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Was war. Was wird.

Mit Utopien ist es eine rechte Qual, auch heutzutage, da man das Absurde in der Welt flieht und sich schon mit den kleinen Utopien im Internet bescheidet, befĂĽrchtet Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Heute vor 170 Jahren wurde Samuel Butler geboren, der Autor eines, ähem, satirischen Science-Fiction-Romanes namens Erewhon. Butler muss an dieser Stelle erwähnt werden, weil er einer der ersten gewesen ist, die sich mit der künstlichen Intelligenz beschäftigte. Das 1872 anonym erschienene Buch über Erewhon beschreibt, kurz zusammengefasst, eine Gegensellschaft, die in allem das Gegenteil zur englischen Gesellschaft und besonders der englischen Gesetze durchexerziert. Die Kinder suchen ihre Eltern aus, wer krank ist, wird bestraft und Maschinen sind verboten, eben weil sie intelligent werden könnten. Außerdem gibt es in Erewhon keine Privatsphäre.

*** Das Umsetzen von Gesetzen in ihr Gegenteil ist 170 Jahre nach Butler bei uns offenbar dabei, eine gängige Praxis zu werden, die Vater Staat beherrscht: Nehmen wir nur die LKW-Maut, für die es ein eigenes Autobahnmautgesetz gibt. Das verbietet die Nutzung der Mautdaten für andere Zwecke als der Abrechnung der gefahrenen Strecken. Doch wen kümmert's, wenn selbst Exdatenschützer daran glauben, dass Mautdaten zur Verfolgung von Schwerverbrechern herhalten müssen, wenn sie das Recht auf informationelle Selbstbestimmung für überholt halten. Natürlich gibt es Stimmen, die diese intellektuelle Selbstverstümmelung nicht mitmachen und die nicht einmal im oppositionellen Lager angesiedelt sind, sondern in Bayern. Dennoch wird die absurd komplizierte Mauttechnik von Toll Collect umgebaut werden, weil es der sichere Staat will. Schwerter zu Pflugscharen war gestern. Mautbrücken zu Lauschbrücken ist heute. Die beiden (!) ausländischen weißen Sattelzüge, die einen Parkplatzwächter töteten, hätten ja auch Terroristen sein können.

*** Der nächste Schritt wird wie in den USA sein, dass alle Fahrer von Gefahrenguttransporten ihre Fingerabdrücke abgeben müssen. Ach, das bekommen wir schon mit dem neuen Personalausweis in den Griff? Das ist ja praktisch. Wenn bis dahin nur die komischen hohen Fehlerraten bei den biometrisch ungeeigneten deutschen Gesichtern ausgebügelt sind, die millimeterungenau gewachsen sind. Notfalls muss eine neue Lichtbildbelehrung her: "Hiermit bestätige ich meine schiefe Veranlagung und akzeptiere im Fall polizeilicher Identitätsvorstellungen so lange als Terrorist eingruppiert zu werden, bis drei biometrisch unbescholtene Bürger meine Identität bestätigen. Die Kosten für das Verfahren habe ich zu tragen."

*** Jaja, wir sind alle bedroht durch den internationalen Terrorismus, Herr Schäuble. Mit einer schicken kleinen Umdefinition der Mautdaten in Daten, die unter die Telekommunikations-Verbindungsdaten-Überwachungs-Verordnung fallen und fahndungstechnisch bis zu 24 Monate auf Kosten von Toll Collect aufbewahrt werden müssen, sind wir auf der sicheren Seite. Wobei es zu beachten gilt, dass alle Autofahrer TK-Daten produzieren, nicht nur die Brummis, die zu oft Spielbergs "Duell" auf dem Laptop in der Kabine geschaut haben. Und wenn wir schon bei den TK-Daten sind, vergessen wir schnell das Ausgangsargument mit der Suche nach Schwerverbrechern, sondern freuen uns, wie die Verhinderung von Straftaten aus grundlegenden Freiheitsrechten gründliche Freirechte für die Strafverhinderungsbehörden macht. So sieht es aus, wenn man viele kleine Schritte macht. Freuen wir uns also, nie wieder allein zu sein.

