Deutschlands dümmste Ampel
Häuser, Autos, Fernseher – alles wird immer intelligenter, nur die Lichtzeichenanlagen nicht.
Im vergangenen Sommer sind wir mit dem gesamten Verlag in ein neues Gebäude gezogen. Der Weg zur Arbeit hat sich dadurch nicht sonderlich geändert. Allerdings muss ich jetzt eine vierspurige Straße überqueren. Schon vom ersten Augenblick an war mir klar, dass diese Kreuzung und ich keine Freunde werden würden. Ich frage mich seitdem zwei Mal täglich, warum Ampeln nach wie vor so strohdumm sind, wenn doch mein Handy angeblich schon eine Mondlandefähre steuern könnte. Mir ist klar, dass die Ampelsteuerung ein schwieriges Geschäft ist, bei dem man es nie allen recht machen kann. Aber die Ampeln in Hannover schaffen es, sämtliche Verkehrsteilnehmer gleichermaßen zu nerven. Wenn ich motorisiert zur Arbeit komme, ist jede einzelne Ampel auf dem Weg rot. Jede einzelne. Selbst wenn die Ampeln vom Zufall gesteuert wären, würde der Verkehr besser fließen. Das wird in Hannover gerne damit erklärt, dass Busse (wie in vielen anderen Großstädten auch) eingebaute Vorfahrt haben, sich somit ihre eigene grüne Welle verschaffen und damit den restlichen Verkehr ausbremsen. Das ist prinzipiell auch in Ordnung so, aber keine befriedigende Erklärung für das ständige Ampelversagen, denn so viele Busse sind hier nun auch wieder nicht unterwegs.
Die befremdliche Ampelschaltung vor dem Verlag lässt sich reproduzieren, hat also offenbar Methode. Wenn ich mit dem Fahrrad oder zu Fuß die leere Kreuzung legal überqueren möchte und den Anforderungsknopf drücke, tut sich erstmal lange nichts. Erst, wenn eine Autokolonne von der nächsten Kreuzung bei der Ampel ankommt, springt sie um. So ärgern wir uns alle: Ich, weil ich so lange warten muss, und die Autofahrer, weil die Ampel direkt vor ihrer Nase auf Rot schaltet.
Eine der dümmsten Lichtzeichenanlagen Deutschlands ist sicherlich eine Fußgängerampel an der Adickes-Allee in Frankfurt am Main. Wenn man drückt, bekommen zunächst alle von links kommenden Autos rot, die auf der Gegenspur dürfen erstmal weiterfahren. Irgendwann schaltet die Ampel auch auf der anderen Spur auf Rot, doch statt den Fußgänger jetzt endlich durchzulassen, bekommt die erste Autospur plötzlich wieder grün – und dann die zweite Spur auch noch! Auf beiden Seiten hat sich zwischendurch für nichts und wieder nichts eine Kolonne von vier bis fünf Fahrzeugen gebildet und wieder aufgelöst, und der fassungslose Fußgänger muss weitere gefühlte fünf Minuten warten, bis auch er endlich grünes Licht bekommt.
Das Frankfurter Beispiel ist offenbar Folge einer Fehlprogrammierung, die schon mal vorkommen kann. Dennoch frage ich mich, warum auch die Mehrzahl der regulären Kreuzungsampeln immer noch so hirnlos ist. Natürlich gibt es schon viele verkehrsabhängige Anlagen und aufwendige Forschungsprojekte für die optimale Ampelsteuerung. Aber muss man wirklich erst überall Induktionsschleifen verbuddeln, Videokameras installieren, selbstlernende Algorithmen schreiben und Kreuzungen vernetzen, um den gröbsten Unfug auszumerzen? Eine Webcam oder ein Bewegungsmelder für ein paar Euro fuffzich müsste doch reichen, einer Ampel klar zu machen, dass eine Straße autofrei ist und man Fußgänger jetzt durchlassen kann – und zwar sofort und nicht erst in einer halben Minute.
Autistisch vor sich hin schaltende Lichtzeichenanlagen sind für mich jedenfalls eine dreifache Provokation – erstens als technikaffiner Mensch, der nicht einsehen mag, dass die meisten Ampeln auch im 21. Jahrhundert noch stumpf nach einem festen Zeitraster arbeiten. Zweitens als Verkehrsteilnehmer, der irgendwann auch mal ankommen möchte. Und drittens als (meist) gesetzestreuer Bürger, der es für eine Zumutung hält, sich an völlig sinnlose Vorgaben zu halten wie der, vor einer leeren Kreuzung stehen zu bleiben. (wst)