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Was war. Was wird.

Manche scheinbar unzusammenhängenden Nachrichten passen erst in der Rückschau zusammen, wie hier bei Hal Faber. Und es gibt Seltsamkeiten, die auf ihre Weise mehr über den Zustand der Welt aussagen als manche tiefschürfende Betrachtung.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es gibt Wochen, in denen scheinbar unzusammenhängende Nachrichten über den Ticker laufen und erst in der Rückschau ein kleines Licht gezündet werden kann. Nehmen wir nur den Cell, den IBM, Toshiba und Sony präsentierten, ein Prozessor, der praktisch ein Netzwerk von RISC-Prozessoren im Kleinen darstellt. Möglicherweise kommt mit Cell die nächste Welle leistungsfähiger Multimedia-Geräte, doch eine Revolution, wie es die Firmen preisen, ist dieser Prozessor nicht. Das Zusammenschalten von RISC-Prozessoren wurde in Labors schon frühzeitig durchgespielt, etwa bei Hewlett-Packard, wo man mit PA-RISC-Systemen experimentierte -- bis Carly Fiorina kam und die Forschung radikal kürzte. Fiorina versuchte, aus Hewlett Packard und Compaq eine Art Über-Dell zu machen und traf damit nicht unbedingt auf Gegenliebe. Insofern passt der mit mindestens 21,1 Millionen Dollar prämierte Rücktritt gut in die Rückschau und noch besser zum Cell-Prozessor von IBM. Wie IBMs Lou Gerstner offenbar der erste war, dem man die Nachfolge von Fiorina antrug.

*** Ansstand ist kein Schreibfehler, sondern ein deutscher Verein der Anwender des Software-Entwicklungsstandards der öffentlichen Verwaltung, der sich mit Leib, Seele und dem nötigen Anstand dem V-Modell verschrieben hat. Dieses Entwicklungsmodell, mit dem bundesdeutsche IT-Erfolgsprojekte wie die LKW-Maut und die Hartz-IV-Software modelliert werden, wird durch das V-Modell XT abgelöst -- die Nachricht ging in der Vorbereitung zur Geburtstagsfeier unter. Mit dem extremen Tailoring können neue IT-Großprojekte in extrem kurzer Zeit gestartet werden, weil die ach so störenden Anforderungen und Schnittstellen erst im Nachhinein festgelegt werden müssen. Wer genau hinschaut, findet das System bereits im Einsatz, nämlich bei der elektronischen Gesundheitskarte, bei der erste Feldtests und allgemeine Einführung dank "nachladbarer Applikationen" praktisch mit ein- und demselben Rollout erledigt werden.

*** Vor 60 Jahren ging Dresden in Schutt und Asche unter, wie von Kurt Vonnegut in Schlachthof 5 mit tralfamodorischer Meisterschaft beschrieben, von Ed Sanders bedichtet. Ja, so geht das mit dem Tod. An dieser Stelle ist ein Link auf einen Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung fällig, der beschreibt, wie in der DDR der Mythos vom sinnlosen Opfer entstand und wie die Amerikaner die Bösen wurden. Leider wird der Link schon bald nicht mehr lesbar sein, weil auch die NZZ ihr Archiv zu Geld machen will. Doch welche Barbarei zerstörte Dresden? Sollte man nicht daran erinnern, dass es möglicherweise Vannevar Bush war, der Erfinder des Memex-Systems des universal vernetzten Wissens, der sich für den Einsatz von Napalm bei den Brandbomben stark machte? Das aufgeklärte Wissen kennt keine Schranken, Dresden strahlte in triumphierendem Unheil -- und wurde seitdem zum gegenseitigen Aufrechnen der Schuld benutzt. Darum: Keine Träne für Dresden.

*** Nein, der P-Day fand in dieser Woche nicht statt. Dafür gab es einen hübschen Strauß von Nachrichten rund um die sich weiter hinziehende Entscheidung zur Patentierbarkeit computerimplementierter Erfindungen. Die Sache wird uns also weiter beschäftigen. Im Jahre 1943 erschien "Patents for Hitler", in dem Günter Reimann erklärte, wie Hitler systematisch deutsche wie amerikanische Patentansprüche ausnutzte, um amerikanische Firmen unter Druck zu setzen und gegen einen Krieg mit Deutschland zu stimmen. "Der amerikanische Kapitalismus gibt sich 'isolationistisch' weil er die besten Geschäfte mit Hitler machen kann", schrieb Günter Reimann, ehemals Wirtschaftsredakteur der Roten Fahne. Er machte als erster auf die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen der IBM und der Dehomag aufmerksam. Als Hans Steinicke in einer großen jüdischen Kaufmannsfamilie im Februar 1904 in der Uckermark geboren, wurde er als Kommunist Experte für Weltwirtschaftsfragen. Reimann kritisierte früh die sowjetische Wirtschaftspolitik und konnte 1936 in die USA fliehen, wo sein Buch "The Vampire Economy" erschien, das die Umschichtung jüdischer Vermögen beschrieb. 1947 gründete Reimann einen Währungs-Informationsdienst, den er 1983 an die Financial Times verkaufen konnte. Für 2000 Dollar im Jahr verschickte er seine Reports, mit denen er "den Glauben der Kapitalisten an ihr System" unterminierte. In der Nacht zum vergangenen Sonntag starb Reimann in seiner Villa auf Long Islands.