*** Freude, ja. "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen", schrieb Albert Camus. Heutzutage ist es banaler: Wir müssen uns Dieter Bohlen als guten Musiker vorstellen. Wie sonst ist die absurde Situation zu erklären, dass man angesichts all der peinlichen Gesangsvorstellungen in der neuesten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" Sympathie für die peinlichen Kommentare von Bohlen zu entwickeln beginnt? Nein, Bohlen ist nicht Sisyphos, aber Shows wie DSDS illustrieren das Absurde einer Gesellschaft, in der die 15 Minuten Berühmtheit, die Warhol jedem versprach, sich nur durch einen Amoklauf oder in einer penetranten Show absoluter Musikvermarktung realisieren lassen. Sisyphos sind möglicherweise diejenigen, die Dienste wie EMusic betreiben – und ganz sicher aber sind Sisyophos diejenigen, die Dienste wie EMusic benutzen (und bezahlen): Glückliche Menschen, die doch immer von neuem den Stein den Berg hinaufrollen müssen. Wenn alle Welt von den schönen neuen Musikdiensten spricht, die Musik zur verderblichen, da mit Verfallsdatum behafteten Ware machen, muss ich dagegen wieder meinen bevorzugten Online-Service loben: Vorerst unberührt von allen DRM-Diskussionen bekomme ich bei EMusic Musik, offiziell von den Labels (in der Regel Indies) lizenziert, ganz ohne DRM. Und ständig auftauchende Neuzugänge wie jüngst John Zorns Label Tzadik beweisen hoffentlich, dass es funktionieren kann: Nicht von DRM verunstaltete MP3-Songdateien, für die Leute bereit sind, Geld zu bezahlen, weil sie die Künstler, die sie produziert haben, in Ehren halten? Ach, Utopien können so schön sein. Ach, Utopien können doch realisierbar sein? Es ist zu wünschen, dass Diensten wie EMusic mehr Erfolg beschieden sei als all den Krüppelofferten von iTunes bis Napster. Oder, um zu Camus zurückzukehren: "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen."

*** Aber so ist das mit den Utopien, nimmt man sie ernst, wirken sie angesichts der Realität absurd. Butlers Buch über "Erewhon" war eine Vorlage für William Morris' "Kunde von Nirgendwo", die 1885 entstand. Von Karl Kautsky übersetzt und als Fortsetzungsroman in seiner Revue "Die Neue Zeit" veröffentlicht, war die Utopie von Morris der Bildungsroman der deutschen Arbeiter schlechthin. Dabei verspottete kein anderer als Friedrich Engels den der Kunst zugewandten Morris als "Gemütssozialisten". Nun haben Begriffe ihre Geschichte und wandeln sich im Laufe der Zeiten, wie es die Aufregung um eine Meldung zeigt, in der vom Vulgärmarxismus die Rede ist. Hat der Heiseticker damit wirklich Bild-Niveau erreicht, wie viele kommentierten? Ich glaube nicht, denn die Liste der verdächtigen Artikel hat schon eine besondere Schlagseite. Aber vielleicht ist es auch, weil Vulgärmarxismus so schwierig ist, dass ihn nicht einmal die Wikipedia definiert. Kautsky galt mal als der größte Vulgärmarxist aller Zeiten. Für mich ist Vulgärmarxismus eine Vokabel aus der Schulzeit, als manche büffeln mussten, dass Kant in Königsberg nicht zu einem richtig proletarischen Klassenstandpunkt gelangen konnte. Und für den in dieser Woche verstorbenen Republikaner Franz Schönhuber werden die Vulgärmarxisten wohl die Kolumnisten der Süddeutschen Zeitung gewesen sein, in der seine Familie die Todesanzeige mit einem Marx-Zitat schmückte: "Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse."

