Tourismus-Konzern Thomas Cook sucht Internet-Expansion

Nach Abschluss der zweijährigen Sanierung dürfte ein besonderer Schwerpunkt bei Europas zweitgrößten Touristik-Konzern künftig der Internet-Vertrieb von Reisen sein.

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Von
  • Rochus Görgen
  • dpa

Europas zweitgrößter Tourismus-Konzern Thomas Cook sucht eine neue Wachstumsstrategie. Gerade einmal zwei Wochen nach seinem Amtsantritt startete der neue Vorstands-Vorsitzende Thomas Holtrop ein Programm unter dem Namen "Move", um die Weichen im Konzern mit seinen Hauptmarken Neckermann und Condor neu zu stellen. Nach Abschluss der zweijährigen Sanierung dürfte ein besonderer Schwerpunkt künftig der Internet-Vertrieb von Reisen sein. "Uns allen ist bewusst, dass die mittelfristige Planung für die nächsten drei Geschäftsjahre sehr ambitioniert ist. Sie setzt voraus, dass wir Marktanteile gewinnen können und Wettbewerber verdrängen. Diesen Wettbewerb um jeden Kunden, um jede Buchung müssen wir gewinnen", zitiert eine Sonderausgabe des Mitarbeiter-Magazins connect den Vorstandschef der gemeinsamen Tochter von Lufthansa und KarstadtQuelle.

Wohin der Weg gehen könnte, zeigt möglicherweise KarstadtQuelle-Chef Thomas Middelhoff, der bei Thomas Cook den Aufsichtsrat führt. Middelhoff hatte die Umbenennung des traditionsreichen Neckermann-Versandhandels in neckermann.de angekündigt und will stärker auf Bestellungen über das Internet setzen. Der Anteil des E-Commerce am Gesamtumsatz des KarstadtQuelle-Konzerns (quelle.de, neckermann.de, karstadt.de) lag in den ersten sieben Monaten des Jahres bereits bei 18,4 Prozent.

Bisher hat der Online-Vertrieb bei Thomas Cook nur einen kleinen Anteil. Acht bis neun Prozent des Umsatzes der deutschen Veranstalter im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2004/05 (31. Oktober) seien über eigene und fremde Internet-Seiten erzielt worden, sagt Thomas- Cook-Sprecher Rolf Dieter Graß. Doch das Wachstum ist beträchtlich: Immerhin 26 Prozent Zuwachs innerhalb eines Jahres – und damit ein vielfaches mehr als bei der Entwicklung der Gesamtumsätze.

Für den Ausbau der Online-Aktivitäten bei Thomas Cook kann Holtrop auf ausreichende Erfahrungen zurückgreifen: Der 50 Jahre alte Manager war 1995 von der Deutschen Bank engagiert worden, um die Direktbank Bank 24 aufzubauen. 2001 wurde er Vorstandschef von Europas größtem Internet-Anbieter T-Online, der jetzt mit der Telekom verschmilzt; Holtrop verließ T-Online im Zuge dieser Veränderungen und der Bestimmung Walter Raizners zum Festnetzchef der Telekom Ende 2004. Zum 1. November 2005 trat er bei Thomas Cook die Nachfolge von Wolfgang Beeser an, der nach erfolgreicher Sanierung in den Ruhestand ging.

Welche Bedeutung der Online-Bereich für Thomas Cook künftig haben könnte, zeigt auch ein Schaubild zum Programm "Move". Dort bildet E- Commerce neben den klassischen Bereichen Flug und Veranstalter eine eigenständige Sparte. Von Vorstandseite aus verantwortet wird diese von Airline-Chef Ralf Teckentrup, der bei Condor bereits den Internet-Verkauf von Einzelplätzen nach Art der Billigflieger anschob. Vergangenen Montag gestartet, sollen Ergebnisse der "Move"- Analyse bereits im Februar vorliegen.

Kritisch beäugt werden die Internet-Aktivitäten von vielen Reisebüros. Der Deutsche ReiseVerband (DRV) hatte wiederholt die Bedeutung von persönlicher und ausführlicher Beratung durch den stationären Vertrieb in den Vordergrund gestellt. Doch im Bereich der Beratung und Information über die Zielorte könnte das Internet künftig noch auftrumpfen: Immer mehr Reiseportale zeigen interaktive Luftbilder der Zielorte, beschreiben ausführlich Freizeitaktivitäten oder bieten Urlaubern Foren zum Erfahrungsaustausch.

Mit dem Start des Programms "Move" bleibt die Zukunft des integrierten Konzerns Thomas Cook mit Reisebüros, Hotels und Airline unter dem Motto "Urlaub aus einer Hand" noch ungewiss. Middelhoff hatte Interesse bekundet, den Reisekonzern in KarstadtQuelle zu integrieren. Während Neckermann Versand und Neckermann Reisen dann wieder zusammen wären und gemeinsam ihre Online-Aktivitäten ausbauen könnten, würde die Flugtochter Condor an die Lufthansa gehen. Doch die größte deutsche Fluggesellschaft hat bisher keine Ambitionen. Und es gibt auch schon warnende Stimmen. So schrieb jüngst der Chefredakteur der Tourismus-Fachzeitschrift FVW, Klaus Hildebrandt: "Fatal wäre aber, wenn die einstige Euphorie über die vertikale Integration nun von einer Online-Allmachtsfantasie abgelöst würde." (Rochus Görgen, dpa) / (jk)