AOL bringt AIM Pages als "MySpace-Killer" in Position
Der Provider will über seine "Social Networking"-Offerte mit Web-2.0-Diensten in Minutenschnelle individualisierbare Homepages bieten, während sich die Verkaufspläne fürs Zugangsgeschäft in Europa konkretisieren.
AOL will über seinen neuen, noch als Beta deklarierten "Social Networking"-Dienst AIM Pages mit Web-2.0-Diensten im Handumdrehen individualisierbare Homepages bieten und den Markt für Netzgemeinschaften aufmischen. Charles Fränkl, Chef von AOL Deutschland, demonstrierte auf dem Deutschen Multimedia-Kongress (DMMK) in Berlin am heutigen Mittwoch, wie sich über das eng an AOLs Instant Messenger (AIM) angeknüpfte Angebot dank vorgefertigter Bausteine für Freundeslisten, Bewertungsfunktionen oder Webkalender "innerhalb von sieben Minuten" funktionsstarke Websites erstellen lassen. In Unternehmenskreisen wird AIM Pages damit als "MySpace-Killer" gehandelt.
Einzelne Komponenten für das "soziale Netz" bringen sowohl AOL selbst als auch andere Firmen mit ein. "Die kann ich mir aus einer Library herunterziehen und meine eigene News- oder Musikplattform herstellen", erläuterte Fränkl das Prinzip. Eingebunden ist etwa AOLs Bloggerdienst Journals, aber die Plattform arbeitet auch mit externen Web-2.0-Größen wie der Foto-Site Flickr zusammen. AOL will mit dem Service ein bisschen zu seinen Wurzeln zurückkehren, betonte der Deutschland-Chef: "Wir waren die ersten, die Communities gebaut haben." Nun sollen mit AIM Pages Fachanwendungen wie die Vernetzungsplattform OpenBC für den Massenmarkt erschlossen werden. Bislang ist MySpace die größte "Social Networking"-Site, über die es immer wieder Schlagzeilen wegen der Verbreitung jugendschutzgefährdender Inhalte gibt.
Mit Web-2.0-Applikationen und immer ausgefuchsteren Diensten fürs soziale Netzwerken sieht Fränkl ein neues Internetzeitalter heraufziehen. Mit verbesserten Möglichkeiten für die Nutzer, Inhalte und Informationen auszutauschen und zu bewerten, entsteht ihm zufolge ein Konzept, "dem sich auch kein Unternehmen entziehen kann." Produkte und Dienstleistungen von Firmen würden immer häufiger "von Peer-Gruppen beurteilt". Derlei Einschätzungen haben bei den Surfern laut Fränkl mehr Gewicht als offizielle Tests etwa von Verbraucherinstituten oder Fachmagazinen. Er sprach von der "Macht der Konsumenten, sich selbst ein Bild zu verschaffen anhand von Leuten, denen sie vertrauen".
Aus unternehmensstrategischer Sicht geht es AOL mit dem interaktiven Homepage-Service vor allem auch darum, das eigene, Wachstumsraten um 40 Prozent erzielende Portalgeschäft zu stärken und insbesondere über Werbeeinnahmen Umsätze zu erzielen. AOL Europe will sich innerhalb der nächsten Monate auf Druck der Mutterfirma Time Warner vom Bereich der Internetzugangsvermittlung trennen und sich auf den Inhaltesektor konzentrieren. Im Idealfall hofft der Anbieter, im Rahmen eines "Tauschgeschäfts" über eine Kooperation mit dem Käufer der Zugangssparte mehr Besucher via dessen Website zugeführt zu bekommen.
Der Verkauf gehe nun in die entscheidende Phase, erklärte Fränkl am Rande des Kongresses gegenüber heise online: "Einige Interessenten aus dem europäischen Markt haben detaillierte Angebote abgegeben", bestätigte er indirekt Kaufwünsche von Konzernen wie Telecom Italia, Telefonica, dem Finanzinvestor Permira, freenet.de oder Versatel. Time Warner könnte je nach Preisangebot AOL Europe aber auch komplett "rüberschieben", kursiert aber auch schon einmal in der Gerüchteküche an der Börse. Dem widerspricht man aber bei dem Anbieter: Erklärtes Ziel sei allein die Abtrennung des Access-Geschäfts. (Stefan Krempl) / (jk)