*** Ich habe schon ein paar Mal geschrieben, dass WWWW kein Blog ist. Aber es profitiert ganz schamlos von einigen Blogs, von denen manche früher, als sie entstanden, noch gar nicht Blog hießen. Und darum sind es freudige Nachrichten, wenn der dicke Donblog seinen 2. Geburtstag hat, wenn die hochalpinen Symlinker den 5. feiern und wenn "Deutschlands wichtigstes Business-Blog" wieder erreichbar ist. Doch auch bei den Blogs sind die kleinen Schritte die problematischsten. Man denke nur an die sauberen Blogs, die aus München kommen und, von einer ehrenamtlichen Blogger-Polizei bewacht, richtig Geld machen wollen, ohne dass jemand schreiben kann, dass der Hitlergruß in Deutschland verboten ist. Der wird nämlich vorher von einem Vulgärfilter abserviert. Dem Burda-Verlag gebührt jedenfalls der Verdienst, ehrenamtliche Arbeit und gut refinanzierbare Arbeit in ein und demselben Produkt anzubieten. Nicht mal 1-Euro-Jobs braucht es dazu.

Was wird.

Bleiben wir auch zur Vorschau auf die kommende Woche bei Burda. Denn Hubert Burda Media vergab zum 10. Mal seine Bambis, und wer die grauenvolle Prozedur verfolgt hat, wird sich über einen "Kommunikationsbambi" für FIFA-Chef Joseph Blatter kaum wundern. Blatter ist der Stammler, der die Sportart Fußball zu einer Operette umfunktioneren will, in der die Hautevolee für 336.000 Euro das Spiel in so genannten Sky Boxen genießen kann. Wer sich so etwas zur WM 2006 leisten kann, hat natürlich Angst vor Terroristen, die ebenfalls den großen Auftritt suchen. Dementsprechend ist die Weltmeisterschaft das größte Sicherheitsspektakel, das Deutschland bieten kann. Ob Polizisten, ob Journalisten, sie alle werden vom Verfassungsschutz unter die Lupe genommen. Selbst die Telefone und TETRA-Handys der Organisatoren müssen durch eine Sicherheitsüberprüfung und werden einzeln in Sicherheitsbehältern geliefert, die sich nur dem berechtigten Nutzer öffnen. Freuen wir uns darum mit den Grünen, Blauen und Roten, dass die Vorbereitungen für die LÜKEX 05 angelaufen sind, ausgeschrieben im korrekten Denglisch das "Länderübergreifende Krisenmanagement Excercise 05". Doch das Kommunikationsbambi will man nicht verschrecken, wenn es heißt: "Das Szenario der Übung LÜKEX 05 geht von einer angespannten Sicherheitslage mit terroristischer Bedrohung und Gesundheitsgefahren vor dem Hintergrund einer Serie internationaler Großveranstaltungen in Deutschland aus. Es handelt es sich um ein fiktives Szenario. Reale Erkenntnisse über eine konkrete Anschlagsgefahr oder eine Gefährdung durch Seuchen liegen derzeit nicht vor." Dennoch herrscht höchste Alarmstufe auf der Internetwache. Parallel dazu tagen die Fachleute im Cyber-Häuserkampf, die Experten zum Schutz kritischer Infrastrukturen an einem natürlich geheimgehaltenen Ort, den Hackern nicht zugänglich.

Ebenfalls in der kommenden Woche lädt eine Firma zur großen "Premieren"-Pressekonferenz ein, weil sie zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten ist: Napster Deutschland kommt. Man möchte im Weihnachtsgeschäft mitmachen und zu fairen Konditionen Musik anbieten. Ach ja. Wie war das mit den Utopien? Wie titelte die Süddeutsche Zeitung im Freitags-Feuilleton mit einem Monster-Satz? "Ginge es fair zu, wäre Microsoft heute eine Tochtergesellschaft der Shakespeare Company". Nein, Virginia, das Leben ist nicht fair, selbst wenn der Nikolaus übermorgen kommt, allen Braven etwas Süßes bringt, was entsetzte Eltern zum Notfall-Bastelset greifen lässt. (Hal Faber) / (jk)