Was war. Was wird.
Manchesmal ist ein Wetterbericht doch ganz gut - vielleicht nicht, weil man nicht mitbekäme, woher der Wind bläst, sondern um zu hören, wohin er uns weht, meint Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Thus far, with rough and all-unable pen,
Our bending author hath pursued the story.
Natürlich muss es Shakespeare sein, erst recht, wenn heute vor 620 Jahren Heinrich V. geboren wurde. Aber für die Nachricht, dass es mit SCO vs. Linux in absehbarer Zeit zu Ende geht, muss der kleine Autor sich an den großen Dichter ranwanzen. Das Dauerlachen in einer Spätsommernacht, ganz in grün gehalten, passt zum Thema, Sara Lee Underwear inklusive. Genau 233 Tickermeldungen hat die unendliche Geschichte produziert, von denen hier eine Auswahl zu finden ist, die immerhin die Tradition des Redaktionsschwanzes neu definierte. Viele skurrile Nachrichten hat die Firma SCO bisher produziert, die Linux unter den Generalverdacht stellte, ein geklautes Sammelsurium von Code zu sein, den ehrbare Programmierer für das altehrwürdige Unix geschrieben haben. Von dem man glaubte, alle Rechte und Copyrights zu besitzen. Es wird noch eine Weile weitergehen, denn das Kapitel 11 einer typisch amerikanischen Geschichte ist das mit den Splatter-Aktionen, wenn die Zombies irgendwo in einer idyllischen Kleinstadt das Grauen bekommen und ihrer Betroffenheit über die Öde einen ergreifenden Ausdruck verleihen. So haben ich es im Kino gelernt: Wo geklaut wird, muss Blut fließen!
*** Was gab es sonst noch zu lernen in der unendlichen Geschichte? Aufklärung über den unabhängigen Technikjournalismus gab es, mit einer Journalistin, die Code als geklauten Code identifizieren konnte, obwohl sie über keinerlei Programmierkenntnisse verfügte und zuvor noch nie Sourcecode gesehen hatte. Mit einer weiteren unabhängigen Vertreterin des Berufes, die nun als Gläubigerin in den Konkursunterlagen auftaucht. Unbezahlt gebliebene bezahlte Meinungsartikel, das hat was, da ist die Meinung plötzlich doppelt wertvoll. Lustige Geschichten mit einem Koffer voll Beweise gab es, der mit einem SCO-Vizepräsident quer durch Europa reiste, komplett mit rechtlichen Querelen, als ein Mitarbeiter von Heise-TV den Koffer filmte. Dann war da noch der legendäre Code-Schnappschuss, bei dem der zeilenweise Vergleich zwischen Unix und Linux aus dem Griechischen "übersetzt" werden musste. Leider gibt es auch Dinge, über die ich nicht schlauer geworden bin, in all den Jahren: Auch mit der Insolvenz ist nicht klar, wer eigentlich hinter SCO steckt. Der weitaus größte Anteil der SCO-Aktien gehört einer fiktiven Firma namens CEDE & Co, ein Börsenkürzel für Central Depository, das die eigentlichen Eigentumsverhältnisse verdeckt. Eine ehrliche Abrechnung sieht wohl anders aus.
**** Doch wusste schon der große Shakespeare: "Ehre ist nichts als ein gemalter Schild beim Leichenzuge." So treten die Bösen nur ab, damit die nächsten Spieler die Bühne betreten können. Nur ganz, ganz selten fällt eine Sternschnuppe vom Himmel und tut etwas nützliches, wie eine Zigarette anzünden. Vor einer kleinen Weile schrieb ich über die Dummheit und Borniertheit eines bekannten Münchener Rechtsanwaltes, den die Inhaftierung seines Kanzleikollegens fatal an Guantánamo Bay erinnerte. Bekanntermaßen ist die grafische Kommentierung dieser anwaltlichen Realitätsverschiebung strittig.
*** Sollte keine Berufung in einem anderen Fall erfolgen, steht eine etwas andere Verschiebung des nämlichen Anwaltes bevor. Diese Nachricht hat sämtliche Rekorde auf heise online gebrochen, eine grüne Welle angeschoben und wiederum zu Nachrichten über die jubelnde Internetszene geführt. Selbst der besagte Anwalt meldete sich bei einem Kollegen zu Worte und beschrieb, wie er "belastende" Screenshots an den Verlag faxte, damit die "Stallhasen" etwas zu tun haben. So rattern und rackern die Server im Lasttest munter weiter. Dabei wurde manches Späßchen produziert, von denen das kleine grüne Gedicht Shakespeare gefallen hätte (nach Aufklärung über rot und grün und die Höllenfunktion User ignorieren, nur über Anwälte nicht, über die wusste er schon Bescheid), daher sei ZerzaDha hier zitiert:
Mein kleiner grĂĽner Beitrag steht hier im Heise-Brett,
Hollari, Hollari, Hollaro.
