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Was war. Was wird. Die Weihnachtsedition

Brunnenbauen? Ja, so fangen manche Kriege an, erinnert sich Hal Faber auch in diesen Friede-Freude-Eierkuchen-Tagen. Genauso wie manche Terrorserie als Nothilfe fĂĽr perspektivlose Nazis.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich - das auch an Weihnachten.

Was war.

*** Stille Nacht, eilige Nacht. Während die Ad-Hoc-Christen ihre Glaubensrelikte wieder einsammeln, darf die kleine Wochenschau aus dem Sündenpfuhl am Rande der norddeutschen Tiefebene die Leser abholen, die eine Weihnachtsansprache zuviel gehört haben und keinen Gott in Windeln sehen wollen. Sodom und Hannover, titelte die tageszeitung über die weltoffene Stadt der Kreisverkehre, mit kleinen Anleihen aus dem christlichen Schmachtfetzen Ben Hur, diesem ersten Lehrstück in Sachen Urheberrechtsverletzung. Seite an Seite mit Margot Kässmann reitet da der Altkanzler Gerhard Schröder, das Urvieh, von dem sich der liebe Herr Wulff immer distanzieren wollte und sei es durch ein spießiges Häuschen in Großburgwedel.

*** Schröder, Gerhard? Vor 10 Jahren stellte der Niedersachse nicht nur die Vertrauensfrage, als er im deutschen Bundestag abstimmen ließ. "Das Mandat, dem zuzustimmen ich Sie heute bitte, bezieht sich auf Kabul und Umgebung. 'Umgebung' meint in erster Linie den einzig brauchbaren Flughafen. Auch insoweit sind, denke ich, die Erwartungen vieler hier im Hohen Hause erfüllt worden. Es ist gefordert worden, das Mandat müsse zeitlich begrenzt werden. Auch das geschieht. Man kann darüber streiten, ob die sechs Monate eine zureichende Begrenzung sind. Aber das ist nun einmal Gegenstand des Sicherheitsratsbeschlusses gewesen. Ich denke, wir sollten jetzt keine abstrakten Diskussionen über die Frage führen, ob sechs Monate ausreichen oder nicht, sondern deutlich machen: Es handelt sich um ein von den Aufgaben her, vom Einsatzort her und von der Zeit her begrenztes Mandat." Mit 538 Ja-Stimmen, 35 Nein und 8 Enthaltungen zog Deutschland in den Krieg nach Afghanistan. Maximal 5000 Mann für maximal sechs Monate wurden zum "Brunnenbauen" abkommandiert.

*** Ja, damals sah es finster aus in Afghanistan. Das Internet war verboten, Disketten wurden als unislamisch deklariert. Doch dann begann US-Präsident Bush mit seinen Angriffen auf Afghanistan und die Wirtschaft florierte, der Cyberwar bot glänzende Perspektiven, die Drohnen stiegen auf. Bald war alles wieder gut und Kabul wieder online. Schröder, Gerhard zitierte weihnachtlich gestimmt eine dpa-Meldung zur Wahl von Hamid Karzai: "Kurz vor seiner Vereidigung hat der neue afghanische Übergangsregierungschef Hamid Karsai Afghanistan Frieden versprochen. Er wird zitiert: Ich möchte versprechen, dass ich Ihre und meine Aufgabe erfüllen will, Afghanistan Frieden zu bringen. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN) Weiter: Wir respektieren die Frauen, die die Hälfte unseres Volkes ausmachen, und wir geben ihnen ihre Rechte. Das sind die Schlüsselsätze von Herrn Karsai, der heute in sein Amt eingeführt worden ist."

*** Vom ruhmreichen Brunnenbauen ist wenig übrig geblieben, ein Boulevard-Blatt druckt Schock-Fotos aus dem Krieg, der auch bei uns inzwischen Krieg genannt werden darf. Der gefeierte Herr Karsai fährt seinen eigenen Kurs und weihnachtlich dankbare Gefühle werden nicht gen Himmel geschickt, sondern via Internet zu den tapferen Steuerleuten der Drohnen: These guys are up above firing at the enemy wird ein Colonel McDonald zitiert. "They love that, they feel like they’re protecting our people. They build this virtual relationship with the guys on the ground." Und was die berühmten Kollateralschäden angeht, so ist alles halb so schlimm: "Collateral damage is unnerving or unsettling to these guys." In Zukunft fliegen sie vier UAVs gleichzeitig.

