Was war. Was wird.
Andrea pfeift und knattert, die Bäume schwanken, in Berlin wackelt ein Schlossbewohner und in Saarbrücken kippt Jamaika. Nur Hal Faber bleibt – ganz Niedersachse – erdfest und sturmverwachsen,
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Hui, hui, es pfeift und knattert, die Bäume schwanken und die Eichhörnchen werden seekrank. Wieder einmal ziehen die Stürme über die norddeutsche Tiefebene, doch da lachen wir und singen: "Wir sind die Niedersachsen, erdfest und sturmverwachsen!" Auch wenn es Landeskinder gibt, bei denen nur noch vom Verwachsen, Verkrümmen und Vergessen die Rede ist. Wenn es Niedersachsen gibt, die als ehemalige Landesväter einen rätselhaften Hang zum Süddeutschen hat, Banken inklusive. Ganz zu schweigen von anonymen Geldüberweisungen, die noch weiter südlich zum Geschäftsstil ehrenwerter Männer gehören. Ab hach, wir kennen ihn ja, den neuen bundesrepublikanischen Amtseid, den der Internet-Berater zu Guttenberg geprägt hat: "Es wurde zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht." Den Rest verbuchen wir ganz zeitgemäß als Training on the Job des bewährungsprobenden Bundespräsidentenpraktikantens. Angeblich steht der nächste Praktikant schon bereit. Wie wäre es, das Amt des Bundespräsidenten ganz abzuschaffen oder, als Krone der deutschen Demokratie, dem Bundestagspräsident zuzuschlagen? Die Überzeugung, dass dies mit Goethe nicht passiert wäre, ist doch nur xìng zāi lè huò - billige Schadenfreude.
*** Sieht man von der "Würde des Amtes" ab, die bei eBay als gebrauchter Artikel kurzzeitig sehr günstig im Angebot war und abseits der Sonntagsreden niemanden interessiert, bleibt eine Mailbox als Prüfstein der Wahrheit übrig. Weite Teile des würdevollen Monologes sind inzwischen bekannt, der Rest soll zum Prüfstein des Informationsfreiheitsgesetzes werden. Der Bundespräsident als Leserreporter von "Bild kämpft für Sie": Was diese aufgezeichnete Würde anbelangt, so ist es durchaus auffällig, dass alle Welt von den zwei Standards der Pressefreiheit redet und niemand von dem Quellenschutz, der da missachtet und von einer Boulevardzeitung demoliert wird. Dazu passt wie Deckel auf Eimer die juristische Verdrehung bei der Telekommunikationsüberwachung, dass journalistische Dateien nicht mehr dem Verwertungsverbot unterliegen sollen, sondern die Verwertung nach einer "Abwägung der Verhältnismäßigkeit" erlaubt ist.
*** Wird nichts passieren und eine Fiktion weiter präsidieren? "Die SPD wartet auf die Schleswig-Holstein-Wahl, die CDU auf kollektive Demenz", schreibt ein sehr optimistischer Kommentator. Nun ist das kleine Schleswig-Holstein nach dem noch kleineren exbunten Saarland für eine Testwahl eine ausgesprochen Rutschpartie, wenn das eintritt, was Spanien zum Jahresanfang erlebt hat. Ähnlich wie in Schleswig-Holstein (und Belgien, Dänemark und Frankreich) arbeitet man daran, Internet-Glücksspiele und Online-Poker zu legalisieren. Statt der erwarteten 20, 30 Anträge wurden über 300 Anträge von 64 Firmen auf eine Spiellizenz eingereicht, weswegen das große Zocken frühestens zur Jahresmitte beginnen kann. Ein vergleichbarer Ansturm, der Schleswig-Holstein zum Boomland machen würde, brächte die das Zocken ablehnende SPD in ordentliche Bedrängnis, auch jetzt schon. Lustig knattern die Segel, wenn der Geldregen einsetzt. Warum das Thema in dieser kleinen Wochenschau seinen Platz hat, zeigt unser Nachbarland Frankreich. Dort hat die Spielaufsichtsbehörde Arjel die Internet-Provider zu Websperren verdonnert, eine Maßnahme, die auch in Belgien auf der Tagungsordnung steht, aber noch nicht greift: Weil die vier großen ISP ohnehin sperren, sollen sich viele Belgier bereits jetzt schon für einen der alternativen DNS-Dienste entschieden haben.
