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Was war. Was wird.

Die CeBIT ist vorbei. Endlich Friede, Freude, Frühling! Wirklich? Angesichts weit verbreiteter Jagd auf Verräter und Arbeitsplätze mögen zumindest Frieden und Freiheit Schlagwörter, aber weit entfernt von ihrer Realisierung sein, befürchtet Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** War was in Hannover? Der Kontakthof CeBIT hat geschlossen, die heißen Go-Go-Tänzerinnen bei Tiger Telematics haben sich wieder angezogen, die UFOs über dem Messegelände sind verschwunden, der Schrott ist flottgemacht. Ja, die Hannoveraner sind wieder unter sich und können sich unbefangen "unter dem Schwanz" verabreden, ohne dass jemand eine Schweinigelei befürchtet. Liebe allerorten, Friede der norddeutschen Tiefebene. Dem reitenden Landesvater sein treues Volk freut sich auf den Frühling: "Stell dir vor, es gibt einen Platz, an dem deine große Liebe nur einen Mausklick entfernt ist", Abort, Retry, Ignore?

*** So frühlingshaft gestimmt erinnert man sich gerne an Etwas Anderes!!!, was da kam, an die Gestalt des Kommenden, an den Freien Jazz. Gestern vor 75 Jahren (oder auch 10 Tage früher, wer weiß das schon genau) erblickte der Mann das Licht der Welt, der mit seinem Plastik-Altsaxophon noch jeden Club leerspielen konnte und, belacht von vielen Zeitgenossen, die Wohlmeinenden ratlos zurücklies. Ornette Coleman aber zeigte mit seinem harmolodischen Jazz tatsächlich die Dinge, die da kommen sollten: Und heute lacht niemand mehr, auch wenn mancher noch schreiend die Flucht ergreifen mag angesichts der freien, improvisierten Musik. Andere aber schlendern derweil ganz gemütlich durch Monk's Casino, das Alexander von Schlippenbach, auf den Schultern von Giganten wie Coleman stehend, wieder eröffnet hat. Freie Musik ist wie Freie Software: Nicht alle mögen sie, leider, aber ein bisschen etwas zur Freiheit der Menschen und damit zum Frieden, ja, ein bisschen etwas kann sie dazu schon beitragen.

*** Also wirklich Friede? Nicht einmal Hannover hat so etwas zu bieten, die Stadt von Schmalstieg und Hamann, die immer noch darüber grübelt, was mit dem Grab von Hans-Jürgen Krahl passieren soll. Die Stadt, in der der 80-jährige von Oertzen partout nicht seine 60-jährige Mitgliedschaft in der SPD feiern möchte. Ein schönes großes Fest sollte es für den Linken werden, der aus reiner Liebe zu seiner Partei den Radikalenerlass gegen Peter Brückner in aller Härte durchzog. Wie sollte es auch Frieden geben in der norddeutschen Tiefebene mit ihrem nördlichen Randbezirk namens Schleswig Holstein, in dem sich im Kieler Landtag die SPD von der Macht zu verabschieden beginnt -- und dies auch noch mit verbalen Entgleisungen vom Schlage "Dolchstoß" als Angriff auf die Demokratie verkaufen will. Die großen Reden aber hält heutzutage der Superhorst mit "Die Ordnung der Freiheit" und die große Koalition beschützt uns vor der skandinavischen Seuche. Traut gehen sie zusammen, die großen Parteien, in Hysterie vereint, bar jedes Verstandes. Wer Parallelen ziehen will, der findet sie bei A2ll, der Software der Hartz IV-Reform. Nach wie vor kann diese Software keine Sanktionen berechnen, genau wie die große Politik völlig unfähig ist, Sanktionen bei den so genannten Arbeitgebern auch nur anzudenken. Der Rest ist abrutschendes Zwischenschichtenfernsehen.

*** Es gibt Menschen, die mögen keinen Kapitalismus. Das ist einfach so. Es gibt auch Menschen, die mögen keine Kolumnen, weil die Kindergartenstruktur der Texte weit unter ihrem Niveau liegt. Es sind grundkranke Kolumnistenhirne oder eben sauschlechte Kolumnen-Algorithmen, die Kapitalismus + Friede zusammenreimen und auf den Irakkrieg kommen. Ja, vor zwei Jahren begann der großartige Sieg der Freiheit. Zum Geburtstag werden wissenschaftliche Studien veröffentlicht, dass dabei unter anderem die Pressefreiheit lädiert wurde, aber nur ein bisschen. Besonders die Kindergartenlogik, dass hinter dem Krieg handfeste Öl-Interessen liegen, musste mit Scheren aus den Köpfen geschnitten werden. Selbst eingebettete Journalisten hantierten wohl mit ihren Wissens-Förmchen in unverantwortlicher Manier, ihre Texte mussten bearbeitet werden.

*** Der Krieg für den Sieg der Freiheit wird bekanntlich geführt, weil es den islamischen Terrorismus gibt, der die westliche Welt bedroht. Darum bekommen alle Menschen außer den Terroristen bald biometrische Daten auf Chips in die Ausweise geklebt, die sie als ehrliche Haut ausweisen. Das funktioniert zwar nicht immer -- jeder Gitarrenspieler kennt mittlerweile den Ärger wegen "abgeschliffener Fingerkuppen" bei der Einreise in die USA --, aber es ist ja eine dynamische Technologie. Das ist jedoch nur der Anfang: Wenn es stimmt, dass die Religion eine Frage der Gene ist, dann brauchen wir eine DNA-Bank all derer, die ihren Hang zum Islam in den Chromosomen tragen. Die Annahme ist irrwitzig? Aber bitte nicht doch, wir haben es auch hier mit einer ungemein dynamischen Technologie zu tun. Die Götter mögen verrückt sein, doch die Gene lügen nicht.

