Sanfter Höhenritt

Japans Fahrstühle gehören nicht nur zu den schnellsten der Welt. Sie fahren sogar so sanft, dass eine auf die Kante gestellte Münze nicht umfällt.

vorlesen Druckansicht 3 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Martin Kölling

Japans Fahrstühle gehören nicht nur zu den schnellsten der Welt. Sie fahren sogar so sanft, dass eine auf die Kante gestellte Münze nicht umfällt.

Ich dachte bisher, es sei einer dieser verrückten "Urban Myths": Japanische Fahrstuhlhersteller sollen eine Münze hochkant auf den Boden ihrer Personenbeförderer stellen, um zu testen, ob der Lift auch sanft genug fährt. Meine intensiven Fahrtests in Japan und Deutschland hatten mir zwar schon suggeriert, dass es sich nicht nur um einen Mythos handelt. Während es in Deutschland oft rumpelt und ruckelt, spüre ich in Japan bei manchen Fahrstühlen fast nicht mehr, dass er fährt. Doch nun habe ich endlich meine Neugierde befriedigt und zwei vertrauenswürdige Quellen aus der Industrie gecheckt. Ihre Aussage: Der Münztest ist echt.

Eine Quelle sind die Ingenieure von Mitsubishi Electric, die vorige Woche den schnellsten Fahrstuhl der Welt im Detail präsentiert habe. "Japanische Kunden haben extrem hohe Ansprüche an die Sanftheit der Fahrt", erklärte mir Firmenexperte Yoshikatsu Hayashi. Ab 2014 sollen nun die Besucher des 632 Meter hohen Shanghai Tower in China in den Genuss des sanften Höhenflugs kommen – und das mit einer Spitzengeschwindigkeit von 1080 Meter pro Minute (rund 60 km/h). Das sei bisher der Weltrekord für Fahrstühle im Masseneinsatz, meint Hayashi.

Es ist wahrscheinlich kein Rekord für die Ewigkeit. Aber leicht zu übertreffen ist er auch nicht. Man bewege sich damit fast schon am Limit des derzeit technisch Machbaren, glaubt Hayashi. "Wir könnten die Geschwindigkeit vielleicht noch um etwas mehr als zehn Prozent erhöhen." Aber das könne bei heutigen Gebäudehöhen zu Lasten des Komforts gehen, weil die Fahrstühle ja schließlich nicht so rasant anfahren dürfen, dass die Fahrer in die Knie gehen. Und die Japaner beschleunigen ohnehin gerne sanfter als die westlichen Hersteller, sagt Hayashi. Mitsubishi bevorzuge eine Beschleunigung um 0,8 m/s2, westliche Hersteller bis zu 1,1 m/s2, so Hayashi. "Das fühlt sich für uns schon sehr hart an."

Um die Menschen bei diesen Geschwindigkeiten nicht durchzuschütteln, kommt es auf höchste Präzision an. So haben die Laufschienen im Landmarktower in Yokohama, einem der Prestigeprojekte von Mitsubishi Electric, auf 250 Meter Höhe nur eine Abweichung von einem Millimeter. Zusätzlich hat der Elektronikkonzern 2003 aktiv gefederte Führungsrollen eingeführt, um die seitlichen Bewegungen durch Luftwiderstand oder Unebenheiten in den Leitschienen zu senken.

Für Shanghai hat der Konzern noch weiter an seinen Techniken gefeilt, um die Fahrt und den Notstopp noch stabiler, die Kabine schockabsorbierender, leiser, alle Bauteile leichter und die Fahrt komfortabler zu machen. Die Kabine wurde aerodynamischer geformt und die Luftdruckkontrolle verbessert, damit der schnelle Druckwechsel den Passagieren nicht auf die Trommelfelle schlägt. Eine Auffahrt in Shanghai soll schließlich weniger als eine Minute betragen. Darüber hinaus wurde natürlich auch noch am Gewicht der Kabine und den Kabeln gefeilt. Das Kabel ist zwar um 18 Prozent schwerer, aber dafür um 85 Prozent stärker geworden. Und für den Fall, dass die Motoren versagen oder die Seile reißen sollten, wurden auch die Sicherheitssysteme für Notstopps und Öldämpfer am Grund des Aufzugschachts verbessert. So spektakuläre Abstürze wie in Filmen, bei denen der Fahrstuhl beim Aufschlag in einer großen Explosion zerstäubt, dürfte es im realen Leben kaum mehr geben, denke ich.

Zum Abschluss ein Nebenaspekt: Spacige Aufzüge, die ohne Kabelrollen Riesenwolkenkratzer hoch und runter sausen, wird es mit den Japanern nicht geben. Hydraulische Aufzüge wie sie gerne in deutschen Bahnhöfen verwendet werden (und für hohe Gebäude ohnehin nicht in Frage kommen), sehen vielleicht schick aus, verbrauchen aber im Vergleich zu modernen Kabelaufzügen weitaus mehr Strom und auch nicht weniger Platz. Denn bei den neuesten Generationen haben die Hersteller die Miniaturisierung der Anlagen soweit vorangetrieben, dass kein Maschinenraum mehr notwendig ist, sondern alle System im Schacht Platz finden. Und die Entwicklung von kabellosen Aufzügen hat zumindest Mitsubishi bereits vor zehn Jahren gestoppt. Man habe mit Magnetschwebetechnik gearbeitet. "Aber die Kosten waren enorm hoch und die Energieeffizienz sehr schlecht", sagt Hayashi. Wie dem auch sei. Ich werde versuchen, bei der Jungfernfahrt in Shanghai an Bord des Lifts zu sein. (bsc)