*** Das neue Jahr hat sich auf die Socken gemacht und bereits ein paar Überraschungen präsentiert. Zu ihnen gehört das sich abzeichnende Ende von Kodak, einstmals lange vor Apple und Google die strahlende Verkörperung erfolgreicher Ingenieursarbeit. Zur bitteren Pointe gehört, dass Kodak die Digitalkamera erfand, aber nicht verstand, was die eigenen Tüftler da entwickelt hatten. Die Entscheidung für den Ausbau des Druckergeschäftes in Verbindung mit einem ausufernden Patentkrieg dürfte in die Lehrbücher des Missmanagements eingehen und Kodak einen Platz an der Seite von Polaroid sichern. Zusammen mit der schwächelnden Motorola und General Electric gehörte Kodak zu den Gründungsmitgliedern der Consumer Electronics Show (CES), von der es ursprünglich eine Sommer- und eine Winterveranstaltung gab.
*** Vor 30 Jahren wurde am 7. Januar auf der CES'82 ein potemkinsches Dorf präsentiert, der Commodore C64. Dieser "Consumer Computer mit 64 KB RAM" wurde bei Commodore über Weihnachten hastig zusammengeschraubt, weil man die Konkurrenz von Atari und Tandy blockieren wollte. Auch zur Sommer-CES war der "Brotkasten" noch ein Stück Vaporware. Im Krieg der Homecomputer setzte sich der Rechner erst durch, als Mitte 1983 der Händlerpreis auf 200 Dollar gesenkt wurde. Der Preis hatte seinen Preis: Für die Massenproduktion des Rechners mussten die Ingenieure bei Commodore viele anspruchsvolle Projekte aufgeben und beständig an der Optimierung des Kastens arbeiten. Beim verklärten Blick zurück darf die INPUT 64 vom wirklich kleinen Verlag aus der norddeutschen Tiefebene nicht fehlen, aus der sich die iX entwickelte. Ob all die Nostalgie uns heute weiterhilft, darf der Teil der Generation C64 beweisen, der ausgerechnet die SPD beflügeln will, die in ihrem ganzen Elend ein vierdimensionales Panopticon namens Vorratsdatenspeicherung befürwortet. Dass ausgerechnet die Maschine von Tanja Nolte-Berndel bei der Debatte um die Websperren dafür sorgte, dass eine Generation C64 erfolgreich zurückschlagen konnte, darf man in die Reihe der großen Volksmärchen und -Sagen einordnen.
Was wird.
Wie in der letzten Wochenschau erzählt, glaubte man vor 50 Jahren daran, dass 2012 ein Kommunikationschip im Rückenmark zur Standard-Ausstattung moderner Menschen gehören könnte. Dieser Glaube hat sich zerschlagen, ein Bandbreiten fressendes Smartphone tut's auch. Für die kommende Generation Doof empfiehlt ein Medienphilosoph ein Gehirn-Chip-Implantat mit Filterregeln für die anstehende Informationsflut. Was bleibt angesichts dieser Verkümmerung der Gedankengänge schon übrig, als auf den Start einer Reihe von Veranstaltungen hinzuweisen, die über das ganze lange Alan-Turing-Jahr 2012 zu Ehren von Alan Turing verstreut sind. Den Anfang macht das Heinz-Nixdorf-MuseumsForum am kommenden Dienstag mit der Ausstellung Genial & Geheim. Nach Angaben des Museums soll nicht nur der Codeknacker vorgestellt werden, der den Funkverkehr der Wehrmacht entschlüsselte. Das ist ein guter Zeitpunkt, daran zu erinnern, dass Turing nicht nur über Maschinen und Turing-Tests nachdachte, sondern mindestens ebenso scharf über den Menschen. Auch wenn sich Turing intensiv der Biologie und besonders der Morphogenese beschäftigt hatte, lagen ihm Gedanken wie der Verbindung von Gehirn und Computer fern, obwohl er einen von ihm mitkonstruierten Rechner, die Automatic Computing Engine (ACE) als "Brain" bezeichnete. Im Jahre 1948 schrieb Turing:
"...the isolated man does not develop any intellectual power. It is necessary for him to be immersed in an environment of other men, whose techniques he absorbs during the first twenty years of his life. He may then perhaps do a little research of his own and make a very few discoveries which are passed on to other men. From this point of view the search for new techniques must be regarded as carried out by the human community as a whole, rather than by individuals. (vbr)