Cyberwar: Angriff statt Verteidigung
Im US-Militär setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass es im Internet-Krieg nicht mehr um Abwehr und Schadensbegrenzung geht, meint Experte Herbert Lin von der National Academy of Sciences.
Noch immer debattieren Sicherheitsexperten darüber, ob der Cyberwar ein Hype ist oder eine kommende Form der Kriegsführung. Wenn man Herbert Lin von der US-amerikanischen National Academy of Sciences glauben darf, haben sich die Militärapparate in aller Welt bereits zu letzterer Einschätzung durchgerungen. Mehr noch: Sie spielen längst nicht mehr nur Abwehrstrategien gegen Digitalangriffe auf Infrastrukturen und Computernetze durch, sondern sinnen zunehmend über Angriffsoptionen nach, so Lin im Gespräch mit Technology Review.
"Offensive Cybertechnologien und -operationen haben mehr Gewicht – Angriff schlägt in den meisten Fällen Abwehr im Cyberspace, vorausgesetzt, man hat genug zeitlichen Vorlauf", sagt Lin, wissenschaftlicher Leiter des Computer Science and Telecommunications Board. Cyberangriffe könnten militärische und zivile Infrastrukturen wie die Stromversorgung schwer beeinträchtigen. Auch könnten mit ihnen militärische oder Firmengeheimnisse ausspioniert werden. Experten warnen seit längerem, dass derartige Angriffe nicht nur blitzschnell erfolgen könnten, sondern auch schwer zurückzuverfolgen seien. Umso mehr, wenn Daten durch Server in diversen Ländern geleitet werden.
"Da niemand weiß, wie hier eine wirksame Verteidigung aussieht, gewinnen offensive Überlegungen zwangsläufig an Gewicht. Abschreckung funktioniert auch nicht, da Vergeltungsschläge schwierig sind. Wer im Cyberspace im Vorteil sein will, muss auf offensive Operationen setzen", betont Lin. "Ich wünschte, ich läge falsch, fürchte aber, dass wir uns in genau diese Richtung bewegen."
Lin hatte bereits an einem Bericht der National Academies von 2009 mitgearbeitet, der mahnte, es sei Zeit, dass die USA mit anderen Ländern Gespräche über Regelungen aufnähmen. Angesichts der Entwicklung sei eine strategische Debatte im US-Kongress nötig. Zudem müssten bessere Verfahren entwickelt werden, um Bedrohungen feststellen zu können. Ein Folgereport wies dann auf die Probleme von Cyber-Abschreckungsstrategien hin. Doch im November 2011 plädierte dann Keith Alexander, Chef des Geheimdienstes NSA und des U.S. Cyber Command, dafür, nicht nur die Verteidigung gegen Cyberangriffe zu verbessern.
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(bsc)