Was war. Was wird.
König Ubu ist zurück, aber auch er kann den Gang in den Präventionsstaat nicht stoppen, befürchtet Hal Faber. Dabei haben wir doch schon genug verschränkte Zustände und virtuelle Wahrheiten.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Leben ist ein Existieren in einem verschränkten Zustand. Diese Erfahrung konnte ich bei meiner kleinen Geburtstagsfeier machen. Statt über die rationalistische Weltsicht der Techies zu diskutieren, zogen es viele Leser dieser kleinen Wochenschau vor, über Rezepte zu diskutieren, und tauschten Tipps für die Behandlung von totem Fleisch aus. Seitdem bin ich mir sicher, dass ein Kanal "heises Futter" beste Chancen hätte, hungrigen Geeks die richtigen Sachertorte-Algorithmen zu vermitteln. Aber erstens kommt es verschränkt und zweitens anders als man denkt. Darum rase ich gleich stilecht im tiefgelegten Manta special auf den Heise-Parkplatz, überreiche das Manuskript zum WWWW und gebe Gummi. Jawoll, heise Autos ist gestartet, ein Kanal für die Sorte Leser, für die der D & W-Katalog eigentlich die Leib- und Wagenlektüre ist. Und so tummeln sich die Geeks in bizarren endlichen Welten und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wer glaubt, dass die Debatte Linux kontra Windows hitzig ist, der ist noch nie einem puschelschwingenden Corvette-Fahrer begegnet.
*** Verschränkte Unsicherheiten bietet nicht nur die unsichere Quantenkryptographie. Nehmen wir nur den Strom nicht abreißender Nachrichten über die wunderbare Welt von Second Life, diese krude Mischung aus Xing, Sims und Poppen. Ehe Second heise starten kann, wäre vielleicht die Lektüre dieses offenen Briefes angeraten, auf den die Herrscher über alle Avatare wenig überzeugend reagierten. Sind das nicht Nickligkeiten gegenüber so überzeugenden Success-Stories wie der von IBM, die 4000 Mitarbeiter bezahlt, in Second Life herumzustreifen? Nicht unbedingt, wenn die Entlassungswelle mehr als die 1300 Stellen umfasst und von einem Tsunami gefolgt wird, der 150.000 Personen aus der Firma spült.
*** Quantentechnisch gesehen ist das langsam Gestalt annehmende Terrorpaket nur ein verschränkter Zustand auf dem Weg in den Präventionsstaat. Historisch will sich Wolfgang Schäuble in die deprimierende Ahnenreihe deutscher Innenminister einschreiben, die bürgerliche Rechte auf dem Schrottplatz der Geschichte entsorgen, von Gustav Heinemann (Adenauer-Erlass) über Dietrich Genscher (Berufsverbote), Werner Maihofer (Lauschangriff) bis Otto Schily (Otto-Katalog). Wie unverfroren Bürgerrechte beiseite geschoben werden, zeigte in dieser Woche der niedersächsische Scharfschütze Uwe Schünemann bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes. Schünemann begründete die Notwendigkeit für Online-Durchsuchungen mit dem Beispiel von Ibrahim Raschid aus Georgsmarienhütte, der mit einer heimlichen Online-Durchsuchung schneller hätte festgenommen werden können. Dass die ihm vorgeworfene Verbreitung terroristischen Propagandamaterials wirklich mit der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung gleichzusetzen ist, wird vom Bundesgerichtshof bezweifelt. So eine Differenzierung ist genauso natürlich uninteressant wie die Tatsache, dass normale polizeiliche Ermittlungen im Falle von Raschid fündig wurden.
*** In diesem Sinne können die christlich-radikalen Vorkämpfer für den Präventionsstaat einen Blick in die USA werfen, wenn ihnen Ideen für weitere Gesetze ausgehen: Ein juristisches Verfahren, das Lauschangriffe und Online-Durchsuchungen sanktioniert, selbst wenn die Gründe illegal sind, eine Art digitales Ermächtigungsgesetz wäre das Pickelhäubchen für Innenminister, die zum Wahlkampf in Big Bremen antreten. Bleibt die Frage ob es reicht, über die ganzen Aktivitäten hüben wie drüben Satiren zu schreiben. Ein Schäuble, der zu Not auch Kinder verbieten will, damit wir alle es sicherer haben, ist kein Witz, sondern eine verschränkte Wahrheit.
