülle eingemottet werden kann. Von Beckstein unterscheidet sich Schäuble dadurch, dass er unbedingt das Grundgesetz auf seiner Seite haben will, wenn er dereinst als Quasi-Kriegsminister agiert und die Bundeswehr im Inland dirigiert. Habe ich Inland geschrieben? Europa wächst doch zusammen, bis auch die letzte Staatsdatenbank voll integriert ist. Bis Ende Juni ist unsere Angela Merkel die Europäerin Nummer 1, bis zum 31. Dezember die allmächtige G-8-Chefin mit Thron in Heiligendamm, wo das neue, sprachlich leicht verunglückte Motto "Europa sicher leben" anschaulich vorgelebt werden soll. Derweil haben die geschickten BKA-Fahnder im Internet schon die linksterroristische Homepage gefunden. Hier wird quasi HTML-mäßig gefackelt.
*** Hinter all den Quisquilien steckt der Wunsch nach dem starken Mann als Ersatzvornahme für die derzeitige große Koalition. In einem Jahr, das ganz im Zeichen des Quasi steht, werden starke Männer gebraucht, mächtige Bundes-CIOs, die mit harter Hand durchgreifen, sobald ein IT-Projekt zum Quasi-Sanierungsfall wird. Einen Führer wie Harald Lemke, dem eDemocracy quasi Schnuppe ist, solange nur das eGovernment funzt. Der Demonstrationen wahrscheinlich nur von gepflegten Veranstaltungen der Firma erento her kennt.
*** Apropos Demonstrationen: Vierzig Jahre ist es her, dass die Kommune 1 im Atelier von Uwe Johnson als verklemmtes Treibhaus der wilden 68er gegründet wurde, um das Ende der traditionellen Zweierbeziehungen anzukündigen. Zwar wurden die mietfrei nächtigenden Revolutionäre postwendend vom alten SS-Mann Günter Grass herausgeworfen, doch hatte die Mythos-Produktion längst eingesetzt. Heute erzählen also Stadtteilführer von der Wohnung, in der Kommunarden Sprengstoffe für Bomben mischten und dabei starben, wo doch nur Uwe Johnsons Schwägerin rauchend im Bett den Tod fand.
*** Auch Saddams Hinrichtung dürfte ein Stoff sein, aus dem zahlreiche Mythen entstehen werden, doch den dümmsten Patzer leistete sich ein Stadtteilführer der Süddeutschen Zeitung, der in seinem Kommentar die Seuche Internet geißelt. Wer die ganze Geschichte recherchiert, wird schnell bemerken, dass das allseits beklagte andere Video von der Hinrichtung zuerst vom Sender Al-Jazeera gesendet wurde und danach eine Kopie der Sendung im Netz auftauchte. Aber die Münchener Zeitung hat mit Vollleyendecker ja nur einen Rechercheur und mit Vollkornelius einen Kommentator, der zeigt, was man vom Internet hält, mag man noch so sehr veredelt sein. In diesem Stil kann man auch das liebevoll schleimige Portrait des neuen Web 2.0-Heldens lesen, dem seine widerliche Nazi-Koketterie nachgesehen wird. Der Erfolg ist ja da. Mit StudiVZ wurde die erste UMTS-Lizenz des Web 2.0 bezahlt, auch wenn die kolportierten Zahlen sich größtenteils als Buchgeld herausstellen werden, das der Zeitungsverlag Holtzbrinck von der einen in die andere Tasche fließen ließ. Das Gebot zur Pflicht zur Feier des Jungstars wurde quasi automatisch, jedenfalls artig erfüllt.
