Was war. Was wird.
Die ganze Welt ist eine Bühne, und wir sehen schaudernd, welche Schmierenkomödien aufgeführt werden; die Darsteller wollen gar nicht mehr abtreten, befürchtet Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Die ganze Welt ist Bühne,
Und alle Frau'n und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab.
So schrieb einst der große Shakespeare in "Wie es euch gefällt". Wie es weitergeht, das Stück, kann man bei Novell nachlesen: "Was Shakespeare nicht erahnen konnte, ist, dass vierhundert Jahre nach seinen Zeilen die Macht der Identität viel weiter reicht, als das, was Frauen und Männer verkörpern. Auf der IT-Bühne sind alle Einzelheiten einer Firma Spieler, die auf- und wieder abtreten -- von den Diensten über die Geräte bis zu den Endanwendern --, ist die Technik Teil des großen Welttheaters, bei dem alle Spieler identifiziert werden müssen, wenn sie die Szene betreten und wieder verlassen. Das Identifizieren auf der großen IT-Bühne ist überlebenswichtig, denn die Alternative ist das Chaos." Mit diesem White Paper über die Vision einer Identity Driven Company zeigt uns Novell, dass literarische Fähigkeiten nie schaden können, da muss man gar nicht den Ehrgeiz haben, dem Dichter der Technik, der vor hundert Jahren starb, nachfolgen zu wollen. Denn gemahnt uns nicht allein der Nicht-Auftritt von Apple-Motorolas Mobil-Musikquetsche an Hamlet? Sein oder Nichtsein, dass ist der Fünfer im Schweinderl.
*** Nun sind wir alle bloße Spieler, einige unter uns aber tolle Spieler der Extraklasse. Nehmen wir nur Larry Ellison und seine Art, SAP in letzter Minute auszustechen. Dafür erntete er zwar schlechte Haltungsnoten bei den Analysten, die den Kaufpreis für überhöht halten, aber die Bewunderung der Finanzjournalisten bei der FTD. Auf zartestem Lachsrosa wird Ellison der Hof gemacht und dem biederen Henning Kagermann die deutsche Sachlichkeit angekreidet. Nun ist auch Finanzjournalisten literarischer Geschmack nicht abzustreiten und so haben sie denn für ihre Story "Oracle-Larry vs. SAP-Henning" anleihen bei Alberto Moravia gemacht: "Ich und er" heißt die Geschichte vom schwanzgesteuerten kleinen dicken Frederico, der eigentlich Höheres will, aber immer wieder unterliegt und ihm die Hose öffnen muss. Kein Vergleich zu Ellison natürlich, der einen SAP-Mastbruch bei einer Regatta mit den Worten kommentierte, SAP-Mann Hasso Plattner habe einfach keine ...
*** Ähem, das hier ist ein [.crazy.sytes.org/ einfacher Nachrichtenticker]. Das sei all den vielen Lesern gesagt, die diese Woche den Hinweis auf eine Geschichte einschickten, die als schlechtes Remake einer gediegenen Recherche für Aufsehen sorgte. Hunde, wollt ihr ewig bellen? Die phänotypische Beschreibung der Heiseforen wäre da schon der passendere Kommentar. Es ist halt ein Kreuz mit technischen Nachrichten, die diese IT-Bühne betreten und wieder abgehen, ohne dass es irgendjemand wichtig findet, wenn ein Hersteller für Schwimmreifen zunehmende Flutkatastrophen für die Zukunft voraussagt, um den Kommentar eines anderen Lesers zu paraphrasieren: Das ist dann jedenfalls der seriöse Journalismus schwarzer Schafe in den Grauzonen des Medienbetriebes. Mehr ist zu diesem Thema leider nicht zu sagen, oder? Soll doch jeder selbst entscheiden, ob Spiegel Online nur Grau ist für ihn oder das Grauen schlechthin, das nicht einmal Fudzilla bekämpfen kann.
*** Einen Auftritt der Extraklasse hatte in dieser Woche zweifelsohne Google (Company Vision: Nichts Böses Tun) mit einem seinem Statement zur weltanschaulichen Neutralität angesichts der Verlinkung rechtsradikaler Propaganda in den deutschen Google News. Während Google in den USA für seine US-News verlauten ließ, dass Hass keinen Platz auf Google hat, hat Hass immerhin einen Anzeigenplatz. Auch beim Sex soll man wohl auf günstige Rassismen achten.
