Das Navi fest im Griff
Der Mobilfunkbetreiber AT&T entwickelt ein Lenkrad, das dem Fahrer durch Vibrationen vermittelt, wo es lang geht. Das soll die Sicherheit beim Fahren erhöhen.
- David Talbot
Der Mobilfunkbetreiber AT&T entwickelt ein Lenkrad, das dem Fahrer durch Vibrationen vermittelt, wo es lang geht. Das soll die Sicherheit beim Fahren erhöhen.
Jährlich sterben Tausende von Menschen, weil Autofahrer unachtsam sind. Ein immer häufigerer Grund heutzutage: Handy-Telefonate am Steuer. So ist wohl zu verstehen, warum sich der Telekommunikationsriese AT&T auf ein für ihn untypisches Terrain vorwagt – das Lenken im Auto. Ingenieure in den AT&T Labs arbeiten an einem Lenkrad, das dem Fahrer mittels Vibrationen Signale gibt, wohin er steuern soll. Das, hoffen die Forscher, macht die Navigation sicherer als gesprochene oder Bildschirm-Anweisungen von herkömmlichen Geräten.
In dem Prototyp läuft eine Vibration im Uhrzeigersinn durch das Lenkrad, wenn der Fahrer rechts abbiegen soll, und umgekehrt. Ausgelöst wird das Signal durch 20 Aktuatoren, die jedes beliebige Vibrationsmuster erzeugen können. Die AT&T-Ingenieure wollen sie unter anderem auch nutzen, um Fahrer zu warnen, wenn sich ein von hinten herannahendes Fahrzeug im toten Winkel befindet.
In Tests an einem Fahrsimulator stellten die AT&T-Entwickler mit ihren Partnern von der Carnegie Mellon University (CMU) fest, dass die Probanden beim virtuellen Fahren länger die Spur hielten. Wurden zusätzlich zu den haptischen Signalen die herkömmlichen Audio- und Video-Anweisungen ausgegeben, sank die Aufmerksamkeit jüngerer Fahrer – Alter um die 25 Jahre – um 3,1 Prozent. Als Kriterium hierfür diente, wie oft die Testpersonen ihre Augen von der Straße abwandten.
Bei älteren Personen – über 65 Jahren – besserte sich das Fahrverhalten durch das haptische Lenkradsignal allein nicht. Dafür nahm ihre Aufmerksamkeit um vier Prozent ab, wenn sie haptische und Audio-Signale erhielten.
Seung Jun Kim, Informatiker an der CMU, sieht unterm Strich aber einen Sicherheitsgewinn: „Mit einem haptischen Feedback können wir zu einer aufmerksameren Fahrweise beitragen.“ Die Auswertung der Tests soll im Juni in einem Konferenzpaper veröffentlicht werden.
Eine frühere Studie hatte bereits untersucht, wie exakt Fahrer Anweisungen befolgen. Ergebnis: Bei einem haptischen Feedback machten die Testpersonen weniger Fehler. Die Untersuchungen reihen sich in ältere Forschungsarbeiten ein, die herausgefunden hatten, dass Zuhören beim Fahren eine zusätzliche kognitive Beanspruchung darstellt und zu Lasten der Aufmerksamkeit geht. Intuitiv ist das vielen Beifahrern klar, wenn sie in schwierigen Verkehrssituationen wissen, dass sie besser für einen Augenblick den Mund halten. So weit sind Maschinen – und manche Menschen – hingegen noch nicht.
Sowohl Autoindustrie als auch Behörden machen sich seit längerem Gedanken, wie sie die Auto-IT dafür nutzen könnten, unaufmerksames Fahren zu verhindern. Wer am Steuer mit dem Handy telefoniert, vervierfacht sein Unfallrisiko, haben Studien ermittelt. SMS-Schreiben erhöht es gar um den Faktor 23. Handy-Nutzung und SMS-Schreiben beim Fahren sind in den USA bislang nur in einigen Bundesstaaten verboten.
Unter den anderen möglichen Lösungen sind Bewegungssensoren in Handys, die eine Sperre für eingehende Anrufe und Nachrichten auslösen, wenn sie feststellen, dass das Gerät in einem fahrenden Auto liegt. Andere Systeme ermitteln, ob der Fahrer oder ein Mitfahrer das Mobiltelefon in die Hand nehmen.
Kevin Li von der User Interface Group von AT&T in New Jersey weist jedoch daraufhin, dass das vibrierende Lenkrad noch einige Jahre von einer marktfähigen Technologie entfernt sei. Die Lösung müsse zum einen benutzerfreundlich und intuitiv verständlich sein, zum anderen für verschiedene Fahrhaltungen am Lenkrad funktionieren. Nicht jeder Autofahrer fasst es beim Steuern genau gleich an. Die Frage für Li ist, ob man es schaffe, „haptische und taktile Hinweise zu entwickeln, die sofort für jedermann klar sind“.
(nbo)