Was war. Was wird.
Der Mobile World Congress ist vorbei, die CeBIT dräut. Hal Faber intoniert das geopolitische Szenario des Stratfor-Chefs und studiert Farben.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
Kebabträume in der Mauerstadt,
TĂĽrk-KĂĽltĂĽr hinter Stacheldraht
Neu-Izmir ist in der DDR,
AtatĂĽrk der neue Herr.
Miliyet fĂĽr die Sowjetunion,
in jeder ImbiĂźstube ein Spion.
Im ZK Agent aus TĂĽrkei,
Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei.
*** Deutschland ist vorbei. Deutschland hat abgedankt. Polen übernimmt die Vorherrschaft, wird Leitnation in Europa und Osteuropa. Dahinter: nichts. Putin-Russland ist auch kollabiert, desgleichen China, wo der Krieg zwischen Provinzherrschern tobt. Die Welt steht im Bann von zwei mächtigen Koalitionen, auf der einen Seite die Achse der beiden verbündeten Supermächte Türkei und Japan, auf der anderen die Neuen Vereinigten Staaten von Amerika, ein Gebilde aus Mexiko, USA und etwas Kanada. Der Kampf zwischen Türkei-Japan und Mexiko-USA ist der Clash der Kulturen, der das 21. Jahrhundert beschäftigt und prägt. Nein, ich habe nichts geraucht, mein Kaffee muselmannisch schwarz, klar und rein, meine Seele wurde schon vor langer Zeit von einem DB-Automaten gefressen. Dieses geopolitische Szenario stammt von George Friedman, dem Chef der Firma Stratfor, deren Mails Wikileaks in homöopathischen Dosen unters Volk bringt. Friedman ist wie sein Freund Francis Fukuyama vom "Ende der Geschichte" besessen und hat Stratfor gegründet, dieses Ende vorherzusagen. Irgendwo in diesem Stratfor-Mails ist eine große Geschichte versteckt, meint Wikileaks. Doch wer die ersten 600 Mails gelesen hat, wird eher zur Ansicht gelangen, es mit einer Bande von Spinnern zu tun haben, die Wikileaks bis aufs Blut hassen, weil sie eine Konkurrenz zum eigenen Geschäftsmodell sind, geopolitischen Klatsch für 349 US-Dollar pro Jahr im Abo zu verkaufen.
*** Aus der Sicht klassischer Geheimdienste wie unserem BND oder MAD/KSA verfolgt Stratfor ein cleveres Geschäftsmodell, das der deutsche Medienpartner von Wikileaks ganz trefflich beschreibt: "Für mich ist die Frage, wie sich Stratfor-Mitarbeiter nach außen hin zu erkennen geben. Tun sie unter Umständen so, als seien sie Regierungsmitarbeiter oder Journalisten?" Die Antwort ist einfach: Es ist egal. Sie brauchen beides nicht. Erst recht brauchen Stratfor-Mitarbeiter das nicht machen, was Geheimdienstler eine "Schüttelstrecke" nennen, wenn sie ihren Quellen Tarnnamen wie Onkel Wanja verpassen, Zeit und Ort der Informationsabschöpfung in eine Legende verpacken. Das alles kümmert den Low-Cost-Geheimdienst nicht und so bereitet es der Stratfor-Konkurrenz ein höllisches Vergnügen, die Informanten über die Mail zu enttarnen, sei es nun James Casey oder Obamas geheimnisvolle Domina Penny Sue Pritzker. Mitten in China wird sie vom Strafor-Getratsche verfolgt.
*** Was vielleicht noch Sorge macht, sind diese unkontrollierten Anarchos von Anonymous, die für Wikileaks das "Kompromat" besorgen. Aber hey, auch daraus lässt sich ein Business machen, wie das Startup Crowdstrike zeigt. 26 Millionen Dollar in der ersten Finanzierungsrunden, dafür kann man schon ein paar Container Club Mate für den Maschinenraum ordern.
*** Schock! Schwere Not! Deutschland, Deutschland ist vorbei: "Schock! 78 Prozent der Muslime wollen sich integrieren!" titelte die tageszeitung über die von Innenminister Friedrich einseitig vorgestellte Studie über "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland", die ein Boulevardblatt zur üblichen Hatzstrecke umdeutete. Muss man bis Seite 277 lesen, um ein differenzierteres Bild zu bekommen? Aber nicht doch. Da könnte ja jeder kommen. Das haben wir noch nie so gemacht. Geifern wir lieber los, wenn islamischer Religionsunterricht an Schulen beginnt und nennen das Ganze verfassungswidrig. Erinnern wir uns an Stratfor: Deutschland wird ohnehin von Polen versenkt und von der Türkei aufgeteilt.
