Die Qual bei der E-Auto-Wahl
Elektroautos stellen die Hersteller vor die Wahl: Sollen sie, um den Markt zu knacken, auf teure Hochleistungsfahrzeuge setzen oder auf kleine, preiswertere Leichtkraftwagen?
- Martin Kölling
Elektroautos stellen die Hersteller vor die Wahl: Sollen sie, um den Markt zu knacken, auf teure Hochleistungsfahrzeuge setzen oder auf kleine, preiswertere Leichtkraftwagen?
Noch ist von einem E-Auto-Boom nicht viel zu spüren. Der Absatz der Modelle, die es schon gibt, verläuft schleppend. Nissan hat seine ambitionierten Pläne für Akkufabriken ein wenig zurückgeschraubt. Aber trotzdem ist es zu früh, die Stromer abzuschreiben: Auch wenn es auf der Straße noch nicht sichtbar ist, bewegt sich eine Menge in der Industrie. Und ehe wir uns versehen, könnte der Boom plötzlich da sein. Dies wenigstens meint Japans E-Auto-Pionier Hiroshi Shimizu, Professor der Keio Universität und Gründer von Sim-Drive, das mit Partnern wie Bosch an einer Art offenen Plattform für E-Auto-Prototypen werkelt.
Als ich ihn kürzlich in seiner Technikschmiede in Kawasaki traf, kritisierte er die bisherigen Prognosen für Elektrofahrzeuge hart. Die Industrie schreibe die Entwicklung linear fort und übersehe dabei die Technikgeschichte, sagte er. Disruptive Technologien würden langsam beginnen, sich exponentiell verbreiten und innerhalb von rund sieben Jahren die alte Technik in die Nische oder ganz aus dem Markt drängen. Und er glaubt, dass diesmal eine reale Chance besteht, dass es auch bei E-Autos passieren könnte. Die Frage ist allerdings, von wo der Markt geknackt werden wird. Von oben, dem Sportwagenbereich? Aus der Mitte, dem Massenmarkt? Oder von unten, mit einem neuen Segment der Leichtkraftwagen?
Der Massenmarkt für Vielfahrer ist hart, weil das reine E-Auto mit seiner noch beschränkten Reichweite nicht für längere Spritztouren taugt. Etwas über 100 Kilometer versprechen die Hersteller pro Akku-Ladung derzeit nur. Shimizu will bei gleicher Akku-Kapazität dank seiner selbst entwickelten Radnabenmotoren, einer Leichtbauweise und extrem windschnittigen Karosserien über 300 Kilometer aus einer Ladung kitzeln. Aber selbst bei Ausflügen ins bergige Tokioter Umland könnte das knapp werden. Und für eine Urlaubsreise von Deutschlands Norden in die Alpen oder von dort zurück an die Nordsee würden öfter längere Ladestopps fällig. Hybride oder klassische Verbrennungsmotoren sind in dieser Kategorie glasklar überlegen.
Ich glaube daher, dass der Einstieg von oben und von unten Unternehmen die besten Chancen bietet (Taxi-Flotten einmal ausgenommen). Denn in diesen Bereichen spielen die E-Autos ihre Stärken aus. Der Elektroantrieb eignet sich hervorragend für Spaßmobile für betuchte Kunden, weil er extrem rasch beschleunigen lässt – wie meine Probefahrten mit Shimizus Prototypen zeigten. In fünf bis sechs Sekunden auf 100 km/h, das ist Sportwagenniveau. Des Professors achträdrige Technikdemonstration von 2004, das Eliica, schafft das erste lumpige Hundert sogar in nur vier Sekunden und pendelt erst bei Tempo 370 aus. Der teure Kaufpreis ermöglicht den Herstellern, auch kleine Serien einigermaßen kostendeckend herzustellen. Auch Shimizu sieht das so. Sein dritter Prototyp, der 2013 vorgestellt werden und sehr marktnah daher kommen soll, gehört zu dieser Kategorie. Tesla in den USA verkauft seinen Roadster schon länger.
Gleichberechtigt aussichtsreich ist der Einstieg von unten: Minis mit ein bis vielleicht vier Sitzen für den lokalen Stadt- und Landverkehr. Die Leichtfahrzeuge können sich schwache Motoren und kleine Batterien leisten und stoßen damit preislich in die Liga von Motorrädern vor. Außerdem sind sie einfach zu entwerfen und ermöglichen neuen Herstellern den Markteinstieg wie vorigen Monat erst Toyotas Tochterfirma Toyota Auto Body (TAB) unterstrichen hat.
Das Unternehmen schloss mit Japans größter Convenience-Store-Kette 7Eleven einen Vertrag über die Lieferung von 3000 Kleinstmobilen in den kommenden zwei Jahren ab. Der vierrädrige, bis zu 60 km/h schnelle Kabinenroller soll als Auslieferungsfahrzeug dienen. Mit einer Akkuleistung surrt es bis zu 60 km weit. Der Gewicht und der Preis wurden im Vergleich zum Vorgängermodell deutlich reduziert. 6700 Euro soll es kosten.
Das ist nicht gerade billig, aber bezahlbar. Besonders für eine Klientel, an die die wenigsten beim Stichwort E-Auto denken: die Senioren, besonders die auf dem Land. In Japan wie in Europa vergreisen die Dörfer besonders schnell. Die Finanznot der Gemeinden führt zudem dazu, dass der öffentliche Personennahverkehr, wenn überhaupt vorhanden, zurückgefahren wird. Kleine Leichtmobile könnten den Senioren nun länger ein eigenständiges Leben ermöglichen. Dieses Segment könnte Unternehmen etwas größeren Absatz verschaffen.
Bei einem Probesitzen fand ich TABs Bonsai jedenfalls bequem genug – und sogar allwettertauglich. Das Mobil hat zwar keine Türen, aber als Option einen Plastikvorhang, der sich mit einem Reißverschluss schließen lässt. Meine Wette: Die ersten Renner der E-Mobilität könnten sowohl Spaßmobile als auch einfache Nutzfahrzeuge werden. Oder anders gesagt, die nahe E-Zukunft wird vorerst rasant, unpraktisch und teuer – oder einfach, praktisch und billig. (bsc)