Power to the Bauer

Die Kritiker haben gesiegt. Die unterirdische Endlagerung von CO2 ist in Deutschland politisch nicht durchsetzbar. Ist das gut oder schlecht?

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Die Kritiker haben gesiegt. Die unterirdische Endlagerung von CO2 ist in Deutschland politisch nicht durchsetzbar. Ist das gut oder schlecht?

Es gibt diese typische Szene in alten Slapstick-Filmen: Der schurkische Trottel rennt mit voller Wucht auf eine Tür zu, die er mit der Schulter auframmen will. In letzter Sekunde jedoch reißt der schlaue Held die Tür auf, und lässt den Bösewicht ins Leere laufen. Der fällt auf die Klappe. Das Publikum lacht.

So ähnlich müssen sich kürzlich die Leute gefühlt haben, die seit Jahren gegen die geplante Speicherung von Kohlendioxid im Boden - Carbon Capture and Storage (CCS) - gekämpft haben. Für alle, denen das nichts sagt: Beim CCS wird das CO2 aus der Abluft von Kraftwerken gefischt, verflüssigt und unter hohem Druck in den Untergrund gepresst, wo es Jahrhunderte bis Jahrtausende bleiben soll. Kritiker befürchten nicht nur, dass es das nicht tut. Sie sagen auch, die Idee sei nur dazu da, umweltschädliche Kohlekraftwerke grünzuwaschen.

Mit einer beinahe lapidaren Nebenbemerkung hat Umweltminister Peter Altmaier nun das vorläufige Aus dieser Technologie in Deutschland verkündet: In einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung sagte der Umweltminister: „Gegen den Willen der Bevölkerung ist eine Einlagerung von CO2 im Boden nicht durchzusetzen“.

Das ist spannend. Denn die Bundesregierung hat jahrelang an dieser Technologie festgehalten - auch gegen den Widerstand in den eigenen Reihen. Und nun das: politisch nicht durchsetztbar. Das kling wie die Bankrotterklärung von Ernst Albrecht seinerzeit in Sachen Gorleben. Ein Sieg der Bürgerinitiativen - Power to the Bauer.

Noch vor einem Jahr erklärte Katherina Reiche, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium: “CCS ist eine Klimaschutztechnologie. Auch in Deutschland können wir CO2-Minderungsziele erreichen, wenn wir diese Technologie anwenden. …Wenn wir den Klimawandel und seine Folgen ernst nehmen, sollten wir uns alle Optionen offenhalten. Wenn selbst renommierte Klimaforscher wie der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans-Joachim Schellnhuber, argumentieren, dass es immer Optionen geben muss, dann darf man die Tür nicht zuschlagen.“

Eine Argumentation, die recht nahe an der des IZ Klima dran ist - einem Verein, der sich für die Einführung von CCS in Deutschland stark gemacht hat. Kann man beispielsweise nachlesen in einem sehr unterhaltsamen Streitgespräch, das wir 2010 ausgerichtet haben. Kritiker und Befürworter von CCS warfen sich dabei - erwartungsgemäß - gegenseitig Verharmlosung und Panikmache vor, aber die technischen Fragen waren nicht uninteressant.

Fragen wie: Wie groß ist eigentlich das Potenzial dieser Technologie? Wieviel Wirkungsgrad geht dabei drauf, das CO2 aus den Abgasen zu fischen. Und vor allem: Was kostet der Spaß? Howard J. Herzog CCS-Papst am MIT, hat 2010 eine Abschätzung dazu gegeben. Die ist freundlich, weil Herzog der Meinung ist, CCS sei „die einzige Technologie, die die CO2-Emissionen substanziell senken könne“, während gleichzeitig der wachsende Energiebedarf der Welt durch fossile Brennstoffe gedeckt werden kann ( Paper).

Das ist ein interessanter Hinweis. Denn CCS funktioniert nur dann, wenn der Kohlenstoff-Preis hoch genug ist. Das zeichnet sich aber gar nicht ab. Vor diesem Hintergrund könnte die Absage an CCS keine Verbeugung vor der demokratischen Beteiligung der Betroffenen Bevölkerung sein. Sondern ein taktischer Rückzug, ein Eingeständnis, dass der europäische CO2-Handel nicht dazu taugt, Technologieförderungen durch Marktmechanismen zu ersetzen.

Wenn das so ist, wenn ich mit dieser Vermutung richtig liege, dann hängt da noch mehr dran. Dann wird da noch mehr einbrechen an Technologieförderung, die durchaus auch sinnvoll ist. Wir dürfen gespannt sein. (wst)