Mobilfunkausrüster preist Wimax als billige Alternative zu UMTS
Die Infrastrukturkosten eines Wimax-Funknetzes veranschlagt Motorola als gerade halb so hoch wie die eines vergleichbaren UMTS-Netzes. Der US-Elektronikriese setzt auf die Koexistenz beider Standards in Europa.
"Die Infrastrukturinvestitionen für den Aufbau eines Wimax-Mobilfunknetzes gemäß IEEE 802.16e-2005 betragen derzeit gerade einmal die Hälfte der Kosten, die für ein UMTS-HSDPA-Netz anfallen würden." Das behauptet jedenfalls Gary Grube, immerhin oberster Mobilfunk-Entwickler beim US-Elektronikriesen Motorola. In den nächsten Jahren werde sich diese Relation noch weiter zugunsten von Wimax verschieben: Mit dem Einsatz verbesserter Antennentechnik – Multiple Input Multiple Output, MIMO – könnte der Preis für Wimax-Infrastruktur auf ein Siebtel der Kosten für UMTS-Hardware gedrückt werden, prognostizierte Grube vor Journalisten anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Motorola-Entwicklungszentrums in Saint Aubain südlich von Paris.
Mit harten Fakten untermauern konnte Grube, der selbst rund 100 US-Patente hält und Mitglied im Executive Advisory Board des International Engineering Consortium (IEC) ist, seine Prognose jedoch nicht: Zum einen rückt Motorola auch bei der Wimax-Promotion nicht von ihrem Prinzip ab, keine Details aus Lieferverträgen zu veröffentlichen. Es darf vermutet werden, dass unterschiedliche Mobilfunk-Anbieter auch verschiedene Einkaufskonditionen erhalten. Zum anderen ist der Einsatz von MIMO keineswegs auf Wimax-Funkverfahren beschränkt. Antennenarrays werden schon in einer ganzen Reihe von Funkverfahren verwandt, um den Datendurchsatz zu erhöhen – darunter UMTS-Evolutionsstufen wie HSPA (High Speed Packet Access) oder der noch im Laborstadium befindliche Mobilfunk der vierten Generation (4G). Vielmehr rührt der US-Mobilfunkkonzern, der seinem Chefentwickler zufolge so ziemlich jeden auf der Welt eingesetzten Funkstandard im Verkaufsprogramm hat, auch deshalb kräftig die Wimax-Werbetrommel, weil sein Unternehmen – im Gleichschritt mit Chip-Gigant Intel –, massiv in die 802.16-Standardfamilie investiert hat, so allein im Juli mit einer Finanzspritze im Wert von 300 Millionen US-Dollar für den Wimax-Provider Clearwire.
In Deutschland sind mobile Wimax-Anwendungen noch Zukunftsmusik, bislang kommt Wimax vor allem als Alternative zu DSL für ortsfeste Anschlüsse zum Einsatz. Während HSDPA-fähige Laptops (siehe c't 21/06, ab Seite 148) in den Netzen von Vodafone und T-Mobile bereits Downloads bis zu 166 KByte/s gestatten und auch erste Handys mit dem "UMTS-Turbo" auf dem Markt sind, gibt es entsprechende Wimax-Empfänger noch nicht. Immerhin hat jüngst auch Handy-Weltmarktführer Nokia Wimax-fähige PDAs und Laptopkarten in Aussicht gestellt. Wenn es nach den Finnen geht, bewegen sich die Nutzer dieser Geräte allerdings höchstens in Schrittgeschwindigkeit. Diese Tempo-Empfehlung lässt sich zugleich als Einsicht in das derzeit technisch Machbare als auch als Beruhigungspille für die starke GSM/UMTS-Fraktion in Konzern und Kundschaft der Finnen deuten. Auch Motorola-Mann Gary Grube will mobiles Wimax nicht als Bedrohung oder mittelfristigen Ersatz für GSM und UMTS verstanden wissen: Wimax komme als Ergänzung für bestehende Mobilfunknetze in Betracht oder als preiswerte Alternative für Neueinsteiger.
Bevor es dazu kommt, müssen nicht nur geeignete Endgeräte, zum Beispiel Zwitter mit UMTS- und Wimax-Modul, verfügbar, sondern auch das Gerangel um Wimax-Frequenzen im deutschen Äther entschieden sein. Dem starken Nachfrageüberhang will die Bundesnetzagentur mit einer Versteigerung des Frequenzspektrums begegnen. Ob dieses Verteilungsverfahren ein gutes Omen für Wimax-Phantasien ist, bleibt abzuwarten: Bis heute hat die Mobilfunkbranche die finanziellen Folgen der UMTS-Auktion vom Sommer 2000 nicht vollständig überwunden – seinerzeit zahlten sechs Bieter insgesamt über 50 Milliarden Euro für die deutschen UMTS-Lizenzen. (Sven-Olaf Suhl) / (vbr)