Amazon: auf dem Sprung zum IT-Distributor?

Amazon baut und baut und baut. Allein bei Augsburg und Duisburg entstehen derzeit zwei neue Logistikzentren mit zusammen rund 220.000 Quadratmeter Fläche. Andere Standorte werden massiv ausgebaut. Es mehren sich die Stimmen in der IT-Branche, dass Amazon damit unter anderem zum Schlag gegen die etablierten IT-Distributoren aufrüstet.

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Von
  • Damian Sicking

Gerhard Schulz von Ingram Micro

(Bild: Ingram Micro)

Lieber Ingram-Micro-Geschäftsführer Gerhard Schulz,

wenn man die Bundesstraße 17 von Landsberg am Lech nach Augsburg fährt, kommt man irgendwann an dem Städtchen Graben vorbei. Was man dort vor allem sieht, sind viele Baukräne und jede Menge Schwerlastverkehr. Denn hier wird gebaut. Keine Häuser, sondern Hallen, große Hallen, riesige Logistikzentren. Das von Aldi ist schon fertig, das von Lidl noch nicht ganz, von DHL soll noch eins in der Planung sein. Was mich an dieser Stelle aber am meisten interessiert, ist das neue Logistikzentrum von Deutschlands Online-Händler Nummer 1: Amazon.

Anfang Juli wurde Richtfest gefeiert für das neue Amazon-Gebäude, welches noch in diesem Herbst und damit rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft den Betrieb aufnehmen soll. Das Logistikzentrum ist gigantisch, es hat eine Fläche von 110.000 Quadratmetern; das entspricht der Größe von 27 Fußballfeldern. (Zum Vergleich: Das Ingram-Micro-Logistikzentrum in Straubing hat eine Fläche von 80.000 Quadratmetern.) Doch damit nicht genug: In Rheinberg bei Duisburg baut Amazon parallel ein gleich großes Logistikzentrum wie in Bayern, ebenfalls 110.000 Quadratmeter Fläche. Auch hier will man in ein paar Monaten los legen. Doch auch dies reicht dem amerikanischen Versandhandelsunternehmen noch nicht. Denn das bestehende Logistikzentrum in Werne soll auf über 100.000 Quadratmeter ausgebaut werden. Und dann gibt es ja auch noch die beiden Amazon-Warenumschlagplätze in Bad Hersfeld (hier stehen fast 150.000 Quadratmeter zur Verfügung) und Leipzig. Zusammengefasst: Wer derzeit ein anderes Wort für Expansion und Flächenausweitung sucht, der kann auch einfach "Amazon" sagen.

Die Expansionshunger von Amazon lässt sich aber nicht nur in Quadratmetern messen, sondern auch in Anzahl der Mitarbeiter. In jedem der neuen Logistikzentren sollen 1000 "langfristige Arbeitsplätze" (Amazon-Pressemitteilung) entstehen, dazu noch einmal jeweils bis zu 2500 saisonal bedingte Jobs (etwa vor Weihnachten). Insgesamt sucht Amazon in Deutschland 10.000 weitere Mitarbeiter (etwa die Hälfte davon allerdings nur für saisonale Stoßzeiten).

Lieber Herr Schulz, das sind beeindruckende Zahlen, finden sie nicht. Immer mehr Leute in der IT-Branche fragen sich, was Amazon da vor hat. Und immer öfter taucht die Vermutung auf, dass Amazon diese Investitionen unter anderem tätigt, um etwas zu tun, was Ihnen ganz und gar nicht gefallen kann: nämlich Amazon als IT-Distributor aufzubauen. Es ist bekannt, dass schon heute Fachhändler – auch Ingram-Micro-Kunden – immer mal wieder bei Amazon bestellen. In einem Fall sind es bessere Preise, im anderen einfach die Verfügbarkeit, im dritten problemlose Abwicklung auch im Retourenfall. Auch für die Hersteller ist Amazon ein wichtiger und immer wichtigerer Absatzmittler. Bisher allerdings hat Amazon das B2B-Geschäft mit IT-Händlern noch nicht als strategisches Geschäftsfeld definiert. Doch es wäre ein Leichtes, dies zu tun. Schließlich muss ja hier nicht viel aufgebaut werden, man hat ja schon fast alles, was man braucht. Einen Namen gibt es auch schon: Amazon Distribution GmbH.

Für die etablierten Distributoren in Deutschland wäre dies ein gewaltige Herausforderung, um nicht zu sagen ein Problem. Oder trauen Sie Amazon etwa nicht zu, den Dickschiffen wie Ingram Micro, Also-Actebis und Tech Data das Wasser abzugraben? Kann man es sich leisten, die Gerüchte über einen strategischen Einstieg von Amazon in die IT-Distribution auf die leichte Schulter zu nehmen?

Lieber Herr Schulz, Ingram Micro geht es in Deutschland ja wirklich prima. Das Geschäft läuft, die Firma ist stabil, die Hersteller- und Kundenbeziehungen sind intakt. Alles super. Allerdings: Wenn alles so klasse ist, droht eine sehr ernste Gefahr: Die "Erfolgsfalle", wie ein Hersteller mir kürzlich mit Blick auf Ingram Micro sagte. "Die große Herausforderung für Gerhard Schulz besteht momentan darin, dafür zu sorgen, dass seine Mitarbeiter weiterhin brennen", sagte er. Das Problem sei, dass den Ingram-Micro-Mitarbeitern – auch wegen einiger Schwächen der Konkurrenz – der Erfolg mehr oder weniger in den Schoß falle und sie sich kaum noch anstrengen müssten. "Leicht errungene Siege machen träge", warnte mein Gesprächspartner aus der Industrie. Man kennt das aus dem Sport: Stark wird man durch starke Gegner, wer keine starken Gegner hat, dessen Leistungsfähigkeit nimmt fast automatisch ab, weil er sich für seine Siege in Training und Wettkampf einfach nicht mehr so quälen und schinden muss. Das wäre nicht so tragisch, wenn dann nicht eines Tages ein Gegner quasi aus dem Nichts auftauchen würde, der einen über alle Maßen fordert. Und wenn man dann selbst weit von der einstmals guten Form entfernt ist und zudem auch noch ein paar Pfunde über seinem idealen Wettkampfgewicht liegt, dann ist man sehr schnell nur noch zweiter Sieger.

Ist dies die Situation von Ingram Micro in Deutschland, lieber Herr Schulz? Und wenn ja, was tun Sie dagegen? Hilft das "Schreckensbild" Amazon dabei, Ihre Mitarbeiter wach und erfolgshungrig zu halten? Oder glauben Sie selbst nicht an Amazon als Konkurrenten fĂĽr Ingram Micro und die anderen etablierten IT-Distributoren?

Beste GrĂĽĂźe!

Damian Sicking

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