Fukushima-Pressefahrt soll Vertrauen wiederherstellen
Erstmals hat die japanische Regierung ausländischen Journalisten erlaubt, das havarierte japanische Atomkraftwerk zu besuchen. Japan-Korrespondent Martin Kölling war für TR mit dabei.
Die japanische Regierung hat ausländischen Journalisten erstmals erlaubt, das havarierte Atomkraftwerk Fukushima 1 zu besuchen. Wissenschaftsautor Martin Kölling hat für die Online-Ausgabe von Technology Review eine Reportage mit seinen Eindrücken verfasst.
Die japanische Regierung bemüht sich sehr, den Routine-Charakter der Aufräumarbeiten zu betonen. Der Chef des AKWs, Takeshi Takahashi, erklärte gegenüber den ausländischen Journalisten, dass die Lage "relativ stabil" sei. Die Temperatur liegt nach Angaben von Tepco in den Reaktoren 1 bis 3 und im prall mit Brennstäben gefüllten Abklingbecken von Reaktor 4 seit Monaten unter 100 Grad Celsius. Die Kühlung und die Dekontaminierung des Wassers funktioniere. Und die Systeme würden immer krisensicherer gemacht, so Takahashi. "Ich kann nicht sagen, dass es keine Probleme gibt", warnte er dennoch.
Dass am AKW die Arbeit ausgeht, ist demnach nicht zu befürchten. Katsuhiko Iwaki, stellvertrendender Superintendent des "Stabilisierungszentrums im AKW Fukushima 1" der Betreiberfirma Tepco, sagte, er glaube zwar, dass die Zahl der Arbeiter bald schon gesenkt werden könne. Aber es bleibe genug zu tun für die kommenden Jahrzehnte. Die Anlage werde noch für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte eine nukleare Zeitbombe bleiben.
Wirklich hochradioaktive Bereiche werden von den Arbeitern indes derzeit gar nicht betreten – wie der dritte von den sechs Meilern des Atomkraftwerks, an dem die Pressetour die höchste Strahlung gemessen hat. "Wir wissen noch immer nicht genau, wie hoch die Strahlung innen ist", sagt Iwaki. Akut bereitet den Rettern besonders das Gebäude von Reaktor 3 Kopfzerbrechen. Weil die Schäden so schwer und die Strahlung so hoch sei, müsse zuerst eine neue Struktur um die Ruine gebaut werden. Dazu müsse ferngesteuertes Gerät eingesetzt werden. Erst dann könne der Abbau der Trümmer begonnen werden. "Bis wir an den nuklearen Brennstoff rankommen, wird noch eine lange Zeit vergehen", sagt Iwaki.
Ein Jahr nach Kraftwerkskatastrophe von Fukushima zeigt sich immer deutlicher, wie schlecht die Hightech-Nation Japan auf ein Versagen ihrer nuklearen Technik vorbereitet war. Das geht auch aus der Bestandaufnahme hervor, die Kölling für die aktuelle Print-Ausgabe von TR geschrieben hat (seit vergangener Woche am Kiosk und im heise-Shop erhältlich ). Während die Aufräumarbeiten nur langsam vorankommen, ist zudem weiterhin völlig unklar, ob das Land aus der Atomenergie aussteigt oder weiter auf sie setzt.
Das wird unter anderem entscheidend von den Ergebnissen zweier Untersuchungsausschüsse abhängen, die den genauen Ablauf der Unfall-Ereignisse klären sollen. Die Regierung hat unter der Leitung des emeritierten Professors Yotaro Hatamura einen Ausschuss eingerichtet, der die Ursachen des Unfalls untersuchen soll. Mehrere Hundert Zeugen wurden bereits vernommen, und schon der Zwischenbericht hat im Dezember ein Ausmaß an Kungelei, Schlamperei, fehlender Sicherheits- und Kontrollkultur aufgedeckt, der vielen Japanern das Blut in den Adern stocken ließ.
Noch mehr versprechen sich Atomkraftkritiker jedoch vom zweiten Ausschuss, einem beispiellosen Experiment: Es handelt sich um den ersten unabhängigen Untersuchungsausschuss des japanischen Parlaments. Dieser wird nicht nur vom ehemaligen Wissenschaftsberater der Regierung, dem emeritierten Professor Kiyoshi Kurokawa, geleitet, einem Kritiker der Atomindustrie. Darüber hinaus sitzen erstmals einige der lautesten Kritiker der Atomindustrie an Schlüsselpositionen und nicht nur als Alibi-Mitglieder am Katzentisch. Frühestens im Sommer, wenn die beiden Ausschüsse ihre Abschlussberichte vorgelegt haben, wird die Politik endgültig über das Schicksal von Japans Atomindustrie und einer Neuausrichtung der Energiepolitik entscheiden.
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(bsc)