*** "Diejenigen, die ihre Freiheit zugunsten der Sicherheit aufgeben, werden am Ende keines von beiden haben – und verdienen es auch nicht." Das ist ein passender Kommentar zum heranrollenden Präventionsstaat Schäublescher Prägung. Auch wenn der Satz nicht von Benjamin Franklin stammt, so ist er höchstwahrscheinlich in seiner Zeitung erschienen: Heute vor 275 Jahren erschien die erste Ausgabe der Philadelphischen Zeitung, der ersten deutschsprachigen Zeitung der USA, herausgegeben von jenem Franklin, dem wir den Blitzableiter, die Leihbibliothek und die Sommerzeit verdenken, nebst einigen politischen Ideen. Das Blatt hielt sich nicht sonderlich lange, zu freimütig kritisierten die Macher die Zustände in Philadelphia, gedeckt vom Herausgeber Franklin. Und hopps, mit einem gemeinhin gern Quantensprung genannten Teleportier-Verfahren, bin ich wieder in der IT-Welt, in der ein lahm argumentierender Herausgeber nicht den Mut hat, seinem Redakteur den Rücken zu stärken, eine Geschichte zu veröffentlichen, in der Apple kritisiert wird. Die unter Bloggern so beliebte Firma mag grüner werden, doch in Sachen Gehirnwäsche, ähem, attitude adjustment kann dem 1 Dollar-Mann Steve Jobs niemand etwas vormachen.
Was wird.
In der kommenden Woche will Bundespräsident Horst Köhler über die Begnadigung des ehemaligen RAF-Mitgliedes Christian Klar entscheiden. Nicht sonderlich geschickt verhält sich sein Büro, wenn es erklärt, dass Köhler Klar im Gefängnis besucht hat. Prompt rufen die Sturmtruppen von CDU und CSU aus, dass die Wiederwahl des Bundespräsidenten zur Debatte steht. Von Geiselnahmen verstehen die feinen Herren wirklich eine Menge. Das ist auch in Bremen zu sehen, wo Kinder als Geisel herhalten müssen. Dort betreibt die CDU einen vom Gegner so bezeichneten widerlichen Wahlkampf. Das Ziel ist wohl, die RAF-Bedrohung so aufzublasen, dass die Vergangenheit mit der Zukunft des Präventionsstaates Deutschland verschmilzt.
Angesichts neuerer Begehrlichkeiten auf weitere Datenbank-Abgleiche bei der ursprünglich moderat angedachten registergestützten Volkszählung lohnt sich der Blick in die deutsche Vergangenheit. Im Jahre 1920 fand in Deutschland eine Volkszählung mit Hollerith-Maschinen statt. Erstmals wurden bei dieser Volkszählung nicht nur Juden, sondern Halb-, Viertel- und Achteljuden gezählt. Die deutsche Volkszählung von 1939 lieferte die Datengrundlage für die Deportation der Juden. In anderen Ländern wurden die entsprechenden Stellen auf den Lochkarten zur Bestimmung der Nationalitäten benutzt. So konnte in der Volkszählung von 1897 das russische Reich erstmals bestimmen, welche Völker überhaupt mit welcher Population im Riesenreich vertreten waren. Weltweit gibt es nur noch acht originale Hollerith-Volkszählungsmaschinen, fünf stehen in den USA. Norwegen, Russland und Frankreich haben ihre Geräte ins Museum gestellt. In Deutschland existieren zwei Nachbauten in IBMs "Haus zur Geschichte der Datenverarbeitung" in Sindelfingen und im Arithmeum von Bonn. Der dritte Nachbau wird nun in der kommenden Woche in Paderborn aufgestellt. Weil diese Wochenschau sich nicht nur mit IT, sondern auch mit Innenministern beschäftigt hat, schließe ich mit einer Erklärung, die Innenminister Friedrich Zimmermann 1983 vor dem Bundesverfassungericht abgegeben hat: "Bei den 19 Volkszählungen, die es seit 1871 gegeben hat, gab es keinen einzigen Fall der Verletzung des Statistikgeheimnisses."
Ach ja, und da ist ja noch Frankreich. Bald wissen wir, wer Herrn Chirac beerbt – und in dem Fall weiß man wirklich nicht, ob der alte Spruch gilt: Ich weiß nicht ob es besser wird, wenn es anders wird, ich weiß nur, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll. Jedenfalls bleibt den Franzosen dieses Mal weit deutlicher als beim letzten Anlauf Jean-Marie le Pen erspart, das ist doch was – König Ubu ist no.w.here, die NDR-Bigband spielt mit Norbert Steins Pata Music den Soundtrack zur Siegesparty. Ob aber Royal oder Sarkozy, keiner von beiden dürfte einen vergleichbaren Eiertanz aufführen wie deutsche Politiker, wenn sie an die Bundeswehr in Afghanistan denken. Ja, genau, Deutschland wird am Hindukusch verteidigt, aber doch bitte nicht, wenn geschossen wird. Komische Bellizisten haben wir hierzulande, die nur ein bisschen Krieg spielen wollen und beim ersten Pulverdampf zur Friedenstaube werden. So hat Deutschland nicht nur die Politiker, sondern auch die Bellizisten, die es verdient. (Hal Faber) / (jk)