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Was war. Was wird.

Mancher User wundert sich gar sehr, was für Sachverstand so alltäglich von den Wiefelspützen, Bosbachs und Geisens dieser Welt in die Debatte um die innere Sicherheit geworfen wird. Fast schon eine Kapitulation wert, tiriliert Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es gibt erhabene Weisheiten wie die Mathematik und ganz banale Wahrheiten. So unausweichlich die Hundehaufen in Berlin sind, so unausweichlich sind Journalistenpreise im Leben eines Journalisten. Weil heute die liebe Kollegin von der Huffington Post Geburtstag hat, zitiere ich doch gerne ihren Satz, natĂĽrlich in lokalisierter Form. Darum ist die vollkommenste Form der banalen Erhabenheit die Arbeit als Preisrichter, besonders bei DSDOT, Deutschland sucht den Online-Trojaner. Ich hoffe, ich mache es besser als Nina Hagen, die Preishexe bei "Popstars on Stage".

*** Dass ich Nina Hagen erwähne, hat natürlich mit dem ungleich bedeutsameren DSDOT zu tun. "Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr", diese Passage aus einem Demmlersong gehört zu den Dingen, die sommerlich beschwingt zum DSDOT eingereicht wurden. Passend dazu ein Video von hohem künstlerischen Rang, komplett mit Abstieg in den Untergrund. Angesichts zahlreicher Eingaben mit Wortspielen um die Begriffe "Schäuble", "2.0" und "Stasi" ist die Geschichte vom vergessenen Farbfilm preiswürdig. Denn grau ist alle Theorie und Praxis. Dies umso mehr, als ich für den ebenfalls vorgeschlagenen Song Outside of the Inside nichts Passendes gefunden habe, obwohl ich das Gugel wie der letzte Bankräuber gepeitscht habe.

*** Um es kurz und schmerzlos zu machen: Leider hatten alle eingereichten Vorschläge nicht das Zeug, Jörg Ziercke das Wasser zu reichen. Mit seinen knappen Sätzen zum Online-Trojaner verwies der Herr über Deutschlands Trojaner alle Mitbewerber auf die hinteren Plätze. 10 bis 20 mal im Jahr soll der Online-Trojaner in Form einer auf den Einzelfall bezogenen forensischen Software aktiv werden, mit handgeschnitztem Quellcode, der bei einem Gericht hinterlegt wird, ganz ohne Schadsoftware oder sonstiger Verbreitungssoftware, aber komplett mit einer Steuerungssoftware, die den Rechner nach Schlüsselbegriffe absucht. Die absolut preiswürdige Auskunft vom BKA-Chef Ziercke ist interessant, räumt sie doch gründlich mit dem sozialdemokratischen Irrglauben vom Kernbereich der privaten Lebensführung auf: Was Wiefelspütz in seinem Tagebuch über die intimen Erlebnisse der Wiefelspütze schreibt, wird ebenso durchsucht wie das Mashup aus Routenplaner, Bombenbau.pdf und Angriffs-Mapplets. Nicht uninteressant ist auch die Information, dass die vom Amt gecodete Software ohne Verbreitungsroutine auf den Computer kommt. Was ein echter Kriminaler ist, wissen wir mit Götz George, der schert sich nicht um Samt und Sitten beim Abhören, sondern klemmt seinem Gegner schnell den USB-Stick ins Ohr, ehe dieser auch nur Papp sagen kann. Nicht zu verachten ist auch der intelligente Staub, der sich auf einer folienpräparierten Arabisch-Tastatur die Passworte merkt. Schließlich geht es nach Ziercke nur darum, "vor der Verschlüsselung" auf der Festplatte zu sein. Ausgehend von der schlichten Annahme, dass der durchschnittliche Islamist egal ob unter Windows, Linux oder auf dem Mac einen Boot-Manager braucht, um eine arabische oder nicht-arabische Variante starten zu können, ist fixmbka die ideale Alternative zu fixmbr.

*** Die Software ist startklar, die technischen Hintergründe sind fest gezurrt, doch die politische Bedenken sind noch nicht endgültig weggenötigt. Bis anhin ist den Kabeln und sonstigen Dingen zu misstrauen, die so an einem Rechner hängen. Eigens für unseren kleinen DSOT-Wettbewerb hat der aufmerksame WWWW-Leser Hermann der User eine kleine Merkhilfe gezeichnet und mir zukommen lassen. Dem geneigten Feind staatlichen Unfugs zur geflissentlichen Beherzigung, wenn er aus dem Urlaub zurückkommt:

Hermann der User wundert sich ...

