Wer braucht eigentlich LadesÀulen?

Was fĂŒr eine fĂŒrchterliche Vorstellung: Abertausende Elektroautos hĂ€ngen mit ihren Ladestrippen an ebenso vielen Ladestationen, die das Stadtbild verschandeln. Dabei könnte Elektroautofahren so einfach sein

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Von
  • Gernot Goppelt
Inhaltsverzeichnis

Wenn sich dutzende Hersteller auf eine neue Technik stĂŒrzen und ein Angebot daraus schneidern, haben sie normalerweise irgendwo eine Goldader entdeckt. Auch die Anbieter von LadesĂ€ulen scheinen regelrecht aus dem Boden zu sprießen, die ElektromobilitĂ€t steht offenbar kurz vor ihrem Durchbruch. Oder doch nicht? Die Zulassungszahlen sprechen eine andere Sprache: 2023 Elektroautos wurden in den ersten neun Monaten des Jahres 2012 "in den Verkehr gebracht", wie das Kraftfahrbundesamt ordnungsgemĂ€ĂŸ feststellt – und dabei liegt der gewerbliche Anteil bei den reinen Elektroautos bei rund 90 Prozent.

Kurz: Kaum eine Privatperson kauft Elektroautos, doch andererseits investieren viele Unternehmen in das GeschĂ€ft mit LadesĂ€ulen, die wer eigentlich braucht? "Deutschlands grĂ¶ĂŸte Lieferantensuchmaschine" Wer liefert was? listet allein 16 Anbieter von LadesĂ€ulen auf und das sind lĂ€ngst nicht alle. Auf der diesjĂ€hrigen eCarTec in MĂŒnchen tummeln sich mit rund einem halben Dutzend LadesĂ€ulenherstellern schon weniger als im vergangenen Jahr. Woran liegt das? Vielleicht fĂŒhrt die Technik der LadesĂ€ulen einfach in eine Sackgasse? Das findet zumindest ein Vertreter der Firma Qualcomm, mit dem wir auf der eCarTec sprechen konnte.

Was fĂŒr ein Verhau wird das, wenn abertausende Elektroautos in den StĂ€dten an ebensovielen LadesĂ€ulen hĂ€ngen?

Gut, Qualcomm ist ein Vertreter des berĂŒhrungslosen Ladens und hat kein großes Interesse daran, sich begeistert ĂŒber "klassische" Ladetechnik zu Ă€ußern. Doch tatsĂ€chlich gibt es Argumente, warum das Konzept der LadesĂ€ulen möglicherweise ein Irrweg ist. Zum Beispiel: Wollen wir allen Erstes, dass ĂŒberall am Straßenrand LadesĂ€ulen herumstehen, an denen Autos an der Strippe hĂ€ngen? StĂ€dteplaner sprechen von Street Furniture, wenn es um ParkbĂ€nke, Straßenlampen usw. geht. Dies alles sind zwar FunktionsgegenstĂ€nde, aber eben auch gestalterische Elemente der Raumplanung, der stĂ€dtischen Ästhetik. Eine Legion von LadesĂ€ulen ist vielen StĂ€dteplanern deswegen ein Graus, mit Recht. Wenn sie noch so schick gestaltet sind, schöner lĂ€sst sich der Raum ohne sie gestalten.

Auch fĂŒr die Autofahrer selbst dĂŒrfte die Vorstellung attraktiver sein, dass man einfach sein Auto ĂŒber einer unsichtbar im Boden verlegten Induktionsspule abstellt, anstatt jedes Mal ein Kabel herausfummeln zu mĂŒssen und es an einer Ladestation anzuschließen. Zwar ist das weniger schmuddelig als an der Tankstelle, doch dafĂŒr wegen der kurzen elektrischen Reichweiten praktisch tĂ€glich notwendig, das nervt. Und was passiert eigentlich, wenn irgendwelche Spaßvögel meinen, LadesĂ€ulen beschĂ€digen zu mĂŒssen – egal ob es Robin Hoods der Raumordnung oder schlicht Vandalen sind? Induktive LadeplĂ€tze sind in dieser Hinsicht nicht angreifbar, solange nicht der Boden aufgebuddelt wird.