*** Man kann auch anders zeigen, wie die große Zeit der Zeitungen vorüber ist. Heute vor 30 Jahren veröffentlichten die Times, Le Monde und die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Charta 77. Ausgangspunkt war die Verhaftung einer Band, die sich nach einem Song von Frank Zappa "Plastic People" nannte und Stücke von Zappa, den Doors und den Fugs spielte. Endpunkt der Charta 77 war die Auflösung des Ostblocks. Und natürlich war sie der Beginn der guten nachbarschaftlichen Beziehungen. "Eingekeilt in diese Welt mussten wir es machen", schrieb Václav Havel in seinen "Briefen an Olga". Aber das erwähnte ich schon einmal. Die nächste Charta dürfte sich über Youtoube & Co verbreiten.
*** Ach, das Positive, das ist quasi uralt. Als die Fackel mit dem sympathischen Leitmotiv "Was wir umbringen" erschien, dachte niemand daran, dass sich künftige Zeitgenossen anno 2007 freuen können, eine gemeinfreie Fackel in der Seuche Internet zu zündeln. Mit dürftigem Interface, gewiss, doch mindert das den Spaß am Umbringen nicht. Außerdem punktet der Journalist Kraus gegenüber dem Philosophietreiber Spengler, dessen Untergang des Abendlandes zwar ebenfalls gemeinfrei, doch quasi nicht verfügbar ist.
Was wird.
Morgen bekommen 22 Millionen Haushalte frankierte Versandtaschen, in denen sie ihre Festplatten eintüten und zur Offline-Untersuchung an den Verfassungsschutz schicken können. Uh, oh, das war ein schlechter Scherz auf Kosten der Affen. Denn morgen kommen Tüten der Firma Greener Solutions ins Haus, in die ausrangierte oder kaputte Mobiltelefone gesteckt werden sollen. Die weltgrößte Handy-Sammelaktion sollt dem WWF helfen, die Orang-Utans zu retten. Nach Einschätzung der Müllexperten könnten zwei Drittel aller Geräte in Entwicklungsländer weiterverkauft werden und dort die Kommunikationsmöglichkeiten und die Lebensqualität fördern helfen. Das ist doch mal ein richtiger Ansatz: Hier wird nichts verschenkt im global village. Die Laptops folgen auf dem Fuße, wenn jeder Hacker ihre Aura gespürt hat.
Der Verkauf von gebrauchten Telefonen in Entwicklungsländer ist nicht so problemlos, wie es auf den ersten Blick scheint. Sieht man von der Tatsache ab, dass später die Teile kaum umweltgerecht entsorgt werden dürften, liegt eine schwere Störung des Geschäftsmodelles von Google vor. Erinnert sei an eine Konferenz, auf der Googles Marissa Mayer das Googlephone für Analphabeten in der Dritten Welt ankündigte. Darum sei hier nicht das heiß erwartete iPhone auf der kommenden Macworld erwähnt, sondern die erste klimaneutrale Konferenz, die in München steigt. Denn bei Burdas Digital, Life, Design ist Marissa Mayer wieder mit von der Party.
Während die Apple-Fans auf ihren Nägeln kauen, der Rest der Branche nach Las Vegas starrt, die Web 2.0er feuchte Träume über Marissa im Pool des Bayerischen Hofes träumen, nähern sich die Windows-Fans etwas ausholender der schieren Verzückung namens Vista an. Ende Januar, das ist noch sooo weit weg. Bis man das "Da-diiie, da-diiie" hören kann, das der Windows-Sound-Designer Steve Ball bei seinem früheren Musik-Professor und ehemaligen Geschäftspartner, dem Crimsonhead Robert Fripp geordert hat, vergeht eine Ewigkeit. Die komplette Rezension der Fanfaren des Fun sollte sich niemand entgehen lassen, der wissen will, wie ein "sympathisch auf Aktivität gerichteter Impetus" klingt. Ja, liebe Leser und Leserinnen, so wird aus einem Quasi-Betriebsystem ein Madrigal des 22. Jahrhunderts, höchste Vielfalt auf knappstem Raum demonstrierend. Etwas mehr Ernsthaftigkeit und Disziplin, bitte, angesichts dieser Revolution? Ach, das gibt auch nur mehr oder weniger verständlichen Elephant Talk. (Hal Faber) / (jk)