Bildungsforscher beruhigt deutsche Unternehmen
Laut der jüngsten OECD-Bildungsstudie läuft Deutschland Gefahr, bei der Hochschulbildung abgehängt zu werden. Im Interview mit Technology Review relativiert Bildungsforscher Ernst Hartmann das negative Image Deutschlands.
Laut einer Anfang September vorgestellten OECD-Bildungsstudie läuft Deutschland Gefahr, bei der Hochschulbildung abgehängt zu werden. Nur etwa 26 Prozent aller jungen Erwachsenen erlangen nach den jüngsten Erhebungen einen Hochschulabschluss oder Meisterbrief, der Durchschnitt der 34 OECD-Mitgliedstaaten liegt bei 37 Prozent. Mit 46 Prozent erreichte die Studienanfängerquote im vergangenen Jahr in Deutschland zwar einen Rekordwert – der OECD-Schnitt liegt aber bei 59 Prozent.
Im Interview für die Oktober-Ausgabe von Technology Review (ab dem 29.9. am Kíosk oder ab sofort online zu bestellen) relativiert Bildungsforscher Ernst Hartmann vom Institut für Innovation und Technik der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH das negative Image Deutschlands allerdings sehr deutlich: Die meisten der in der OECD-Studie verwendeten Indikatoren beträfen "nur formelle Bildungsabschlüsse", so Hartmann. "Formelles Lernen ist wichtig, gar keine Frage. Aber die Tatsache, dass ein Unternehmen viele Hochschulabsolventen beschäftigt, führt noch nicht automatisch zu guten neuen Produkten. Die entscheidenden Fragen sind doch: Was mache ich mit diesen hochqualifizierten Leuten?"
Deutschland verfüge hingegen über Strukturen, die ein "informelle Lernen im Unternehmen" im Unternehmen begünstigen würden. "Die Daten über solch informelles Lernen am Arbeitsplatz werden zwar auch systematisch erhoben, aber normalerweise nicht in Zusammenhang mit Innovationsindikatoren wie Produktneuheiten oder Patenten gebracht. Das haben wir nun getan – und dabei hochinteressante Zusammenhänge gefunden". Demnach gehören Dänemark, Deutschland und Schweden zu den Ländern mit der "höchsten Lernintenistät" am Arbeitsplatz. "Dann gibt es Länder, die haben noch eine relativ hohe Lernintensität in der Arbeit, aber mittelmäßige Innovation, wie Norwegen, Malta und Estland, und es gibt Länder, die erreichen dieses mittlere Innovationsniveau mit niedrigeren Lernintensitäten wie Irland, Griechenland, Zypern", sagt Hartmann. (wst)