*** Wie bricht man eigentlich eine Lanze für den Schwanzhund und lässt dabei den Phallus als Signifikant intakt? Peter Glaser hat mal nicht den üblichen Katzencontent ins Internet gestellt, sondern eine Hommage an Loriot. Bezeichnend ist, was das spießige humorlose Facebook daraus macht: eine schmierige Angelegenheit, die es in seinem Privatreich nicht duldet. Das ist wiederum ein glaserklarer Fall für den ultimativen Schwanzvergleich und damit ein vorgezogener Hinweis auf Unlike Us das nächste Woche startet: Im Internet ist nichts alternativlos.
*** Das zarte Rot im Ticker hat sich gelegt, der Mobile World Congress ist vorbei. Zahllose schicke Sachen wurden vorgestellt, nur der kluge Wirtschaftsteil einer deutschen Tageszeitung lästert über die klobigen Geräte von Rohde & Schwarz, weil deren weltweit den Standard setzende IMSI-Catcher nun einmal nicht schick auszusehen brauchen. Backend-Ausspähtechnik von Feinsten, da von der Münchener Firma, die Standards für alle Testgeräte setzt. Wenn Rohde & Schwarz etwas verpeilt, ziehen alle Gerätehersteller der Welt mit und bauen den Fehler nach, um kompatibel zu den Messgeräten zu bleiben. Wer könnte dies in der grauen Welt der Software so souverän behaupten? Man denke an die Softwarefirma, von der das Land Niedersachsen das Programm zur Verwaltung der "Ortungsimpulse" bezieht, wie stille SMS im Polizeideutsch heißen. Es ist nicht in der Lage, die Anzahl der verschickten stillen SMS zu zählen. Das Wunderwerk deutscher Programmierkunst ist nach Auskunft der Landesregierung so gestrickt, dass der Einbau eines Zählers in die Datenbank 80.000 Euro kosten soll. Zart errötend wird man von Verarschung sprechen dürfen.
*** Auch die Bundesregierung steht in diesem Punkte an Argumentationsgeschmeidigkeit nicht zurück, wenn sie einem anfragenden Abgeordneten erklärt, dass eine Unterschrift unter ACTA nur eine Zeichnung ist, die den Text eindeutig festlegt und keine Ratifizierung, die der EU und dort dem handelspolitischen Ausschuss vorbehalten ist. Die einmal festgelegte Haltung zu ACTA bleibt, "etwas Intelligenteres" ist nicht in Sicht: Es gibt keine Alternative zu dem in Japan gehüteten Gesetzesschatz, Tina.
Was wird.
Tja, die CeBIT. Managing Trust ist angesagt und das in Hannover. Der Himmel im schönsten Blau, kein Wölkchen zu sehen nach dem 29. Februar. Die CeBIT dagegen? Rot. Rot wie eine BSI-Ampel, nur knapp gerettet dank August Wilhelm Scheer. Weg von Blech und Code, hin zu Themen und Events. Dabei mächtig auf Draht, diese CeBIT. Dank Speedy, dem neuen Ticketsystem, das nicht nur alle möglichen Eintrittskarten erkennt, sondern mit dem Erkennen auch dem Aussteller sofort "signalisiert, ob seine Einladungskampagne erfolgreich war." Vielleicht in gefälliger App-Form, dass die nächsten Beuteltierchen gleich aufschlagen? Darüber freut sich die Messe wie über ihren neuen Eingang. Erdacht von der Firma, die Halle 9 konstruierte, von der in der letzten Wochenschau bereits die Rede war. Eine klare Designsprache mit hellen Betonplatten, das hebt die Stimmung.
Von der Spannung ganz zu schweigen: ein gutes Dutzend Wettbewerbe sind zu Ende, der integrationswillige Sieger der App für Deutschland bekommt einen geschmackvollen Pokal von Bundesinnenminister Friedrich. Bei der Eröffnung von Health & Vitality verteilt Gesundheitsminister Bahr Organspendeausweise und den Leonardo Gesundheitspreis, moderiert von Dr. Eckart von Hirschhausen mit kleinen neckischen Witzen über seine Organspender. Seitdem mein Zahnarzt mit einer Kamera Bilder vom Bohren live auf die Zimmerdecke überträgt, weiß ich, dass Ärzte einen sehr speziellen Humor haben. Auch bei der partymäßig tonangebenden Avantgarde hagelt es Preise in künstlerisch gestalteter Umgebung.
Seit Gottschalk live kennen wir alle den Werbeblock, darum geht es jetzt schnurstracks zum Heise-Forum, stellenweise mit Live-Vorführungen. Die Präsentation der besten Produkte von "Mach flott den Schrott" am Machflottwoch muss allein schon darum erwähnt werden, weil mit den Hardware Hacks ein wirklich anregendes Projekt gestartet wurde. Dann gibt es noch ein grünes Privacy-Barcamp. Nicht im Grünen. Die schöne Stadt Hannover liegt an der Leine, festgezurrt. Traumschiff geht anders und die Titanic kommt noch. Wir kentern dann vor Izmir. (ps)