Spiel auf Zeit
Die Europäische Kommission hat Anfang Oktober das Resultat europaweiter Stresstests aller Kernkraftwerke auf dem Gebiet der EU veröffentlicht. Das Ergebnis ist beunruhigend, scheint aber niemanden zu interessieren.
Die Europäische Kommission hat Anfang Oktober das Resultat europaweiter Stresstests aller Kernkraftwerke auf dem Gebiet der EU veröffentlicht. Das Ergebnis ist beunruhigend, scheint aber niemanden zu interessieren.
War was? Die EU-Kommission hat Anfang Oktober das Ergebnis eines Stresstests veröffentlicht, der alle europäische Kernkraftwerke abdeckt. In der deutschen Öffentlichkeit hat der Bericht nur wenig Spuren hinterlassen, obwohl das Resultat nicht wirklich beruhigend ist.
So ist der Tabelle beispielsweise zu entnehmen, dass es in Europa vier Kernkraftwerke gibt, deren Betreiber nicht nachweisen können, dass die Reaktoren in der Lage sind, mit einem Stromausfall der gesamten Anlage (Station Blackout) von mindestens einer Stunde fertig zu werden. Vier AKWs! Es sind zwei Blöcke im finnischen Olkiluoto (wo auch der Druckwasserreaktor EPR gebaut wird) und zwei Blöcke im schwedischen Forsmark – ein Standort, der ebenfalls bereits durch mehrere Störfalle aufgefallen ist.
Eine Stunde. Das ist wirklich nicht lang. Die Kollegen von der "Tagesschau" berichten, dass man in Forsmark sogar nur 35 Minuten Zeit haben soll, wieder Strom an die Anlage zu kriegen. In Fukushima haben die Notstrombatterien von Block 3 ganz 26 Stunden gehalten. Wie wir wissen, hat das aber auch nicht gereicht.
Spannend an der Geschichte ist aber noch ein zweiter Punkt: Obwohl die deutschen Atomkraftwerke in der Liste noch ganz gut wegkommen, gibt es dennoch Rügen – unter anderem für fehlende Notfallpläne und fehlende seismische Messgeräte. Der Reaktorsichheitskommission (RSK), die bereits 2011 das Ergebnis eines eigenen Stresstests veröffentlicht hatte, war das wohl nicht aufgefallen.
Warum nicht? Und was für Schlüsse muss man aus den europäischen Ergebnissen ziehen? Immerhin stehen ja einige der beanstandeten Reaktoren recht dicht an der deutschen Grenze. Die RSK schweigt. Eine Interviewanfrage wurde mit der Auskunft abgelehnt, man befinde sich noch in der "internen Abstimmung" zur Bewertung der europäischen Stresstests.
Auch der "Tagesspiegel" hat wohl mal der RSK geläutet und wollte wissen, was der deutsche Stresstest nun eigentlich für Konsequenzen haben wird. Das ist aber politisch noch immer umstritten, denn falls man zu dem Schluss kommen sollte, dass an den noch laufenden AKWs Nachbesserungen notwendig sind, könnte das teuer werden.
Also passiert nichts. "Es ist absehbar", schreiben die Kollegen, "dass es in diesem Jahr keine abschließende Empfehlung der RSK mehr geben wird". Und nächstes Jahr ist Wahlkampf. Da wird wohl auch nichts passieren.
Das sieht so aus, als ob hier auf Zeit gespielt wird. Nach dem Motto: In zehn Jahren ist eh Schluss mit der deutschen Atomkraft. Da muss man jetzt auch keine Hektik mehr machen. Das mag ökonomisch effizient sein. Zur Vertrauensbildung trägt es nicht bei. (wst)