Was brauch' ich rote [/-], was brauch' ich "User ignorieren",
Hollari, Hollari, Hollaro.
Und wenn ein Heise-Troll was ungezog'nes spricht,
dann hol' ich meinen Beitrag und der sticht, sticht, sticht.
Mein kleiner grĂĽner Beitrag steht hier im Heise-Brett.
*** Nun soll sich diese Wochenschau mit den kleinen Nebensächlichkeiten beschäftigen, den Nachrichtenchen gewissermaßen. Ob sie von der Geschicklichkeit der Polizei handeln oder von dem nicht minder schofeligen Terroristen, die mehrfach verhaftet und kontrolliert wurden, spielt keine Rolle. Schließlich ist jeder schon mal dran gewesen, wenn SIE kamen. Aber wer sind SIE? Über welche Grenzen kommen SIE? Glücklicherweise wurde gegen alle Aliens, die nach Europa wollen, vom tapferen Bundesinnenministerium das Pilotprojekt BIODEV II gestartet, bei dem alle Fingerabdrücke genommen werden, egal, wie viele Finger (und Hände) SIE nun haben. Ja, unsere Grenzer werden auch mit dem fliegenden Spaghettimonster fertig, sollte es nach Deutschland einreisen. Und die Abdrücke werden von ausgesuchter Qualität sein, nachdem gerade mit der Zertifizierung der Fingerabdruck-Scanner begonnen wird, mit denen unsere Zeigefinger vermessen werden. Die Just-in-Time-Prüftechnik beeindruckt.
*** Und nun ist auch Joe Zawinul tot, der so einiges zum Hexengebräu des modernen Jazz beigetragen und mit der Hommage an einen New Yorker Club den wohl erfolgreichsten Schlager einer Musikrichtung geschrieben hat, die nach den Zeiten Louis Armstrongs und Ella Fitzgeralds nicht mehr viele Hitparaden-Kracher hervorbrachte. "You don't need a weather man to know which way the wind blows", meinte Bob Dylan einmal – aber so ein Wetterbericht hat immer wieder gezeigt, wohin uns der Jazzwind bläst. Jetzt wird es nie wieder Wetter- oder andere Berichte geben von Joe Zawinul. Und wir fühlen uns allein gelassen im beginnenden Herbst.
Was wird.
Gleich am Montag, wenn die grünen Wellen längst abgeebbt sind, die grünen Männchen, beleidigt von Biodev II, in ihren Untertassen und Saucieren die Erde verlassen haben, steigt bei Microsoft eine weltweite Party. Es gibt zwar nichts zu feiern, möglicherweise muss man gar Trauer tragen, aber eine Party in Erinnerung an alte Zeiten kann nie schaden. Dem elektrischen Reporter gebührt das Verdienst, das passende Party-Video gefunden zu haben. Dos waren noch Zeiten, Menschenskinder, jaja, als ein Desktop noch der Name für die Oberfläche war und nicht der einer Entertainment-Tastatur.
Wenn es etwas frei drehenderes als eine grüne Partywelle im Heise-Forum gibt, dann sind das die "Argumente", die Politiker derzeit in der Debatte um die Online-Durchsuchungen von sich geben. In der abgelaufenen Woche brachte es der vom Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit so ungemein bewunderte Bundesinnenminister Schäuble fertig, das Internet als Plattform des 'Heiligen Krieges' zu bezeichnen. Vor diesem virtuellen Raum, in dem Heise-Redakteure so schwer gestresst werden, dass sie schwer gestresst sind, muss man einfach Angst haben. Denn dort fragt niemand, wie Frau Maischberger, nach dem Einfluss des Rollis auf das Denken. Leider machen in der Debatte auch dezidierte Gegner Fehler – wie andersrum Anwälte zeigen, dass es auch solche gibt. Dann wird die Festplatte schon einmal zum Inbegriff der Privatheit verklärt. Ob es die Kriminalisten besser erklären können, wird am Freitag in der schönsten Stadt der Welt im schönsten Hochhaus der norddeutschen Tiefebene geklärt werden. Als das Conti-Hochhaus 1953 fertig wurde, war es das höchste Hochhaus Deutschlands und das flachste der Welt. In diesem wunderbaren Gebäude wird BKA-Chef Jörg Ziercke seinen Geheimpolizeilichen Festplattenzugriff erklären.
Mehrfach habe ich auf ein Ereignis in Berlin hingewiesen, das ein Zeichen setzen soll. Mittlerweile hat es den Sprung von Nachrichtenchen zur ausgewachsenen Nachricht geschafft. Es ist ein kleiner Sprung fĂĽr einen Text, aber ein groĂźer Schritt fĂĽr viele, die noch nie an einer Demonstration teilgenommen haben, aber vom Dauer des Unsinns und der halbgaren Argumente genug haben. Angst ist ein schlechter Ratgeber und ein noch schlechterer Innenminister. (Hal Faber) / (jk)