EU-Reifenlabel verstärkt den Wettbewerb
Der Handel muss ab November mit einem Label über Rollwiderstand, Lärmentwicklung und Bremsverhalten von Reifen informieren. Das heizt den ohnehin scharfen Wettbewerb der Branche weiter an
Das neue Reifenlabel der EU habe schon in der Vorbereitungsphase den Wettbewerb auf dem ohnehin heiß umkämpften deutschen Reifenmarkt kräftig angeheizt, sagt der Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie (WdK), Peter Sponagel. Auf den Pneus informieren künftig grün-gelb-rote Aufkleber über Rollwiderstand, Lärmentwicklung und Bremsverhalten. Das Label ist vom 1. November 2012 an EU-weit Pflicht, vorher gab es bereits eine Probephase auf freiwilliger Basis. Die Unternehmen bemühten sich, mit hochwertigen Materialmischungen möglichst gute Einstufungen für ihre Reifen zu erreichen. Da die großen Hersteller meist mit mehreren Marken in den verschiedenen Qualitätsstufen am Markt sind, sei hochwertigere Technologie oft im Regal vorhanden.
Schwer werde es vor allem für Billiganbieter etwa aus Fernost – aber nur, falls die Kunden das Label auch annehmen und nicht vorwiegend nach Geldbeutel entscheiden. Das wisse bisher niemand: „Da ist die ganze Branche im Blindflug.“ Die Kosten für die vom Hersteller selbst durchgeführten und bezahlten Tests sind dennoch erheblich. Sie lägen insgesamt in dreistelliger Millionenhöhe, sagt der Verbandssprecher. Mittelfristig werde sich das wohl auch auf die Preise auswirken. Auf kurze Sicht rechnet er damit aber nicht.
(Bild:Â Nokian Tyres)
Für die EU ist das Label Verbraucher- und Umweltschutz zugleich. Die Vorschrift gehört zu einem Aktionsplan, der den Energieverbrauch bis zum Jahr 2020 um ein Fünftel senken soll. Und dabei spielt die Wahl verbrauchsgünstiger Reifen eine nicht unerhebliche Rolle: Rund ein Viertel des Spritverbrauchs von Autos geht nach Einschätzung von Experten auf das Konto des Rollwiderstandes, den ein guter Reifen minimiert. Bis zu einem halben Liter lasse sich auf 100 Kilometer mit dem Top-Reifen der Kategorie A im Verhältnis zum schlechtesten Pneu sparen.
Allerdings lasse sich durch zurückhaltende Fahrweise weit mehr sparen als durch Reifen, betont ADAC-Reifenspezialist Ruprecht Müller. Außerdem widersprechen sich ein geringer Widerstand durch eine eher harte Reifenmischung und eine gute Haftung bei Nässe physikalisch. Ein „A“ beim Verbrauch und der Haftung zugleich ist bisher kaum zu erreichen. „Unsere Besten haben BB“, sagt etwa der Sprecher des Reifenherstellers Continental, Klaus Engelhart. Die Hersteller müssten aufpassen, dass sie vor lauter Sprit- und CO2-Sparerei die Reifenhaftung nicht vernachlässigen: „Wir machen keine faulen Kompromisse auf Kosten der Sicherheit.“
Die Reifenhändler hätten sich auf zusätzlichen Beratungsbedarf durch das Label eingestellt, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV), Hans-Jürgen Drechsler. Bei Winterreifen bleiben ohnehin wichtige Fragen offen: Das Fahrverhalten auf Schnee und Eis kommt nicht vor. Deshalb sei die Einführung des neuen Labels ausgerechnet im November ziemlich unglücklich, sagt Verbandsgeschäftsführer Sponagel. (dpa) (mfz)