Die Ceatec braucht einen Neuanfang
FrĂĽher war Japans Konsumelektronikmesse eine Fundgrube fĂĽr verrĂĽckte Erfindungen und zukunftsweisende Technik. Nun ist sie zwischen der IFA Berlin und der CES zu einer irrelevanten Lokalmesse kleingerieben worden.
- Martin Kölling
FrĂĽher war Japans Konsumelektronikmesse eine Fundgrube fĂĽr verrĂĽckte Erfindungen und zukunftsweisende Technik. Nun ist sie zwischen der IFA Berlin und der CES zu einer irrelevanten Lokalmesse kleingerieben worden.
Das erste, was beim Besuch der diesjährigen Ceatec, der einst berühmtesten Technikmesse Asiens, auffällt, sind die breiten Gänge zwischen den Ständen. Das zweite, dass die Gänge noch viel breiter wären, wenn nicht der Autohersteller Toyota erstmals und sein Konkurrent Nissan zum wiederholten Male auf der Messe massiv Platz belegen würden. Beide Konzerne zeigen nicht nur mit riesigen Ständen Präsenz, sondern haben sogar jeweils einen Testparcours für Elektromobile in eine Halle gesetzt.
Noch größere Lücken gab es nur bei einer Sache, die solche Messen interessant macht: dem Angebot an technischen Weltneuheiten. Da Japans klamme Elektronikkonzerne ihre knappen Ressourcen seit Jahren immer mehr auf die IFA und die CES konzentrieren, kriegen die Japaner nun fast nur noch Geräte zu sehen, die es schon vorher in Berlin oder Kalifornien zu begutachten gab. Noch höher als HD-auflösende 4K-Fernseher zum Beispiel. Allenfalls Prototypen für innovative Ultrabooks mit Touchscreen und Windows 8 japanischer Hersteller waren möglicherweise neu. Richtig traurig wird die Lage allerdings dadurch, dass auch die bisher zuverlässigsten "Oh! Ah!"-Produzenten, die Mobilnetzbetreiber NTT Docomo und KDDI, auf gewagte Ideen weitgehend verzichten. Stattdessen wurden vor allem neue Dienste präsentiert.
Die eine Technik, die mich persönlich fasziniert hat, gibt es dagegen schon seit Mai bei KDDI zukaufen: Ein Smartphone von Kyocera, das ohne Lautsprecher auskommt und mit dem sich daher besonders gut in lauter Umgebung telefonieren lässt. (Ok, das Handy hat einen Lautsprecher auf der Rückseite, aber eben keinen im "Hörerteil".) "Smart Sonic Receiver" nennt Kyocera die Technik, bei der kleine keramische, piezoelektrische Energieumwandler das Display wie die Membran eines Lautsprechers in Schwingungen versetzen. Der Bildschirm erzeugt damit nicht nur Schallwellen, sondern überträgt, einmal ans Ohr gelegt, auf die Haut und über die Haut auf das Ohrinnere. Das funktioniert sogar bei aufgesetztem Kopfhörer mit eingespieltem Baustellenlärm, demonstrieren die Hostessen am Kyocera-Stand. Telefon von außen an den Kopfhörer halten und schon hört man trotz Einspielung den Gegenüber.
Der Mega-Trend der Messe ist der derzeitige Mega-Trend in Japans Elektronikindustrie: Heimische Energie-Managementsysteme, die Stromnetz, Solarzellen, Akkus, im Zweifel auch Brennstoffzellen, Elektroautos, Klimaanlagen, Haushaltsgeräte und Handys wie Computer vernetzen. Toyota fuhr sogar neben zwei Elektrovehikeln ein Toyota-Fertighaus von Toyota Home auf. Und die Breite der Bewegung verheißt, dass die Japaner über kurz oder lang mit ihren Ideen und Techniken auch auf den europäischen Markt drängen werden. Panasonic macht das schon: Am Montag hat der Konzern angekündigt, dass er mit dem deutschen Heiztechnikhersteller Viessmann kleine Brennstoffzellen für den Heimgebrauch verkaufen will.
Aber es gibt auch die Hoffnung, dass die Ceatec nicht weiter verkommt. Inzwischen ist auch den Organisatoren aufgefallen, dass sie die Messe neu positionieren mĂĽssen, um ihr in vielleicht neuem Gewand und Zuschnitt zu neuem Glanz zu verhelfen. Wenigstens sagte mir das ein Messeexperte. Mal sehen, wie ihnen das ĂĽber die kommenden Jahre gelingt. Ich wĂĽrde mich freuen, wenn die Ceatec wieder zum asiatischen Messepol der Elektronikindustrie werden wĂĽrde. Ich befĂĽrchte allerdings, dass die Karawane nach China weiterzieht. (bsc)