Klimakrieg im Internet

Im Internet sind gestohlene Papiere aufgetaucht, die belegen sollen, mit welchen Mitteln die Industrie Zweifel am Klimawandel säen will. Darf man solche Dokumente stehlen und offenlegen?

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Politik funktioniert so, wie klein Fritzchen sich das vorstellt: Ein einflussreicher und in der Öffentlichkeit sehr aktiver US-Think-Tank plant eine Kampagne in US-Schulen, um schon bei den Kindern Zweifel am Klimawandel zu sähen. Das geht aus gestohlenen Dokumenten hervor, die kürzlich im Internet veröffentlicht worden sind. Das betroffene „Heartland Institute“ wird von zahlreichen US-Unternehmen gesponsert - unter anderem auch von Microsoft und GlaxoSmithKline, die allerdings mittlerweile betont haben, ihre Spenden seien jeweils zweckgebunden gewesen.

Besonders pikant: Die Strategie, mit der die Botschaft der Klimaskeptiker verbreitet werden soll, orientiert sich an den Kampagnen der Kreationisten - fundamentalistische Christen, die die Evolutionslehre von Charles Darwin aus dem US-Schulunterricht verbannen wollen. Die Papiere sind dem "Desmogblog" nach eigenen Angaben von einem Unbekannten zugespielt worden

Soweit alles amüsant, aber nicht wirklich überraschend: Beobachter vermerkten amüsiert, dass auf der Spenderliste des Heartland Institute keine großen Energiekonzerne stehen. Und die Stiftung selbst bestätigte zwar die Echtheit der meisten Unterlagen. Das Dokument jedoch mit dem Namen "Vertrauliche Mitteilung: Heartland Klima-Strategie 2012" soll jedoch eine Fälschung sein. Inhaltlich passt es zwar hervorragend zu dem, was das Institut sonst so schreibt - aber das ist bestimmt nur ein böser Zufall.

Interessant wird die Geschichte aber durch eine neue Wendung: Peter Gleick, Leiter des "Pacific Institute" hat gegenüber der Huffington Post mittlerweile zugegeben, dass er sich unter einem falschen Namen Zugang zu den Dokumenten verschafft hat - und er entschuldigt sich für das Fehlverhalten. Jetzt läuft eine Diskussion darüber, ob Gleick mit der Aktion seine Glaubwürdigkeit verspielt hat.

Dabei hat er weit mehr getan, als die Hacker, die sich 2009 Zugang zu den Rechnern der University of East Anglia verschafft und Hunderte von alten E-Mails und Forschungsergebnisse der East Anglia‘s Climatic Research Unit (CRU) im Internet veröffentlicht hatten. Auf den ersten Blick enthielt das Material zwar keine Sensationen, war aber durchaus geeignet, Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Klimaforscher aufkommen zu lassen: Ein Forscher soll beispielsweise stolz berichtet haben, er habe einen Trick gefunden, um Daten so darzustellen, dass sie eine dramatische Klimaänderung zeigen würden. An anderer Stelle soll recht offen darüber diskutiert worden sein, dass die gemessene Temperaturzunahme im Vergleich zur Theorie viel zu gering sei.

Obwohl die Mails in mehreren unabhängigen Untersuchungen keine stichhaltigen Belege für echtes wissenschaftliches Fehlverhalten oder gar eine Manipulation der Öffentlichkeit ergaben, hinterließ sie tiefe Zweifel an der Klimaforschung.In der Öffentlichkeit wurde innerhalb weniger Monate der wissenschaftliche Konsens der letzten zehn Jahre radikal in Frage gestellt nach dem Motto: Eigentlich wissen wir gar nichts – und wenn wir es recht bedenken, ist dieser ganze Öko-Mist auch verdammt teuer. Außerdem: So ist das Leben – es gibt immer Gewinner und es gibt immer Verlierer.

Was passiert diesmal? Mit seinem Outing hat Gleick meiner Meinung nach eher seine „Credibility“ erhöht. Und das ist eine Währung, die man nicht unterschätzen sollte: Die Beurteilung der Qualität einer Information im Internet ist ganz eng mit der Herkunft dieser Information verknüpft - das schützt gegen den alltäglichen "Information Overflow". Kann also gut sein, dass die Sache für Gleick und seine Freunde am Ende gut ausgeht. Schade ist nur, dass damit der eigentlichen Frage nicht gedient ist: Wie verhalten wir uns gegenüber dem Klimawandel. Diese Frage ist im Kern politisch und nicht wissenschaftlich. Und von der Notwendigkeit, in allernächster Zeit eine Antwort auf diese Frage zu finden, lenkt die Heartland-Affäre nur ab.

(wst)