Die "Sonne" sticht in See
Ein deutsches Forschungsschiff setzt heute Kurs auf Fukushima. Bremer Wissenschaftler wollen den Japanern helfen, am Meeresgrund die Spuren des Mega-Bebens aufzuzeichnen.
- Martin Kölling
Ein deutsches Forschungsschiff setzt heute Kurs auf Fukushima. Bremer Wissenschaftler wollen den Japanern helfen, am Meeresgrund die Spuren des Mega-Bebens aufzuzeichnen.
Je mehr ich mich mit Tiefseeforschung beschäftige, desto faszinierender finde ich sie. In Filmen wirkt sie zwar weniger spannend als Weltraumabenteuer, bei denen wir sehr viel freier mit unserer Fantasie nicht nur den Raum, sondern auch die Physik krümmen können. Dabei ist die Realität viel spannender. Eine Dose in einem Vakuum so gut abzuschließen, dass die Luft nicht entweicht, erscheint mir fast einfacher, als ein Tauchvehikel so stabil zu bauen, dass es in der Tiefsee nicht vom Druck zerquetscht wird und vom Salzwasser zerfressen wird. Und dann ist da noch die Sicht: Im All haben wir Milliarden Lichtjahre freien Blick, in der Tiefsee fünf bis acht Meter, erzählten diese Woche die Wissenschaftler von der Forschungsstelle Marum der Universität Bremen, nachdem sie in Tokio eingelaufen waren.
Am Dienstag stellte die Truppe eines der ambitioniertesten Vorhaben zur Erforschung des Mega-Bebens vom 11. März 2011 vor: Heute, am 8. März, wird das deutsche Forschungsschiff "Sonne" nach Nordost-Japan aufbrechen. Dort will das deutsch-japanische Forscherteam am Meeresgrund die Spuren aufzeichnen, die die Katastrophe hinterlassen hat. Das Ziel ist, genügend Daten für eine Verbesserung der Erdbebenforschung zu gewinnen. Denn schon jetzt ist klar, dass die Schulbücher der Erdbebenforscher umgeschrieben werden müssen.
Bisher sei man davon ausgegangen, dass die Zonen am äußeren Rand der Reibungszone zwischen der Kontinentalplatte und der pazifischen Platte nicht seismisch aktiv seien, sagt Kimihiro Mochizuki vom Erdbebenforschungszentrum der Universität Tokio. Stattdessen wurde vermutet, dass sich die Platten in größerer Tiefe verhaken und dort ein Beben ausgelöst werden würde, während in den tieferen und flacheren Zonen die Platten relativ glatt aneinander entlang glitten. Nun hat die Realität nach bisherigen Messungen die Theorie gründlich widerlegt.
Im Zentrum des Bebens ist der Boden in rund 7000 Meter Tiefe um 50 Meter nach Osten und um 10 Meter in die Höhe geschnellt, hat eine erste Untersuchung ergeben, die die Japaner im März 2011 direkt nach dem Beben im zentralen Abschnitt der Bebenregion durchgeführt haben. Im Gegenzug ist die Küste um teilweise einen Meter abgesackt. Die "Sonne" soll nun die Zonen außerhalb des Zentrums kartografieren, die für das Verständnis des Bebens ebenfalls von großer Bedeutung sind. Die Daten werden dann mit Karten verglichen, die die Japaner 1999 erstellt haben. Das ist eine riesige Aufgabe, denn die Bebenzone ist ein Gebiet von 200 Kilometer Breite und 500 Kilometer Länge. Darüber hinaus sollen Stichproben aus dem Meeresgrund im Graben aus 7000 Meter Tiefe genommen werden. Damit wollen die Japaner die Geschichte der Erdbeben über die vergangenen Jahrtausende nachzeichnen.
Für die Aufgabe haben die Bremer ihre technischen Schmuckstücke eingeschifft. Das autonome Unterwasserfahrzeug AUV Seal soll in 2000 Meter Tiefe den Boden aus 40 Meter Höhe abtasten. Das ferngesteuerte U-Boot Marum Quest soll die Aufgabe vollenden und Sonden bergen und aussetzen. Die Bremer versprechen dadurch eine weit höhere Auflösung der Karten als ein Scan vom Schiff ermöglichen würde (0,5 mal 0,5 Meter statt 30 mal 30 Meter). Darüber hinaus wollen die Japaner neue Messsysteme für tiefseegängige Seismografen einsetzen, die die Ortungsgenauigkeit von 20 auf einen Meter erhöhen.
Die japanische Seite ist dankbar für die wissenschaftliche Hilfestellung aus dem Westen. "Japanische Wissenschaftler allein könnten es nicht schaffen, wir brauchen die internationale Kooperation", sagt Mochizuki. Auch Professor Gerold Wefer, der Direktor des Marum, freut sich schon auf den lange geplanten Einsatz. Er hofft sogar, dass die gemeinsame Mission die Tür zu einer neuen Epoche der Meeresforschung aufstößt. "Wir versuchen mit der Reise der "Sonne" eine deutsch-japanische Forschungskooperation zu beginnen", sagte er.
Die Zusammenarbeit würde deutschen Geo-Forschern die fantastische Chance geben, in einem der tektonisch spannendsten Länder der Welt Wissen und vielleicht Erfahrung aus erster Hand zu sammeln, wie sich starke seismische Aktivität anfühlt. Nirgendwo bebt die Erde häufiger als in Japan. Und gerade jetzt nach dem großen Erdbeben in Nordost-Japan erwarten einige Forscher eine richtig aktive Erdbebenzeit – mit großen Beben unter Tokio oder vor den Küsten der Hauptstadt. Oder in der Tokai-Region um Nagoya, der Tonankai-Region vor der Küste der Kii-Halbinsel oder der Nankai-Region in der Nähe der Industriemetropole Kansai. Oder – wie einige Forscher vermuten – einem gleichzeitigen Erdbeben von zweien oder dreien dieser drei Abschnitte. Wollen wir hoffen, dass es nicht soweit kommt - und die "Sonne" helfen kann, das Geschehen besser zu verstehen. Yokoso, Japan! Willkommen in Japan! (bsc)