Keine Gnade für Temposünder

Spanische Wissenschaftler haben ein System entworfen, das bei Geschwindigkeitsüberschreitungen vollautomatisch Strafzettel ausstellt. Ist das eine gute Idee?

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Spanische Wissenschaftler haben ein System entworfen, das bei Geschwindigkeitsüberschreitungen vollautomatisch Strafzettel ausstellt. Ist das eine gute Idee?

Können wir eigentlich davon ausgehen, dass es auch im Verkehrsministerium Leute gibt, die Fachzeitschriften lesen? Ich meine richtige, wissenschaftliche - keine juristischen? Ich bin mir da manchmal nicht so sicher. Aber wenn, dann bin ich sehr gespannt, was dieser Artikel auslösen wird. Spanische Wissenschaftler haben in dem Aufsatz, der im Sommer in der Fachzeitschrift „Intelligent Transport Systems“ erschienen ist, nämlich ein System beschrieben, das vollautomatisch Strafzettel ausstellt.

Richtig gelesen: Ein vollautomatisches System zum Ausstellen von Strafzetteln bei Geschwindigkeitsüberschreitungen, bei Rot noch-eben-schnell-über-die-Kreuzung huschen, und was der kleinen - bislang lässlichen - Sünden des Autofahrens sonst noch so sind. Da muss doch einem Verkehrsminister eigentlich das Herz aufgehen oder? Endlich wird auf jeder, aber auch jeder Straße regelgerecht gefahren.

Natürlich ist das System noch nicht fertig. José María de Fuentes und seine Kollegen haben lediglich untersucht, ob ein solches System möglich wäre - und ob es sich mit den spanischen Gesetzen vertragen würde. Und die Antwort lautet in beiden Fällen: ja.

Möglich werden soll das Ganze durch Zusatzgeräte, die jedes Auto mit sich führt, und die mit allem und jedem kommunizieren - auch mit der Polizei. Neben den Mehreinnahmen, die sich so ergeben, hoffen die Autoren auch auf eine pädagogische Wirkung des Systems. Der „pädagogische Effekt“ einer unmittelbaren Verwarnung sei sehr viel größer als ein Strafzettel, der womöglich erst nach Monaten beim Deliquenten eintrifft, meinen die Wissenschaftler. Und wenn sich ein Autofahrer zu Unrecht beschuldigt fühlt, kann er andere Autos anfunken, die gewissermaßen als Zeugen seines Verhaltens auftreten und so den Vorwurf entkräften könnten.

Ich will ganz ehrlich sein. Als ich zum ersten mal davon gelesen habe, konnte ich eine gewisse Schadenfreude nicht verhehlen - ich fände das lustig. Wir leben in einem Land, in dem es vollkommen normal ist, dass massenweise Autofahrer sich öffentlich über Geschwindigkeitskontrollen aufregen. Als ob es ein Recht darauf gäbe, schneller zu fahren als erlaubt. Das wäre für diese Leute ein ziemlicher Dämpfer.

Dennoch würde ich mich wahrscheinlich gegen die Einführung eines solchen Systems aussprechen. Denn der dahinter liegende Gedanke ist ziemlich erschreckend: Eine automatisierte Exekutive ist im wahrsten Sinne des Wortes unmenschlich. Sie erlaubt kein Abwägen, keine Geduld, kein Verständnis. Sie kennt nur zwei Zustände: legal oder illegal. Schlimmer noch: Wie die Urteilsfindung wirklich funktioniert, ist nicht mehr nur vom Gesetz abhängt, das die Grundlage der Entscheidung bildet. Der Mechanismus ist zudem auch tief in der Software verwurzelt, die auf dieser Maschine läuft. Und diese Software wird, da würde ich jede Wette eingehen, öffentlicher Kontrolle nicht zugänglich sein. Das klingt in meinen Augen nicht wie eine gute Idee. Auch wenn es schade ist. (wst)