Was war. Was wird.
Manch einer landet unsanft auf dem Boden der IT-Tatsachen und sucht verzweifelt nach seiner eigenen Internet-Realität. Die Antwort auf die Frage aller Fragen steht aber immer noch aus, befürchtet Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** "Nimm dir ein Ziel vor, wenn du ein Thema angehst, zum Beispiel ein Wildschwein mit einem Jagdmesser verfolgen und töten." Die Ratschläge für angehende Journalisten vom Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson waren immer ungemein praktisch. Nun ist der große Reporter von Rolling Stones tot. Der Waffenfan schoss sich in den Kopf, am Anfang einer langen Reise. Sein eingeäscherter Rest kommt in eine Kanonenkugel und die wird in die Luft geschossen. Jeder Journalist, den ich kenne, wünschte einmal, so schreiben zu können wie Thompson. Doch die, die es konnten, sind wie Jörg Fauser auch schon lange tot. Die schlichte Wahrheit ist, dass der Gonzo-Journalismus einzigartig ist. Oder?
*** Tot ist auch Peter Benenson, aber mit ihm stirbt sein wichtigstes Anliegen nicht. Der Historiker und Jurist, in Weltkriegszeiten im Bletchley Park der Codebrecher und Informatikpioniere aktiv, machte sich früh einen Namen als Anwalt für soziale Anliegen. 1961 initiierte er eine Kampagne zur Freilassung politischer Gefangener, aus der dann die Organisation Amnesty International entstand. Menschenrechte, ja, war da was? Eine Welt, die Organisationen wie AI nötig hat, ist noch lange nicht der Ort, an dem wir unbesorgt und unbedarft leben wollen.
*** Es gibt leider so einiges, was diese Welt nicht zu einem allzu wohnlichen Ort macht, und die eigenen Verfolgungsgelüste sind da auch nicht gerade hilfreich. Man mag es mir nachsehen, aber man müsste sich wirklich eine chemische Keule besorgen, eines von diesen praktischen kleinen Sprays, raus nach Nymphenburg fahren, durch den Schnee rutschen und dann jeden, der auf den Digital Lifestyle Days 05 dumm rumquatscht, sofort eines in die Fresse brennen. Oder besser gleich zur Uzi greifen, wenn Verena Pooth aka Feldbusch als Vertreterin der digitalen Generation begrüßt wird. Man müsste einen Flammenwerfer nehmen und die dämlichen Banner samt Träger rösten, die ein Tim Renner im Hubertus Burda-Saal entrollt: Faschismus -- Kommunismus -- Mainstream. Wir haben einen Auftrag. Wie viel Prozac, Schnee oder sonst was muss man geworfen haben, um solch einen Mist amüsant zu finden und zu applaudieren, wenn Renner die neue Ehrlichkeit ausruft? Tja, wenn es keine Knarren gibt, dann greift man besser zur Axt und verhackstückt mit ein bisschen Verve und Boshaftigkeit, na, wen wohl? Ich wechsel meinen Klingelton vielleicht häufiger als meine Unterhose. Und überhaupt, ich mag die Kids. Mir ist es lieber, dass die Kids dafür Geld ausgeben als für Süßigkeiten oder für Zigaretten oder sonst irgendetwas. Ich meine, wenn die Kids Klingeltöne kaufen und sich beim Spielefütterdienst Duke Nukem aufs Handy laden und dann mit der fetten Uzi losstürmen, dann haben sie doch auch einen Auftrag. Oder nicht? Sind wir nicht alle Hunter S. Thompsons? Hass, Hass, Hass, 100 Zeilen Hass!
*** Ach so. Mit dem Hass im Internet ist ja ab sofort Schluss. Tschuldigung, ich vergaß. Dafür sorgen die Naiinjas, die für "no abuse in internet" zuständig sind. Nehmen wir einmal im Stil vom ollen Thompson den Geschäftsführer Dennis Grabowski ins Visier. der von Zusammen gegen Rechts kommt und offensichtlich einen wichtigen Posten besetzt. Herzen wir unsere untadeligen Kämpfer, auch wenn sie ein dunkles Geheimis mit sich tragen. Es gibt halt Menschen, deren Nutzwerk über jede Tücke erhaben ist. Das Internet mag voller Hass sein, doch ist der nicht zu stoppen, weil es in den Hinterköpfen rumort. Und einen richtigen Hinterkopf kann nur Hunter S. Thompson beschreiben. Oder etwa nicht?
*** Ach, heute zieht es mich magisch zur taz, zu der Zeitung, die Thompson verabschiedet und vor dem Abschied rührend besorgt um den Außendicken ist. Sie hat ja nicht nur Nachrufe und schöne Gedichte über den Fußball zu bieten. In dieser Woche wurde das höchste Lob verteilt. Die Zeitung, die einst (vor einer Markenklage) die Katzenpranke im Logo führte, das Kampfzeichen aller Dosen- und Türöffner, hat nun das Herz entdeckt. Das taz-Herz schlägt nicht für das Geburtstagskind, sondern für Bill Gates. Denn dass wir Open Source überhaupt haben und mit dieser Software ans Internet können, haben wir Bill Gates zu verdanken. Der bietet nämlich Alternativen an, die mit Apple einfach nicht da sind, weil Apple sich nur auf Apple reimt.