*** Außerdem müssen Daten auf Vorrat gespeichert werden, nicht 180 Tage, nicht 12 Monate und nicht 36 Monate lang, sondern noch viel länger. Und das nicht nur, damit Apple im Bedarfsfall herausbekommt, wer denn da das schöne iTunes-DRM umgehen möchte. Nehmen wir statt solch profaner Software-Lücken, die manch Programmierer ganz geschickt ausnutzt, manch US-Kollege aber nur durch einen Einbruch bei Apple erklärbar findet, lieber den Fall des Autors Rolf Hochhuth ("Turing", "Der Stellvertreter"), der im Alter von 79 Jahren einen dummen Satz über den Holocaust-Leugner David Irving gesagt und sich später für diesen Satz entschuldigt hat. Im nächsten Jahr sollten bei zwei Verlagen zum 80. von Hochhuth Festschriften erscheinen, doch nun kennt man keine Gnade mehr. Angeblich haben sich die jüdischen Autoren bei DVA und dtv entrüstet gezeigt. Komisch nur, dass keiner dieser Entrüstungsjuden gefunden werden kann, kein Telefonat, keine Protest-SMS, keine Mail an die Verleger oder Herausgeber. Mit richtiger Vorratsdatenspeicherung wäre das nicht passiert. Oder haben wir es hier wieder einmal mit den beliebten deutschen Phantomjuden zu tun, die schon der CDU-Kriegskasse Gelder vererbten? Wer die Denunziation liebt, muss den Denunzianten ehren dürfen.

*** Der Sieg der Freiheit und die Ordnung der Freiheit haben natürlich Konsequenzen. In Baden-Württemberg hatte in dieser Woche das letzte Landesparlament für das putzige Kerlchen namens 8. Rundfunkänderungsstaatsvertrag abgestimmt. Damit ist er bundesweit in Kraft getreten. Freuen wir uns über das "größte Data-Mining" der deutschen Geschichte, wenn die GEZ ab dem 1. April endlich die eingekauften 85 Millionen Adressen mit dem eigenen Bestand von 40,6 Millionen zahlenden Teilnehmern abgleichen kann. Diese Ordnung der Freiheit war bislang nicht möglich, weil Datenschützer schwere Bedenken hatten, die von den Parlamentariern per Abstimmung nun ausgehebelt wurden. Wer nur eine bescheidene Hebung auf 17,03 Euro zugesteht, muss der Behörde anscheinend im Gegenzug die Chance geben, 20 Millionen "Erstbriefe" aufs Postamt zu schleppen, damit die 1-Euro-Jobber der GEZ Arbeit bekommen. Superhorst war in seiner Rede tief beeindruckt von der Antwort eines Arbeiters auf Cape Canaveral, der von Superjohn F. Kennedy gefragt, was denn sein Job sei, geantwortet haben soll: "Einen Menschen auf den Mond bringen". In diesem Sinne ist es klar, dass es unser aller Job sein muss, einen Menschen datenfest zu machen. Aufschwung durch Überwachung! So ist das halt in einem Land, in dem die Durchökonomisierung der Gesellschaft als oberstes Ziel vom Bundes-Köhler vorgegeben wird, in einem Land, in dem Menschen nur noch als Arbeitsplätze vorkommen. "It's the economy, stupid!" war der Schlachtruf, mit dem einst Clinton seine Wahlen gewann. Vielleicht sollte man gegen die modernen Wahlkämpfer besser ein "Es ist das Leben, Du Hirni!" ins Feld führen, damit auch nach einem Jobgipfel nicht vergessen wird, dass die Wirtschaft den Menschen zu dienen hat. Ein System, das dies nicht gewährleisten kann, verliert seine Existenzberechtigung. Möglicherweise ist dies die einzige wirkliche Lehre, die man aus dem verdienten Ende des real existierenden Sozialismus ziehen kann.

Was wird.

Wird es was in Salt Lake City? Über 6000 Hirne werden ab Montag in Utahs Hauptstadt zusammenkommen, wenn Novells Hausmesse Brainshare beginnt. Erstmals sollen sich in der Mormonenstadt mehr Linux-Techniker als Netware-Techniker versammeln, heißt es. Ob sie sich weinend in den Armen liegen oder gegenseitig über Sicherheitslücken lästern, ist noch ungewiss. Gewiss ist einzig, glaubt man US-Kollegen, dass ausgerechnet zur wichtigsten Veranstaltung der Cheftechniker Alan Nugent seinen Abgang verkünden wird. Hinzu kommt, glaubt man englischen Kollegen, dass Novell auf der CeBIT einen empfindlichen Dämpfer hat hinnehmen müssen. Weil Suse von Novell aufgekauft wurde und Novell keine deutsche Firma ist, sollen 30 bis 40 Behörden von Suse Linux auf die viel europäischere Debian-Distribution umgestellt haben. Ob die Behauptungen der Credativ-Entwickler stimmen, ist nicht einfach zu ermitteln, da genaue Angaben zu den Behörden fehlen, die den Behördendesktop dieser Firma einsetzen. Vielleicht fehlt einfach nur die richtige Behörde. Das richtige Maß wird ja auch noch gesucht. Ein typisch englischer Witz über Erfahrungen mit geschlossener Software darf einfach nicht fehlen.

FĂĽr alle, die an diesem Wochenende grĂĽbeln mĂĽssen, noch ein aufmunternder fetter Link. Some bonehead emailed me the code that makes my soul. (Hal Faber) / (jk)