Der Stromer aus dem Baukasten

Ein Elektroauto fĂĽr alle: Eine japanische Designfirma will einen Bausatz verkaufen, mit dem man sich ein E-Fahrzeug zusammenzimmern kann.

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Von
  • Martin Kölling

Ein Elektroauto fĂĽr alle: Eine japanische Designfirma will einen Bausatz verkaufen, mit dem man sich ein E-Fahrzeug zusammenzimmern kann.

Die Idee der Konzeptautoschmiede Modi aus Japan für ein Mikro-Elektroauto sieht schnuckelig aus. Die Firma, die sonst windschnittige Karossen für Rennwagen und Lastwagen der Zukunft entwickelt, hat einen Baukasten für das Elektroauto "Pius" vorgestellt. Und der enthält alles, was so ein Stromer braucht: Reifen, Federung, Rahmen, Batterie, Motor, einen Kunststoffsitz, Lampen und allerlei andere Teile sowie eine Bauanleitung. Und als Karosse gibt es ein Plastikhäubchen, das dem Wagen das Antlitz eines fröhlich lächelnden Hais verpasst.

Man könne das ganze Vehikel wunderbar einfach per Hand zusammenschrauben, wirbt die Homepage. Es mache sogar Spaß! Und das Beste: Am Ende kann der Tüftler das 2,50 Meter lange und 1,23 Meter breite Ding sogar auf Japans Straßen fahren - mit einer Mofa-Zulassung. Sportlich ist dabei allerdings nur die Sitzposition knapp über dem Asphalt: Der 0,6 kW-Motor soll das 200 Kilogramm schwere Gefährt inklusive des Fahrers auf sage und schreibe 35 km/h beschleunigen können. Auch die Batterie spricht nicht für höchste Performance. Zum Einsatz kommt nicht etwa ein hipper Lithium-Ionen-, sondern ein Blei-Akku mit 36 V und 38 Ah. Der soll genug Reichweite für 25 Kilometer liefern.

Schon diese Eckdaten zeigen, dass es sich noch nicht um ein vollwertiges Massenmobil handelt. Als Zielgruppen haben die Designer auch Forschungsinstitute und Universitäten angegeben. Die sollen mit dem Fahrzeug eine Erfahrungs- und Entwicklungsplattform erhalten. Modi bietet deshalb an, dass die Forscher eigene Bauteile einbauen und testen können. Und genau diese Idee finde ich interessant. Besonders in Japan ist das Tüfteln an Schulen und Unis stark ausgeprägt - es gibt beispielsweise landesweit im Fernsehen übertragene Roboterwettbewerbe, bei der die Kreationen der angehenden Ingenieure diverse Aufgaben bewältigen müssen. Und auch auf Technikmessen sind die Hochschulen oft mit kleinen Ständen und mehr oder weniger guten Ideen vertreten. Vor diesem Hintergrund kann der Bausatz dabei mithelfen, die Autoentwicklung in einer neuen Ära zu demokratisieren.

Der besondere Reiz der neuen Zeit ist, dass die zusammengebastelten Gefährte sogar auf die Straße gebracht werden können. Dass es sich nicht um "vollwertige" Automobile handelt, könnte sogar wegweisend für die Entwicklung des E-Autos sein. Japanische Autobauer wollen neben elektrischen Kompaktwagen wie dem Nissan Leaf kleine Zwei- bis Dreisitzer herumstromern lassen. Und diese Mini-Mobile könnten die Killerapplikation werden, erklärte mir ein Experte der Stadt Yokohama, die in Japan mit zu den Pionieren bei der Elektromobilität gehört. Seines Erachtens könnten sich die E-Autos nicht etwa zuerst in den Städten, sondern vor allem auf dem Land als Kurzstreckenvehikel durchsetzen und in den sich immer schneller entvölkernden Landstrichen Senioren eigenständige Mobilität ermöglichen.

Der Pius mit seiner niedrigen Sitzposition ist für diese Klientel sicher nicht das richtige Produkt. Aber wer weiß, wenn die Bauteile erst einmal in größeren Massen hergestellt werden können, schießen vielleicht im ganzen Land und auf der ganzen Welt Mikro-E-Auto-Hersteller aus dem Boden. Das Vorbild könnte da mal wieder China sein: Dort sind innerhalb kürzester Zeit auch hunderte E-Bike-Hersteller entstanden. (bsc)