Was war. Was wird.
Man hat es schon schwer, sich zwischen Absurdität und Nihilismus zu entscheiden. Aber immer noch besser als die öde Langeweile, die unsere hochgejubelte digitale Boheme so verströmt, gähnt Hal Faber und versucht, Absurdität wie Duckmäusertum zu entkommen.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** "Schäuble – geh weg!", flehte Hagen Rether gerade eben auf 3Sat. Ob's was nützt? Eine gewisse Sinnhaftigkeit ist dem Wunsch jedenfalls nicht abzusprechen, auch wenn seine Erfüllung derzeit unwahrscheinlich erscheint. "Letztlich läufts auf Pessoa hinaus – vielleicht noch, Heine. Aber letztlich Pessoa." Nicht die Situation ist absurd, sondern der Schäuble, der in ihr lebt, um zur Zuspitzung der Absurdität in Deutschland ein Relikt aus vergangener Zeit zu paraphrasieren.
*** So ist das mit den Wünschen und der Absurdität. Das ist wie mit der Vergangenheit: Was war, das ist manchmal gar nicht so leicht zu beantworten. Was war zum Beispiel Steve Wozniak. War er der geniale Ingenieur der ersten Apple, dessen Schaltbild des Apple 1 zu den Kunstwerken gerechnet wird? Oder iWoz, der ausweislich seiner Autobiografie im Alleingang die Computerindustrie revolutionierte? Oder doch nur der Pete Best der PC-Brance, ein einfacher Trommler, der nur noch ausgewiesenen Pop-Liebhabern bekannt ist? Auf alle Fälle war Steve Wozniak zu schnell gefahren, und das auch noch in einem Toyota Prius. Gut, er war nicht wirklich schnell gefahren, sondern konnte wissenschaftlich untermauert erklären, dass er durch viele Auslandsreisen unter den schlimmen Einfluss europäischer Raserei geraten war. Dass er bei seiner Raserei nach Las Vegas mit einem seiner acht Priusse (oder Pririi ?) sich in Europa wähnte. So wissen wir nicht wirklich, was war, außer der Tatsache, dass das Urteil über Woz noch nicht gefällt werden kann. Denn das Leben geht weiter, mit 104 Meilen in der Stunde.
*** Auch für Richard Stallman, der kein Auto besitzt, geht das Leben weiter. Stallman erlebte das schlimme Erdbeben in Peru und lieferte seinen Fans darüber einen Bericht, komplett mit einer Meditation über gute und böse Gottheiten. War es ein guter Gott, der einen Priester rettete? Oder war es das Urböse, das Peru heimsuchte? So wissen wir nicht wirklich, was war, und bekommen auch von den Zeugen Tuxens keine bessere Auskunft. Tja, über Linux habe ich wirklich lange nicht nachgedacht und finde nun, dass ich mit OpenSuse und Gnome ein ziemlicher Durchschnitt bin.
*** Ist mit Apple, Linux und Gott das gesamte Trollfutter der Woche verschossen, können wir zu den wirklich wirren Fragen des Lebens übergehen. Wie steht es beispielsweise mit der Gentrifikation in Perlin, wo die von der Prekarisierung Betroffenen unweit vom Kulturkaufhaus Dussmann von 9 bis 5 tagen? Das Fachdings für Wirres befindet: Die digitale Boheme ist ausgelutscht, ihre Protagonisten haben sich längst in sichere Jobs verkrochen und von der gnadenlosen Banalität des Bloggens verabschiedet. Sehr schön fasst der Filmkritiker Plomlompon das neue Idletum-Lebensgefühl zusammen, wie die alte Seeligkeit und Muffigkeit der Dropouts wieder da ist: "Gut leben und Ukulele spielen, den Boden beackern und Kompost machen, das Leben ist absurd."