*** Heute vor 160 Jahren wurde Wilhelm Conrad Röntgen geboren. Er entdeckte die X-Strahlen, die später gegen seinen Willen in Röntgenstrahlen umbenannt wurden -- zumindest hierzulande, im angelsächischen Raum heißen sie nach wie vor x-rays. Mit "Über eine neue Art von Strahlen" gewann er den Nobelpreis für eine Entdeckung, die er zur Ehre Deutschlands patentieren lassen sollte. Er verweigerte dies, damit möglichst viele Röntgenapparate gebaut werden konnten. Auf Röntgen geht der Ausspruch zurück, dass sich die Seele nicht röntgen lässt, der Spruch, der in den seltsamen amerikanischen Passionspielen um Terri Schiavo wieder aufgetaucht ist. Eine Seele ist mit Computertomografie nicht zu erkennen, donnern die Prediger in österlicher Stimmung. Derweil nutzt George Bush die Stimmung, um das amerikanische Verfassungsgefüge weiter zu demontieren. So heißt es in der Süddeutschen Zeitung: "Die strategische Brillianz, mit der er auf Kosten Terri Schiavos die Unabhängigkeit von Justiz und Bundesstaaten schwächte, macht diesen Schachzug zu einer der größten innenpolitischen Leistungen seiner Karriere."
*** Die Welt ist Bühne, auf der viele Spieler auftreten, abtreten und wieder auftreten und schließlich vom Auftreten nicht mehr ablassen können. Wenn Shakespeare von Novell in Beschlag genommen wird, ist es nur fair, die SCO Group zu erwähnen, die seit längerem von Shakespeare kommentiert wird. "Es beuge sich des Knies gelenke Angel, wo Kriecherei Gewinn bringt": In der vergangenen Woche trat ihr oberster Verteidiger David Boies im amerikanischen Fernsehen bei David Letterman auf, einem älteren Harald-Schmidt-Verschnitt, und verkündete, dass Niederlagen seine intensivsten Erfahrungen gewesen seien. Vielleicht steht seine intensivste Erfahrung mit dem Kunden SCO noch bevor, der sich in ein günstiges Pauschalarrangement geflüchtet hat und sparen muss. Selbst für Gerichtsdokumente reicht das Geld nicht, die besorgt sich SCO lieber bei den Freiwilligen von Groklaw. Auch wenn Gerichtsdokumente öffentliche Schriftstücke sind, ist das ein eigenwilliger Zug von SCO. Derweil hat die rührige Alexis de Toqueville Institution ein neues Buch angekündigt, obwohl das alte Werk über das gestohlene Linux immer noch nicht ausgeliefert ist. Copyright Left soll es heißen. Applaus, Applaus -- die Spannung im Theater steigt.
*** Doch verlassen wir für diese Woche erst einmal die Bretter, die nicht nur die IT-Welt bedeuten -- aber mit einem Shakespeareschen Seufzer:
All dessen müd lechz' ich nach Ruh im Tod;
Seht hin! Verdienst zum Bettelmann geboren,
Und hohles Nichts, das prangt in Gold und Rot,
Und reinste Treue Schlechtem zugeschworen,
Und hohe Würde, die den Falschen schmückt,
Und jungfräuliche Tugend roh geschändet,
Und große Leistung schnöd' herabgedrückt,
Und Kraft durch weichlich Herrschertum verschwendet,
Und Wissen mundtot, durch die Macht verpönt,
Und Torheit, die den Schein der Weisheit borgt,
Und Einfalt als Einfältigkeit verhöhnt,
Und wie das Gute Bösem stehts gehorcht,
All dessen müde wünscht' ich, tot zu sein,
Blieb, wenn ich sterbe, nicht der Freund allein.
Ja, ich hab' es satt, das fundamentalistische Horrortheater -- in der Politik ebenso wie in den Religionskriegen der IT-Protagonisten. Ich hab' sie so satt, die Schmierenkomödien der IT-Branche. Ich hab' sie satt, die Boulevard-Grotesken der Musikindustrie. Immerhin, jenseits der verlassenen Bretter, die zum Glück eben nicht die Welt bedeuten, wird der Blick wieder etwas freier. Und man sieht Menschen wie Pierre Boulez, der zwar durch seine Arbeit an Patrice Chéraus "Jahrhundert-Ring" und erst recht in jüngster Zeit durch Christoph Schlingensiefs "Parsifal" einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, davor aber schon lange Protagonist sowohl der abstrakten Revolution in der Musik als auch der musikalischen Emanzipation von Elektronik und Computer war. "Boulez hat die Forderung, dass die Revolution auch geträumt werden müsse, immer wieder dahingehend radikalisiert, dass die Träume ihrerseits stets erneut zu revolutionieren seien", schrieb Wolfgang Rihm in einem Gruß für Boulez, der gestern seinen 80. Geburtstag feierte. Es existiert noch Hoffnung, selbst wenn auch die Revolutionäre in der Musik immer älter werden.