*** Vor 10 Jahren, war sie schon in Gang, die Anschlagsserie, die das nunmehr auf Facebook fahndende Bundeskriminalamt politisch korrekt als Ceska-Morde bezeichnet. Nach und nach kommt heraus, was der Thüringer Verfassungsschutz sich da geleistet hat, vom geplanten Geld für falsche Pässe bis hin zu regelmäßigen Telefonaten eines V-Mannes und schließlich die Vernichtung von Beweismitteln. "Umso stärker hat uns alle schockiert, dass rassistisch verblendete Verbrecher über viele Jahre Menschen ausländischer Herkunft geplant ermordet haben. Das haben wir nie für möglich gehalten", heißt es in der Weihnachtsansprache eines Großburgwedeler Hausbesitzers. "Wir schulden uns allen Wachsamkeit und die Bereitschaft, für unsere Demokratie und das Leben und die Freiheit aller Menschen in unserem Land einzustehen. Das fängt schon im Alltag an: Es hängt auch von mir selbst ab, welches geistige Klima in meiner eigenen Familie, in meiner religiösen Gemeinde, in meinem Stadtteil oder in meinem Verein herrscht." Nein, in diesem Text kommt keine Partei vor, nur die Familie, die religiöse Gemeinde, ein Stadtteil und der Schützenverein. Wie sollte man auch, wenn eine junge forsche CDU-Familienministerin eine Broschüre "Linksextremismus verhindern" finanziert, die ein Bild der Demonstranten von "Freiheit statt Angst" enthält. Wo, wenn nicht hier zeigt sich denn die Bereitschaft der Zivilgesellschaft, für die Demokratie und die Freiheit aller Menschen in unserem Land einzutreten?

*** "Wir können gar nicht früh genug begreifen, wie dumm und schädlich Ausgrenzung oder gedankenlose Vorurteile sind." Was dieses unsere Land einfach braucht, ist Empathie, Empathie und noch mehr Empathie. Empathie ist etwas, dass in Sodom und Hannover eine Art Verbindungsglied ist, etwa bei der leicht ölig riechenden Verleihung der pädagogischen Ehrendoktorwürde, nach einer Spende eines hässlichen Hau^H^H, nach einer Geldspende von 500.000 Euro. Was für eine bewegende Laudatio: "Besonders hob der Ministerpräsident das Empathievermögen Maschmeyers hervor und zeichnete ihn als einen Menschen, der von dem Gefühl bewegt sei, dass er sich in andere Menschen hineinversetzten könne." Sich in Menschen hinversetzen und ausrechnen, wieviel Geld sie brauchen, ist zweifellos eine Fähigkeit, aus der sich Kapital schlagen lässt. Mit der nötigen Empathie können wir uns in die Ärmsten hineinversetzen, die in ihren Hartz-IV-Ställen sitzen und sich nichts zum Fest schenken können. Oh, von Armut ist in der gefühlvollen Ansprache nicht die Rede, nur vom Irgendwie Anders, dem Bilderbuch. Irgendwie Anders sind halt auch die, die nicht so einfach sparen können wie echte Bundespräsidenten.

*** Immerhin, das kann man stehen lassen: "Europa ist unsere gemeinsame Heimat und unser kostbares Erbe. Es steht für die großen Werte der Freiheit, der Menschenrechte und der sozialen Sicherheit." Wenn dabei klar ist, dass unser Europa kaum christliche Wurzeln aufweist, sondern auf den Werten der Aufklärung und des islamischen Rationalismus beruht, kann es noch was werden. Oder sieht Europa etwa so aus?

Was wird.

Noch ist 2011 nicht vorbei, auch wenn die nächste Wochenschau aus der Tiefebene zwischen Sodom und Hildesheim im neuen Jahr erscheint. Bis dahin dürfte die Flut der Jahresrückblicke abgeklungen sein. Das Jahresend-WWWW mit den üblichen statistischen Betrachtungen steht an, die Glaskugel mit den Prognosen wird schon geputzt. Wie war das noch? 2011 sollte dank Cisco Cius den Durchbruch der Bildtelefonie bringen und nichts Geringeres als die Neuerfindung des Büros. Solch mutige Prognosen brauchen wir. Und einen neuen Präsidenten. Der alte wird ohne zu zögern alle Gesetze unterzeichnen, die ihm seine Gönnerin und ihre vielen Schwammdrüberputzerfische vorlegen, auch wenn verfassungsrechtliche Zweifel bestehen. Ein erstes Beispiel gefällig? (jk)