Was war. Was wird.
Gibt es Musik, die man sich nur einmal im ganzen Leben anhören kann? Gibt es ein Ende für Dave? Hal Faber fragt sich diese Woche so manches, was keine allgemeingültige Antwort findet.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Es ist wieder soweit? Wir rennen und rennen auf dem Möbiusband unserer Existenz und zack, ist schon wieder Wochenend. Von wegen eintönig: Die norddeutsche Tiefebene mag vielen auswärts lebenden Zeitgenossen flach und flau erscheinen, die auf dieser Scheibe lebenden Menschen wortkarg und verfressen. Doch der erste Eindruck täuscht gewaltig. Der hiesige Humor hat Wilhelm Busch hervorgebracht, die tortenhaltige Tiefebenenluft ist erfüllt von zauberischen Klängen. Wir haben Sarah Connor in Diepholz und die Scorpions in Hannover. Ähem, ja, wirklich. Auch wenn jeder vernünftige Einwohner dieser allseits gelobten Tiefebene und besonders die einsichtigen Bewohner der darin befindlichen schönsten Stadt der Welt von unbezähmbaren Drang nach guter Musik und Übertönung dieses Sängerinnen-Imitatgejaules und Hardrock-Nachahmungsdesasters befallen wird und in den nächsten CD-Shop rennen – dieser Tage wären die neuen Töne von Me'Shell Ndegeocello die richtige Wahl.
*** Aber ach, wir haben der Welt noch mehr Tort anzutun, nämlich einen tierlieben Landesvater und seinen tollen Song Komm mit ins Zukunftsland. Komponiert von dem begnadeten Oliver Kels, zuvor bekannt für den sensationellen Werbejingle für das Musterhausküchenfachgeschäft. Schmissig spielt jetzt also das Musterhausküchenfachgeschäftsorchester auf und begleitet das Zukunftslandesvatersingerduo Joyello und Campobasso, wenn sie in die tiefe Zukunftsebene schmettern: "Mit Herz und Verstand wird die Zukunft wachsen bei uns in Niedersachsen." Wie gesagt: Wir kennen uns aus. Und wir lieben Musik. Tralala, schwarzbraun muss mein Mädel sein.
*** Ich glaube, ich fange lieber noch einmal an, die Woche war doch auch besser, denn sie begann mit einem nur scheinbar allmächtigen Softwarekonzern, der vor Gericht derbe Prügel bezog, und war gestern mit einer doch recht eindrucksvollen Demo gegen den Überwachungswahn noch nicht ganz zu Ende. Und heute haben John Coltrane, Ray Charles und Bruce Springsteen Geburtstag. John Coltrane übrigens starb im Juli dieses Jahres vor 40 Jahren, und er ist dasjenige der drei Geburtstagskinder, von dem ich gerne wissen würde, wohin, wäre er nicht dem Leberkrebs erlegen, ihn die Musik oder er die Musik getrieben hätte. Welche Räume sich da geöffnet hätten, mag ermessen, wer sich noch einmal sein letztes Live-Konzert anhört: Von "The Olatunji Concert" heißt es, die Aufnahme könne man sich in einem Leben nur einmal anhören. Weit gefehlt, auch wenn der Spruch gut ausgedacht sein mag – und man kann sich ja mit "A Love Supreme" immer ein bisschen erholen. Das Olatunji-Concert bringt auch eine sehr freie Version von "My Favorite Things" – dem Stück, das Coltrane seit seinen Anfängen als Bandleader immer wieder gespielt hat–, die im Vergleich zu den früheren Versionen doch keinen Endpunkt seiner Entwicklung darzustellen scheint, sondern eine Bilanz und einen Ausblick. Dieser fällt jedoch nicht unbedingt positiv aus. Eine Prophezeiung, nicht nur persönlicher Natur.
*** Leider haben Coltrane, Charles und Springsteen niemals zusammen gespielt. Das hätte mir die Sache leichter gemacht, mit einem Link auf den entsprechenden Kracher bei You Taub und gut ist's. Nun kann ich hier und heute in diesem unseren Land schlecht Born in the U.S.A. grölen und meinem Buddy in Khe Sahn nachtrauern. Aber wozu haben wir eine Armee und tolle Filmemacher in ihr? WWWW-Nachteulen können sich diesen tollen Film hier reinziehen. Zuerst redet Franz Josef "Abschuss" Jung in einem neckisch drapierten Raum, doch dann, ja dann kommt ein Gitarrenwerk vom Feinsten, inspiriert von Bruce Springsteen. Haben wir nicht tolle Heeresmusikcorpsgitarristen? Was brauchen wir da die Welt der Märsche? Der Rest des Filmes erklärt irgendwie, was Afghanistan von Khe Sahn unterscheidet. Tja, was machen die da, außer vitale Rekorde zu feiern? Wie wäre es mit einem kleinen Truppenabzug?
