Die Meister der Miniatur
Der japanische Autobauer Honda hat ein Mini-Auto mit genug Kniefreiheit fĂĽr den Vorstandsboss gebaut. Ein Blick in das Raumwunder namens "Nbox".
- Martin Kölling
Der japanische Autobauer Honda hat ein Mini-Auto mit genug Kniefreiheit fĂĽr den Vorstandsboss gebaut. Ein Blick in das Raumwunder namens "Nbox".
Ich bin kein Freund von Superlativen. Aber ein Mini-Auto des Herstellers Honda hat mich gerade wirklich begeistert: Der "Nbox" ist eines der cleversten Fahrzeuge Japans, das ultimative Raumwunder, die Mini-Kutsche für den Vorstandsboss und der Beweis, dass strenge Regeln die Kreativität fördern können.
Doch genug gejubelt. Der Reihe nach: Der NBox gehört zu einer Gattung, die es nur in Japan gibt, den Kei-Cars. Dabei handelt es sich um Autos mit maximal 660 ccm Hubraum, maximal 3,40 Meter Länge und 1,48 Meter Breite. Diese Fahrzeuge machen ein Drittel des japanischen Automarktes aus. Und sie haben sich aus billigen Blechbüchsen, die sie zu Anfang einmal waren, zu einem der innovativsten Segmente der Autoindustrie entwickelt.
Der unter Daimlers Vorherrschaft entwickelte Mitsubishi "i" ist meines Erachtens mit seiner Bohnenform, Bonsai-Benzin- oder Elektromotor auf der Hinterachse und einem Radstand fast wie beim vorigen Golf schon heute eine Design-Ikone – und agil obendrein. Der Nbox, von Honda auch selbstbewusst "New Next Nippon Nurimono" ("Nurimono" = Ding zum Einsteigen) genannt, hebt die Innenraumgestaltung auf neue Höhen. Auf nur 3,395 Meter Länge bietet das Auto im Fond eine Beinfreiheit wie in einer Stretchlimousine, genug selbst für den anspruchsvollsten CEO. Die Breite von 1,475 Metern reicht immerhin, dass neben dem gewichtigen Mann ein Begleiter/eine Begleiterin und zwischen beiden eine Flasche Schampus Platz haben.
Für standesgemäße Beförderung sorgt zudem die Innenraumhöhe von 1,40 Meter. Der livrierte Kutscher kann sogar seinen Zylinder aufgesetzt behalten. Für die Beinfreiheit wurde zwar der Kofferraum weitgehend geopfert, aber mit ein bisschen Geschick passt eine Golftasche vielleicht gerade so eben hinein. (Durch einfaches Umklappen der geteilten Rücksitzbank entsteht dann ein riesiger Laderaum für zwei. Nur müsste dann der Golffreund entweder der Fahrer oder der Beifahrer sein.)
Und damit gehen dem Auto die guten Ideen nicht aus. Der Einstieg in den Fonds wird durch Schiebetüren ermöglicht, die sich beide per Fernbedienung oder per Knopfdruck auf der Fahrerseite öffnen und schließen lassen. Gut für faule Chauffeure: Sie müssen nicht mehr aus dem Auto springen, um ihrem Boss die Tür aufzuhalten. Dazu schafft Honda mit clever angebrachten Spiegelsystemen etwas, wofür andere Hersteller Kameras verbauen: Mit einem Blick schräg zur Seite kann ich durch einen Blick in einen Spiegel auf der Beifahrerseite am Radkasten nach vorne schauen und so den dortigen toten Winkel auflösen. Für diesen Trick ist am Außenspiegel ein kleiner Zusatzspiegel angebracht, der den Raum vor ihm in zwei kleine Spiegel im dreieckigen Frontseitenfenster reflektiert. Ein Spiegel in der Heckklappe gewährt zudem Blick auf den toten Winkel hinter der Stoßstange.
Auch der normale Außenspiegel ist besonders: Er ist zweifach abgeknickt. Einmal zur Seite, um den toten Winkel neben dem Auto zu eliminieren (normal), ein zweites Mal nach unten, so dass auch hier die Fußleiste der Fahrertür im Blick ist. Ein etwas irritierender Nebeneffekt des Spiegels ist allerdings, dass durch die untere Falte Beine von Fußgängern oder neben einem fahrenden Motorradfahrern optisch verkürzt werden. Aber das ist ein kleiner Preis für großartige Rundumsicht. Ein anderes Detail: Um den Insassen mehr Ellenbogenfreiheit zu gewähren, sind im Türfutter kleine Einbuchtungen eingearbeitet.