**** Das Leben ist aber nicht nur absurd, sondern vor allem kompliziert. Immer zwickt und zwackt da die Erinnerung. Wer 30689 Passwörter hinter sich hat, mag von Lebenserfahrung reden. Doch manchmal entschlüsselt sich das Leben nicht einmal durch die besten Passwörter. An Antonioni und sein Blow up wurde hier vor wenigen Wochen erinnert, darum darf heute nicht das Geburtstagskind Julio Cortázar fehlen, dessen Las Balbas del Diablo die Vorlage für Blow Up abgaben. In seinem Himmel wird auf Gliglisch gehopscotched. Mit seinen Ausflügen und phantastischen Elementen passt der jüdische Schriftsteller Leo Perutz gut zum Argentinier. Perutz starb gestern vor 50 Jahren. Gucken wir herablassend herunter auf den Autor von "Der Meister des Jüngsten Tages", Unterhaltungsschriftsteller näselnd?
Was wird.
Wir leben in einem Land, in dem eine Regierungspartei die militärische Zwangsarbeit als "freiwillige Wehrpflicht" bezeichnet. Fortlaufend spricht die Regierung Drohungen aus, gegen Arbeitslose oder Andersdenkende, und nennt das "Friedensangebote". Aus der Beschreibung des gewaltfreien Widerstands wird ein gewaltsames Wegdrücken, komplett mit dem gewaltsamen Wegrücken jenes Computers durch die Staatsanwaltschaft, von dem aus die schlimme Textvariante ins Web transportiert sein soll. Beschlagnahmungen, Verhaftungen und halbe Haft-Entlassungen zeigen Deutschland in einem traurigen Zustand. Ist also doch die Situation pervers? Wir haben einen Staat vor uns, der paranoider ist als der – noch'n Jubiläum – im Deutschen Herbst. In einem leider nicht online verfügbaren Kommentar "Der unverfolgte Bürger" behauptet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung frohgemut, dass man vor dem Big-Brother-Staat keine Angst haben müsse, weil die Bürokratie für eine effektive Überwachung viel zu ungeschickt sei. Ich wünschte, es wäre so, aber ich bin unfrohgemut. Viel naheliegender ist es nämlich, dass die ungeschickte Bürokratie sehr ungeschickte Fehler macht. Die Forderung nach Stasi-Akteneinsicht der DDR-Bürgerrechtler ist aktueller denn je. Sonst ist der ach so unverfolgte Bürger ein unmündiger Bürger.
"Trägheit, Feigheit und Gleichgültigkeit sind immer noch die wichtigsten Ursachen der Unmündigkeit. Nicht gesellschaftliche Verhältnisse, nicht das marode Erziehungswesen, nicht die säkulare Entwertung aller Werte sind dafür verantwortlich, dass Menschen im Dämmerschlaf des Konformismus verharren. Unmündigkeit ist selbstverschuldet. Viele Menschen bevorzugen die bequeme Unselbständigkeit. Sie sind zu faul, sich ihres Verstandes zu bedienen, und überlassen das Urteil lieber anderen. Nicht die Arbeit des Begriffes erschöpft sie, sondern die Gewohnheit des Nichtstuns. Sie lassen andere für sich sprechen, denken und handeln und ziehen sich in den Käfig der Passivität zurück. Die Feiglinge wiederum geben sogleich Fersengeld, wenn irgendwo ein Streit entbrennt. Wittern sie Widerspruch, beklagen sie fehlende Toleranz."