*** Angeblich feierte in dieser Woche ja das Emoticon seinen Geburtstag, genau wie Bruce Springsteen. Doch diesen Geburtstag wollen Kundige als einen großstädtischen Mythos entlarvt haben. So kann man sich irren und alle zusammen tun genau das. Verständige Menschen denken natürlich sofort an Fisches Nachtgesang, wenn vom Emoticon die Rede ist, eines der aufwühlendesten Gedichte in deutscher Sprache. Da heute das volle Musikprogramm gefahren wird, singen wir gegen das Vergessen der historischen Wahrheit Nein!
*** Wie beim Smiley gibt es auch bei der Pauli ein Datierungsproblem. Angeblich geht der Vorschlag der fränkisch-christlich-sozialen Landrätin, Ehen wie Milchtüten mit einem Verfallsdatum zu versehen, auf den Mitfranken Erwin Pelzig zurück. Der fühlt sich von der Kebsfrauenpolitikerin beklaut, obwohl er selbst beim alten Goethe abgeschrieben hatte. Wobei der Herr Geheimrat die Idee natürlich von den Ferengi abgeschaut hatte. Damit schließt sich ein Kreis oder sollte ich besser von einem Ehering sprechen? Jedenfalls ist es für mich eine wunderbare Gelegenheit, mit Jane Carters Hohelied auf die Ehe, mit Ring of Fire das zweite Geburtstagskind des Tages zu feiern: Ray Charles (2 Ehen, 9 uneheliche Kinder) hat allen gezeigt, wie man das singt.
*** Mit einer in der Wikipedia begonnenen Internetrecherche hat die niedersächsische Polizei zwei Bombenbauer aufgespürt, die sich als terrorismusferne Bastler entpuppten. Wir wissen nicht, ob die Polizei dabei auch im IRC unterwegs war wie im Kieler Tatort in der vergangenen Woche. Dort bekamen die Fernsehzuschauer Einblick in einen angeblich kinderpornographischen Chat. Vom Kommissar geknackt wurde zwar ein Windows-Rechner, doch die von ihm vorgelesenen, vom Drehbuchautor angeblich erfundenen Nicknames erbosen manche Linuxer. Gut ist zu erkennen – wenn auch nur im Standbild, das wohl kaum ein Fernsehzuschauer zu sehen bekam –, dass ein Kanotix-Chat von den Fernsehmachern, nicht von den Pädophilen zweckentfremdet wurde, komplett mit gültigen Hostnamen und IP-Adressen. Bei weiteren Ausstrahlungen will das produzierende Studio Hamburg die Seite verfremden. Bleibt die Frage, ob unsere lieben Verschwörungstheoretiker Kanotix ab sofort mit dem Tatort-Jingle von Klaus Doldinger starten lassen, komplett mit Udo Lindenberg am Schlagzeug. Tralala/Schepperschepper und nein, kein Link hier, der Jingle-Abmahner wegen. Manchmal muss ganz einfach Schluss sein.
*** Auf den Lokalseiten der Süddeutschen Zeitung erschien in dieser Woche ein Bericht über einen Studenten, der mit hier schon einmal erwähnten Schäublone der Polizei auffiel. Sie sah darin einen Anfangsverdacht der Beleidigung. Wie sehr die Aktion der Polizei an die Arbeit der Staatssicherheit erinnerte, ist wohl nur im Osten des Landes aufgefallen, wo früher Autos mit weißen Bändern an der Antenne gestoppt wurden. Große Fenster, spärliche Gardinen, damit alles eingesehen werden kann, nur den Liebespaaren einen kleinen Schutzbereich der privaten Lebensführung, das gab es alles schon einmal, tralala.
Was wird.
Nach all der Mucke wenden wir uns dem Film zu. Es ist ja ganz nett, dass hier der richtige Film auf Platz 1 gelandet ist, aber schon die furchtbare Schmonzette "e-m@il für dich" auf dem zweiten Platz zeigt, dass die Computerfilmhitliste der Süddeutschen von einem Banausen zusammengestückelt wurde. Seitdem Katherin Hepburn in Desk Set den großen ERMERAC zur handlichen Emmy verniedlichte, hat es Dutzende von großen Computerfilmen gegeben, die besser sind als die dort aufgelisteten. Natürlich mit Ausnahme der Nummer 1, dieser Platz ist und bleibt belegt, wie auch die Süddeutsche ganz richtig erkannte. Hiermit starte ich also die große Heisetickerforumsleserumfrage nach den neun besten Spielfilmen mit Computerbezug. Zu gewinnen gibt es nichts, höchstens eine Partie Statris. (Hal Faber) / (jk)