*** Der CDU-Politiker Jörg Schönbohm findet es undemokratisch, wenn die Pläne des Angstmach-Ministers dazu führen, dass Schäuble als "Amokläufer" dargestellt wird. Da haben wir noch Glück, dass Herr Schönbohm Meinungen nur undemokratisch nennt und nicht gleich kriminell. Zustimmen muss man dem Brandenburger: Der Fokus auf Wolfgang Schäuble ist schädlich. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Norbert Geis, der ohne Prozess internieren will? Wer dokumentiert diese Realitätsverschiebung eigentlich besser als Stuttmann, hier in einem großartigen wirren Link präsentiert? Natürlich hat die Dauer-Panik ihre positiven Seiten mit immer größeren Absatzmärkten, wie es der Bitkom auch dann noch betont, wenn das BKA die noch untaugliche Fahndungstechnik entsorgt. Terror ist unser Geschäft, freuen sich all die, die an dem Aufschwung durch Verunsicherung verdienen. Wie nachhaltig dabei die Industrie geschädigt wird, wird vattenfällig nach und nach sichtbar. Selbst honorig gemeinte eGovernement-Projekte wie die Bürgerportale stehen sofort unter dem Anfangsverdacht, ein Kandidat für DSDOT zu sein.

*** Möglicherweise sind Tocotronic ja wirklich die Propheten des deutschen Zeitgeistes, wie sie in den Feuilletons dieser Republik derzeit hochgejubelt werden. Während aber die Kulturschaffenden in den Tageszeitung meist etwas hinterherhinken, was jüngste Tanzmusik und verwandte Gebiete angeht, stattdessen lieber auf all die großväterlichen  Reunions abfahren und in joachimkaiselichen Kulturkritiken schwelgen, bewegen sich Tocotronic wirklich wie vom Feuilleton gelobt auf der Höhe der Zeit – da hilft es auch nicht, sich mit Grausen abwenden, wenn Aspekte die Band etwas altväterlich als "Rockmusik mit intelligenten Texten" lobt, als könne man nicht glauben, dass es sowas gibt. "Kapitulation" erscheint als der Soundtrack zur großen Koalition, in der ein Herr Wiefelspütz mit einem Herrn Bosbach Liebeleien über die innere Sicherheit austauscht. Hatte ich nicht schon erwähnt, dass die Wiefelspütze dieser Welt der letzte Grund sind, den es noch brauchte, um nie wieder SPD zu wählen? "Und wenn Du denkst, alles ist zum schrei'n, und so wie Du jetzt bist, willst Du überhaupt nicht sein, Kapitulation, oohoho ..."

*** Genug der Niederlagen. Oder? Nehmen wir einen Moment lang an, dass die elektronische Gesundheitskarte tatsächlich etwas mit unserer Gesundheit zu tun hat und nicht mit einem milliardenschweren Ausrüstungsgeschäft. Vor diesem Hintergrund erscheint es abwerwitzig, wenn mitten im Anlauf zu den großen Feldstudien mit Zehntausenden von Patienten die Frage gestellt wird, wie es um die Langzeitarchivierung medizinischer Daten bestellt ist. Jetzt wird die gute alte Technik der One Time Pads ausgepackt, die Daten so zu verschlüsseln, dass ein späteres Umschlüsseln eine einfache Sache sein wird. Auf DVD geliefert, sollen die Pad-Haufen in der Arztpraxis das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient absichern und die zögernde bis ablehnende Haltung der Ärzte wirksam austrocknen. Die Preisfrage: Wer erklärt den Ärzten die dreifache Verschlüsselung so, dass sie vor Begeisterung in ihr Stethoskop tuten? Oder was man so mit dem Ding halt macht.

Was wird.

Mit großem Gedöns und Getute sind die sieben neuen Weltwunder gefeiert worden, von denen sechs etwas älter sind und das Neueste eine alte religiöse Figur darstellt. Die Unesco knurrt ob der Unwissenschaftlichkeit der Publikumswahl. Sehr wenig Beachtung fand dagegen die Gegenwahl der Weltwunder eines schrumpfenden Planeten mit dem bemerkenswerten Starbucks in der Verbotenen Stadt. Wahrscheinlich ebenso nebensächlich ist die Tatsache, dass sich die Anmeldungen für erdumkreisende Hacker offenbar über den Erwartungen liegen und der Veranstalter nach größeren Fliegern suchen muss, die fahrplangerecht zum Sommercamping für Datenreisende landen können, das offenbar auf einer großen Blümchenwiese stattfindet. Hacken ist ja nicht mehr und der Farbfilm ist sowieso alle. Alles Blau und Grün und Weiß ist nicht mehr wahr. Was kommen wird, ist ein einziges großes Sommerrätsel. (Hal Faber) / (jk)