Wenn selbst ein liberaler Gegner staatlicher Überwachung wie Ralf Dahrendorf in einem Artikel behaupten kann, dass die Videoüberwachung in London es ermöglicht hat, dass Terroranschläge verhindert werden können, dann zeigt sich erst, wie sehr der Präventivstaat in den Köpfen der Staatsdenker spukt. Aus diesen Köpfen kommen dann ganz wunderliche Sätze wie die Verschickung des Bundestrojaners a.k.a. Remote Forensic Software per Mail, zusammen mit einem Werkzeug zur "Datenerhebung", das beim Öffnen des Anhangs installiert wird. Natürlich komplett im Treu und Glauben, dass die private Lebensführung privat bleibt und bestimmte Dateinamen und Dateiendungen von der Online-Schnüffelei ausgenommen sind. So ungeschickt ist die Staatsbürokratie offenbar doch nicht. Ob dahinter eine Methode steckt oder unsere Beamten tatsächlich nur "IT für Dummies" lesen, wird sich vielleicht auf der Sommerakademie 2007 zeigen, die das Thema Terrorismus kontra offene Informationsgesellschaft behandelt.
In Neuseeland warb die Pizzakette Hell mit einem "höllisch guten" Werbespot für ihre Teigfladen: Ein Adolf Hitler, der beim Hitlergruß ein Pizzadreieck in den Himmel reckt, da mügeln sich die Witzbolde. Solche Witze können ja jedem einfallen, wie "Ausländer raus!"-Parolen jedem über die Lippen kommen können. Das meint jedenfalls der Bürgermeister von Mügeln, der davon überzeugt ist, dass es in seiner Stadt keine Rechtsextremisten gibt. Ein "rein fremdenfeindliches Motiv" bei der Volkshatz auf Inder möchte auch der Innenminister des Landes Sachsen-Mügeln nicht sehen. Wer hat gejagt, wer hat "nur" gegafft, wer hat sich duckmäusernd aus dem Staub gemacht? Dann gibt es noch die komische Sorte, die sich kostenlos entrüstet, dass Mügeln nichts von den 24 Millionen bekam, die für Programme gegen Rechtsextremismus ausgegeben wurden. Ein lustiger Vergleich: Die Landesbank Sachsen-Mügeln hat 65 Milliarden Euro in den Sand gesetzt. Nicht in Sachsen, nicht in Mügeln.
"Stets bevorzugt der Duckmäuser Gleichgesinnte und Gleichgestellte. Lieber wirft er sich zu Boden, als einer Attacke standzuhalten. Der Gleichgültige stellt sich blind und taub. Geschieht nebenan eine Untat oder eine Unglück, zuckt er die Achseln und geht weiter. In seinem Winkel will er so bleiben, wie er ist. Alarmrufe warnen ihn vor naher Gefahr, damit er sich rechtszeitig abwenden kann. Mit Vorliebe empört er sich, weil Entrüstung nichts kostet und die Anklage anderer die eigene Untätigkeit rechtfertigt."
Man kann etwas tun, man muss, man darf nicht untätig bleiben. Eine von vielen Möglichkeiten ist die anstehende Demonstration Freiheit statt Angst. Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber wer dem Absurden entkommen will, entkommt nicht der Wiederholung. Aber sicher der Langeweile.
"Keine Änderung der Sitten und keine Sozialreform wird diese Laster und Untugenden vertreiben, sondern nur die persönliche Revolution der Individuen. Wer aus eigenen Stücken auf die Waffen der Kritik verzichtet, der lässt seine Urteils- und Handlungskraft verkommen. Am Ende braucht er sich über sein Dasein als gläserner Untertan nicht zu wundern. Seine Privatsphäre ist längst dahin. Er hinterlässt immer nur die gleichen Spuren. Er muss gar nicht mehr beobachtet und durchleuchtet werden, da ohnehin jeder weiß, was er denkt und was er tut."
Alle hier zitierten Passagen stammen aus dem Schlusskapitel "Gedankenfreiheit" des wichtigen BĂĽchleins "Verteidigung des Privaten" von Wolfgang Sofsky, das in dieser Woche erschienen ist. Ich setze jetzt nicht den dĂĽmmlichen Bloggerspruch vom "Lesebefehl" ab, denn mindestens hier sollte man wissen, dass dies nur fĂĽr Festplatten gilt, nicht fĂĽr mĂĽndige Leser. (Hal Faber) / (jk)