*** "Wo man nicht helfen kann, soll man auch jammern nicht", so dichtete einst der große Shakespeare. Doch beim letzten großen Drama in zahlosen Akten, beim Kampf der SCO Group gegen den Rest der Welt wird gejammert. Da hat es doch tatsächlich einen Sieg für SCO gegeben und alle Welt schreibt nur über den verärgerten Richter. Verstehe einer da die Welt, wundert sich also SCO. Derweil ist hinter dem Rücken der SCO Group beim Investor Canopy Group ein Kampf ausgebrochen, der die SCO-Linux-Saga in den Schatten stellt. Lang, lang her ist es mit den Zeiten, als der erklärte Musterschüler von Ray Noorda, der "3D-Star-Designer" (so Ray Noorda) Ralph Yarro für die Linux-Adaption Corsair diese Oberflächen entwickelte, mit denen der Linux-Desktop in Konkurrenz zu Microsoft Bob die Welt erobern sollte. Bekanntlich verschwanden die Oberflächen von Bob und Corsair in der geräumigen Wühlkiste computertechnischer Peinlichkeiten, in die jede Firma dieser Branche entsorgt. Ralph Yarro aber stieg zum Vertrauensmann der Noordas auf und installierte die Canopy Group als Holding, die mit der Vereinigung von Linux (bei Caldera) und Windows (Willows Software) die Mother Lode der IT freilegen sollte. Der Plan ging gründlich schief, wenngleich man im Prozess mit Microsoft punkten konnte. Heute streiten sich die Parteien, ob Ray Noorda zurechnungsfähig ist oder demenzkrank vor sich hindämmernd alles unterschrieben hat, was Yarro vorlegte. Die unappetitlichen Details finden sich auf Groklaw, während die IT-Presse an die Rückkehr des großen Alten glaubt. Der Rest ist Schweigen? Von wegen. Das Königsdrama um den hochfahrenden Adoptivsohn hat gerade erst begonnen und mancher Kommentator versteht die Tragik nicht, in die einfache Leute gestürzt werden, denen plötzlich das Nichts die Aufwartung macht.

Was wird.

Es gibt Seltsamkeiten, die auf ihre Weise mehr über den Zustand der Welt aussagen als manche tiefschürfende Betrachtung. Der Richter mit der Pumpe gehört dazu, aber auch die bizarren Rollen im Sociolotron mit seiner dildobasierten Aufmerksamkeitsökonomie. Unter diesen Umständen klingt es nachgerade gewöhnlich, wenn morgen die Linux Virgins damit beginnen, einen Computer zusammenzubauen, der unter Linux läuft. Dabei ist die Beschäftigung mit der Jungfräulichkeit manchmal nur eine harmlose Sprachübung.

Wie das nun geht mit dem brandneuen Super-XT beim Bund, wenn man nicht mehr einen Schritt nach dem anderen machen muss, sondern konstruktiv stolpern darf, wird XT-Guru Manfred Broy in München erläutern. Wie sagte er treffend dem Handelsblatt: "Nun kann man mit der Implementierung und Integration anfangen und dann erst die Anforderungen festlegen." Die methodischen Feinheiten dieses Ansatzes lese man bei Dilbert nach.

In Cannes beginnt morgen die GSM-World und damit das Bombardement mit Nachrichten über absolut unverzichtbare Komfortmerkmale des mobilen Lebens. Den Anfang hat Nokia gemacht, und zwar mit seiner Nokia Local Marketing Solution, bei denen die Benutzer von Mobiltelefonen per Bluetooth mit Coupons und Werbeangeboten zugedröhnt werden, auf dass sie mit pawlowschen Klicks ihr Smartphone bespeicheln. Ach, ich bin zu hart? Das "klick-reduzierte Leben", das Nokia ganz ungeniert feiert, muss ja nicht denk-reduziert sein. Jedenfalls solange noch Verstand genug da ist, in den Unter-Unter-Menübaumen die Option zu finden, mit der man diesen Bluetooth-Spam ausschalten kann. Bis die ersten Gadgets kommen, bei denen sich Bluetooth nicht ausschalten lässt. Bis dahin wünsche ich allen eine unstürmische Woche. (Hal Faber) / (anw)