Warum ist das iPad ein so großer Markterfolg geworden? Weil er das Bedienen eines Computers viel einfacher gemacht hat, weil er die Barriere zwischen Nutzer und Technik kleiner gemacht hat. Dieses simple Argument fĂŒhrt Qualcomm auch an, wenn es um Elektroautos geht: Menschen wollen Elektroautos, die einfach funktionieren, bei denen man stĂ€ndig nicht mit Kabel und Stecker hantieren muss. Qualcomm macht sich deswegen vor allem Gedanken darĂŒber, wie man ein Ladekonzept möglichst einfach gestalten kann, damit die Kunden es nutzen wollen und deswegen ein GeschĂ€ft daraus wird.

Qualcomm wird in London das berĂŒhrungslose Laden testen. Wetten, dass die Autofahrer es dem Laden per Strippe vorziehen?

Erste Erkenntnisse ĂŒber die WĂŒnsche der Autofahrer wird der WEVC Trial in London erbringen, in dem Elektrofahrzeuge im Alltag getestet werden. Qualcomm ist dafĂŒr mit Renault eine Partnerschaft eingegangen, um das induktive Laden zu testen. Gespannt ist man auf RĂŒckmeldungen von Benutzern, die zunĂ€chst das Laden per Ladestation kennenlernen und dann das berĂŒhrungslose Laden. Qualcomm setzt dabei auf eine Technik mit dem beeindruckenden Namen "Double 'D' Quadrature Design", was irgend wie nach doppelter Quadratur des Kreises klingt, aber Spaß beiseite: Das System soll dafĂŒr sorgen, das die PrimĂ€r- und SekundĂ€rspulen in Fahrzeug und Boden nicht genau ĂŒbereinander positioniert sein mĂŒssen. Selbst ein Versatz von bis zu 15 Zentimeter geht angeblich nicht auf Kosten des Wirkungsgrades. Die Reaktion der Londoner Probanden ist einigermaßen voraussehbar. NatĂŒrlich werden sie ein System vorziehen, bei dem sie einfach nur den Wagen abstellen mĂŒssen, dessen Batterie dann ohne weiteres Zutun geladen wird.

Das induktive Laden hat eigentlich nur einen nennenswerten Nachteil, nĂ€mlich den etwas höheren Verlust beim Laden im Vergleich zur Verdrahtung mit der LadesĂ€ule. Sofern man unterstellt, dass ElektromobilitĂ€t nur mit regenerativ erzeugtem Strom sinnvoll ist, muss dies kein entscheidendes Kriterium sein. Dennoch gehört dieser Satz eigentlich fett gedruckt, denn sehr viel mehr Vorteile bieten LadesĂ€ulen nicht. Gleichstand herrscht bei den Abrechnungssystemen: Ob verdrahtet oder drahtlos, auf beiden Wegen lĂ€sst sich problemlos eine Kommunikation zwischen Fahrzeug und Ladestation aufbauen. Einzig das Zahlen mit Bargeld oder Karte ist bei induktiven Lösungen schwierig, aber langfristig betrachtet auch so unelegant, dass es sowieso verschwinden wird (beim Stromtanken, versteht sich). In einem Demonstrationsfahrzeug, das Qualcomm auch auf der eCarTec zeigt, geschieht die Kommunikation mit der Ladetechnik im Boden per Bluetooth, doch "wir können alles machen, was der OEM wĂŒnscht". Klar im Vorteil ist das berĂŒhrungslose Laden schließlich beim Thema Standardisierung: Wo kein Stecker benötigt wird, sind regionale Standards wie der Mennekes-Stecker nicht erforderlich.