Was wird.
Ganz am Ende sind wir natürlich noch nicht, auch wenn das mit dem älter werden so eine Sache ist. Eine der schlimmsten Geschichten, die das Leben bereithält, hat einstmals Harry Rowohlt aufgezeichnet, als er versuchte, eben den Christopher zu treffen, um den herum vor vielen Jahren die Schnurren von Pu und Ferkel, vom gestümen Tieger und vom schwer depressiven I-Ah erzählt und den im Kreise wandernden Heffalumps, entwickelt und geschrieben wurden. Zeitlebens musste dieser Christopher damit leben, aus dem wunderbaren Tausendmorgenwald verstoßen zu sein, in dessen Mitte für immer ein kleiner junge und sein Bär sitzen sollten, bis er von einem Übersetzer mit sehr geringem Verstand aufgestöbert wurde. Kurz darauf starb Christopher Milne. Uns blieben die bärigen Texte von Pooh' s Corner, zusammen mit der Erkenntnis, dass Dosen bald die Waldherrschaft übernehmen werden, wegen der Klirr-Lompf-Greräusche. Dies hat natürlich nicht der große Brummer Harry Rowohlt geschrieben, dem heute zum 60. die größten Ostereier mit dem besten irischen Malt-Whiskey gefüllt sein mögen. "Ich werde immer älter, das Publikum immer jünger. Das wird der Sache irgendwann ein Ende setzen", meinte er bei einer Lesung -- und hinterließ die Hoffnung, dass dieses Irgendwann doch noch lange braucht. Rowohlt erzählt dieser Tage offensichtlich gerne die Geschichte, dass unter anderem der Schnürboden Schuld daran sei, dass die "Meinungen und Deinungen eines Bären von geringem Verstand" nicht mehr erscheinen -- der Redigierer der Kolumne änderte es auf Grund von Unkenntnis des Wortes in Schürboden, von dem er allerdings ebenfalls kaum wissen konnte, was das denn nun sein sollte. So enden die größten Kolumnen mit einem Wehklagen: " Weil ich sie selbst mit wachsendem Unmut gelesen und gedacht habe, wenn man sie nicht mal selbst geschrieben hat, kann ich kaum verlangen, dass man sie mit einigem Gewinn oder Genuss lesen kann, wenn sie schon mir nicht gefallen." Der größte lebende Kolumnist ist deswegen schon der größte, weil er erkannte, was eine wahre große Kolumne ausmacht: Zufall und Blödheit! Möge also immer jemand wie Sarah Vaughan, die heute eigentlich ebenfalls Geburtstag gehabt hätte, ein Ständchen parat haben: What a difference a day made ... Prost!
Also hoffen wir, trotz zunehmenden Alters, mit einem guten Malt in der Hand doch noch auf Revolutionen und Träume? Revolutionen haben in diesen Tagen jedoch anscheinend nur in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion eine Chance, und Träume, ja, das war einmal, könnte man meinen, nicht nur angesichts nadelgestreifter Außenamtsspontis. Aber was solls, fallen wir nicht in Shakespearsche Verzweiflung, dafür bleibt heute wenig Zeit: Die Sommerzeit kommt. Viele halten sie für eine deutsche Erfindung, weil das kaiserliche Deutschland die Einführung dieser Zeit am 6. April 1916 verfügte und am 30. April 1916 realisierte. An diesem Tag begannen Wagners Meistersinger an der Berliner Oper eine Stunde früher und stolz war der Kaiser, dass sein Land das erste Land war, das einen Zeitsprung wagte. Tasächlich versuchte es Benjamin Franklin als erster, im Jahre 1784 den Franzosen die Sommerzeit schmackhaft zu machen. Er berechnete, dass allein die Stadt Paris 200 Millionen Dollar pro Jahr an Kerzen sparen könnte, wenn sie die Sommerzeit einführt. Für die notorischen Pariser Langschläfer sollten Kanonen zum Aufstehen abgefeuert werden. Daran scheiterte der Vorschlag. In Deutschland wurde die Sommerzeit am Ende des 1. Weltkrieges abgeschafft und erst wieder am 1. April 1940 eingeführt. Zur Ausweitung der Produktion kriegswichtiger Güter führte auf Gegnerseite England 1941 sogar die doppelte Sommerzeit ein, Der ursprüngliche Gedanke von Franklin, dass mehr Menschen mehr gesundes Sonnenlicht genießen und somit die Volksgesundheit steigt, ist heute durch krude Theorien vom angeblichen Energiesparen ersetzt worden. Na dann: Träumt schön, alle zusammen. (Hal Faber) / (jk)