*** Ach ja, es ist gut, wenn man endlich auf dem Boden der Realität ankommt. Welche Realität aber, das ist dann wieder die Frage, und doppelbödig scheint jede einzelne davon dann auch wieder zu sein. Einen dieser Böden fand nun allerdings die Mozilla-Foundation, die mit vergleichbaren konzeptionellen Problemen zu kämpfen hat wie Microsoft. Wundern mag man sich dabei aber eigentlich nur über das Wundern so manch lautstarken Mitglieds der Open-Source-Gemeinde, das sich schon im Besitz der alleinseligmachenden Software wähnte. Das Leben aber ist gefährlich und das Risiko, zur Sekte zu werden, für jede Ingroup groß. Und Dummheit wird bestraft, auch im Internet -- sei es bei Anwendern, Entwicklern oder Fangemeinden.
*** Dummheit, Menschenrechte, Realitäten -- ja, es ist so ein Kreuz mit dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Schauen wir einmal nur auf den Rest, ist bemerkenswert, dass der Wochenrückblick bei allen Tageszeitungen wahrlich schräg ausfällt. Während die taz Bill Gates ihr Herz schenkt, flippt die FAZ am nämlichen Tag über Stephan Schambach aus und feiert (leider nicht online) ihn und sein Startup Demandware als SAP der Zukunft, weil Grid Computing für Webshops im Internet das einzig Richtige ist. Die Serverfarm, die für Quelle die Bestellung fertig macht, ist natürlich qualitativ weit ab von Intershop angesiedelt, das einfach nur vermurkste Software verkauft. Eben genauso weit weg wie es Jena und Boston sind. Oder Berlin von Nürnberg: Die seltsame Schelte, die Minister Clement auf das Hartz-IV-Projekt ablädt, findet sich natürlich in der Software A2LL, die die Zahlungen an die Antragsteller regelt. So kam es aus dem Hause Clement als Order über die armen Sachbearbeiter: Jeder, der mindestens drei Stunden am Tag "zu den üblichen Bedingungen des Arbeitsmarktes" tätig sein kann, gilt als erwerbsfähig. Softwaretechnisch ist das ein Kästchen zum Anklicken, und wenn so Drogensüchtige aller Art bedient werden, so müsste für den Minister das beliebte Diktum der Heise-Foren gelten: Wer keine Ahnung hat, der ...
*** Als weitere aparte Abirrung von der Realität oder vielleicht auch noch einer Suche nach einer weiteren Wirklichkeit dürfen wir die Sätze des BMVBW-Ministerialrats Bernd Törkel registrieren, der in dieser Woche öffentlich bezweifelte, dass die mittlerweile berühmt gewordene Mautprellerfahrt des ZDF überhaupt stattgefunden hat. Das ZDF hat darauf die Tachoscheiben der Fahrt vorgelegt. Sie werden als Beweisstücke vom Verkehrsministerium abgelehnt, weil es so einfach wäre, mit einem Computer die Fahrt auf einer Scheibe zu simulieren. Ja, so sind die Computer. Sie simulieren einfach alles. So eine mit einem Griffel gezeichnete Tachoscheibe ist dabei noch das kleinste Problem. Was passiert, wenn die Regierung die Dokumentensicherheit der Scheibe bezweifelt (die bald von digitalen Schreibern abgelöst wird), dürfen die Kontrolleure ausbaden. Hat die Regierung im anstehenden Prozess mit dem ZDF Erfolg, werden wir den zweiten Kollateralschaden der Maut hinnehmen müssen. Der erste ist abseits der Autobahnen zu hören.
Was wird.
Nichts wird. Die nächste Woche dümpelt. Gebannt starrt die IT-Welt auf die große Laberwelle, die bald über Hannover rollen wird. Ich gebe gerne zu, dass solch ein Vergleich geschmacklos erscheinen mag, aber die schiere Masse der diesjährigen Aussendungen vor der CeBIT überrascht. Andere hängen sich an anderswo stattfindende Wettbewerbe oder geilen sich an fehlenden Kabeln auf. Ansonsten heißt die Parole Deckung: Weniger denn je scheinen die Firmen die Lehre vom Kommunikationskanal zu beherrschen. Eine CeBIT-Meldung wird anscheinend grundsätzlich drei Mal ausgeschickt, als E-Mail, Fax und dann kommt, höllisch verspätet, die Pressemappe. Besser ist es da, einfach ruhig zu bleiben und ein gutes Buch von Hunter S. Thompson zu lesen, ehe in der Stadt des Leibnizkekses die Vorhölle ausbricht. Ein angekündigter Hackerwettbewerb, bei dem die Siegerin, der Sieger eine Barbie-Puppe im Stil der schwarzen Witwen erhält, lässt Schlimmstes befürchten. "Alle die, die eine Revue, eine ingeniöse Idee oder einen Trick kennen, sind willkommen", schrieb der Hannoveraner Leibniz im Jahre 1675. 330 Jahre später sind die mit dem Trick in der Überzahl. Ich ziehe mich derweil in meine Leseecke zurück und harre der Dinge, die da aufs Messegelände kommen, Trick hin, Schrott her. (Hal Faber) / (jk)