Auch das Fahren ist eine Freude, zumindest in der Stadt. Mein Turbo, mit dem ich Bertel Schmitt, den Chefredakteur des Autofachblogs "The Truth about Cars" fĂĽr sein "Car-Review from the back seat" durch die Stadt kutschiert habe, zieht an Ampel gut an und bremst auch sicher ab.
Der Wagen ist angenehm weich gefedert und schluckt die Stahlverbindungen der auf Stelzen durch die Stadt gebauten Autobahnen locker. Und doch ist sie so hart, dass der hohe Wagen nicht unangenehm schaukelt. Eine elektronische Fahrstabilisierung gibt zusätzlich Seitenhalt (obwohl ich sie nicht durch einen Elchtest herausgefordert habe). Als zusätzliches Gimmick kann ich sogar mit einer Wippenschaltung am Lenkrad manuell das stufenlose Automatikgetriebe in den nicht vorhandenen nächsten Gang schalten. Cruise Control, die Bedienung der Autonavigation vom Lenkrad aus und der schlüssellose Anlasser runden das Bild von Komfortmobil in der Mini-Klasse ab. Der Motor ist auch auf der Autobahn agil, regelt aber bei 140 km/h den Vortrieb ab. Allerdings ist dort in Japan ohnehin nur Tempo 100 erlaubt. Und sehr viel schneller will man auch nicht fahren, weil der Wagen dann ein wenig zu schlängeln anfängt.
Ich mag sogar die Außenansicht des Gefährts. Der Wagen sieht zwar aus, als ob er mit dem Brotmesser designt wurde – hinten und vorne abgeschnitten und für den Motorhaubenstummel eingekerbt. Aber mit der fetten Chromblende am Kühlergrill bestand das Auto auch vor Armani-Shops und neben BMWs optisch. Aber Preise zwischen 12.000 und 17.000 Euro sind auch kein Pappenstiel. Der Reiz des Kei-Cars in Japan ist jedoch nicht in erster Linie der Kaufpreis, sondern die niedrigeren Nebenkosten. Steuer und Versicherung sind deutlich preiswerter als bei normalen Autos, ebenso die Parkplatz- und Autobahngebühren.
Anfang Juli hat Honda sogar eine zweite Variante nachgelegt, den Nbox+. Der sieht von Außen und Innen so aus, als ob nur die Sitzbank ein wenig nach vorne geschoben wurde, um mehr Kofferraum zu ermöglichen. Aber der Eindruck täuscht, der hintere Autorahmen wurde komplett neu entwickelt, um die Ladekante zu senken und eine Ladeschräge zu erzeugen. Mit Hilfe einer Rampe kann nun bei umgekippten Rücksitzen ein Motorrad oder mit Hilfe einer (optionalen) elektrischen Winde sogar ein Rollstuhl mitsamt Insassen in den Kofferraum manövriert werden. Und wenn man alle Sitze umgeklappt, entsteht sogar eine fast zwei Meter lange Liegewiese (Vorhänge für die Fenster zum Schutz der Privatsphäre gibt es auch). Und das sind noch nicht alle Ideen, die da verbaut wurden. Die Kopfstützen der Rücksitze lassen sich so in die Seitenverkleidung stecken, dass sie als Rücklehne dienen. Und darüber neben einem Lautsprecher ist ein Fach für Krimskrams angebracht, in den Hondas Mitarbeiter eine Box mit Papiertaschentüchern gestellt haben.
Und so zeigt mir dieses Modell: Wirklich große Autos entstehen durch die Liebe zu kleinen Details. Wenn ich mir je in Tokio einen Wagen kaufen wollte, käme der NBox in die engere Wahl. Und ich glaube auch, dass er in Deutschland eine Chance hätte, wenn sich der Fahrersitz noch ein wenig nach hinten verschieben ließe.
Aber hier in der Metropole würde ich mir statt eines Autos lieber ein Elektrofahrrad kaufen. Damit bin ich im Stadtverkehr oft schneller unterwegs als im Auto (habe kürzlich 100 Minuten für 17 Kilometer gebraucht), tue ein wenig fürs Herz und die Fitness und die Gesellschaft (in dem ich die Luft von Feinstäuben und Russ freihalte, die nach Aussagen der Stadt Tokio bei 26 von 29 Messstellen die stadteigenen Grenzwerte übersteigen). Kürzlich habe ich ja eine kleine Flotte an eBikes vom japanischen Marktführer Panasonic testgefahren. Ein Modell hat mich sehr begeistert: Das nur 16 Kilogramm schwere Modell mit Titan-Rahmen. Das kostet allerdings auch halb so viel wie der billigste NBox. (bsc)