Neue Reifensensoren erkennen die Achslast

Continental entwickelt Reifensensoren, die außer dem Luftdruck auch das Fahrzeuggewicht erkennen – dazu messen sie Veränderungen der Aufstandsfläche. Die Entwickler kommen damit dem Traum des "intelligenten Reifens" wieder ein Stück näher

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Von
  • Gernot Goppelt

Regensburg, 28. Januar 2013 – Neuwagen, die nach dem 1. November 2012 homologiert wurden und werden, müssen mit einem Reifendruck-Kontrollsystem ausgestattet sein. Das schafft sicherlich einen Ansporn, neue Technologien zu entwickeln, denn schon in wenigen Jahren wird somit ein Riesen-Markt entstehen. Continental – schon bisher ein Lieferant von Reifendrucksensoren, stellt nun ein neues Produkt vor, das dazu in der Lage ist, Achslasten zu messen. Diese Eigenschaft kann nicht nur eine Hilfe sein, um eine Überladung zu vermeiden, sondern könnte auch für Fahrdynamikregelsysteme genutzt werden.

Conti macht sich die Eigenschaft eines Reifens zunutze, dass sich abhängig vom Fahrzeuggewicht die Aufstandsfläche verändert. Messbar ist dabei die Länge der Aufstandsfläche, die bei steigendem Gewicht zunimmt. Die direkt in die Lauffläche des Reifens verbauten Sensoren können sie erkennen, weil sie den Start- und Endpunkt als ungleichförmige Bewegung registrieren – bei steigender Last steigt dabei der Abstand. Bei jeder Reifenumdrehung registriert der Sensor den Abrollverlauf auf der Straße, schreibt Conti. Somit kann das Fahrzeug nun zwei Informationen verwerten: den genauen Luftdruck und die Beladung auf Grundlage des "Reifenabdrucks": Schon nach wenigen hundert Metern wissen die Sensoren Bescheid und der Fahrer kann informiert werden, wenn er zum Beispiel den Luftdruck an der nächsten Tankstelle erhöhen sollte.

Neue Reifensensoren erkennen die Achslast (4 Bilder)

Sensoren, die in die Lauffläche integriert sind, erkennen nicht nur den Luftdruck im Reifeninneren. Anhand der Aufstandsfläche können sie auch auf das Fahrzeuggewicht schließen.

Das neue System ist herkömmlichen Reifendruckkontrollsystemen in mehrfacher Hinsicht überlegen. Gängige indirekt messende Systeme ziehen Rückschlüsse einzig daraus, dass sie den verringerten Abrollumfang bei sinkendem Druck erkennen. Das funktioniert aber nur, wenn man mithilfe der ABS-Sensoren Unterschiede bei einzelnen Rädern ausmacht. Der normale, gleichmäßige Druckabfall aller Räder kann so also nicht erkannt werden – und Rückschlüsse auf die Beladung können schon gar nicht gezogen werden. Eine andere, indirekte Methode besteht darin, Druckveränderungen aufgrund eines veränderten Schwingungsverhaltens im Reifen zu messen. So lassen sich zwar auch ohne Radvergleich Druckverluste erkennen, eine genaue Erkennung des Drucks ist aber ebenfalls nicht möglich.

Bei den direkt messenden Systemen messen die Sensoren den Luftdruck selbst, eigentlich naheliegend. In der Erstausrüstung werden sie in der Regel im Ventil untergebracht. Sie sind aus diesem Grund prinzipiell auch als Nachrüstlösung möglich. Contis neue Technik ist vergleichsweise unkompliziert, weil der Sensor bereits bei der Reifenfertigung in die Lauffläche integriert wird. Wenn man davon ausgeht, dass mittelfristig ohnehin alle Autos eine Reifendruckkontrolle haben müssen, ist dieses Verfahren vermutlich effizienter. Im Übrigen liegt es auf der Hand, dass Conti als Reifenhersteller nichts dagegen hätte, die Sensorik in den Reifen zu verlagern. Wichtiger allerdings ist der Informationsgewinn, denn mit dem Wissen um Druck und Fahrzeugbeladung lässt sich einiges anfangen.

Conti schreibt, dass die Fahrzeugbeladung achsindividuell erkannt wird, genau genommen werden aber sogar radindividuelle Informationen gewonnen, wodurch Verschiebungen des Schwerpunkts erkannt werden können. Für das Stabilitätssystem ESP beispielsweise wäre es durchaus interessant zu wissen, wie ein Fahrzeug beladen ist. Für den Ausweichassistenten wäre es ebenfalls hilfreich, aus dem Gewicht Rückschlüsse auf den Schwerpunkt ziehen zu können, damit der Wagen beim Ausweichen nicht kippt.

Was die neue Technik kostet, sagt Continental noch nicht, allerdings kommt man aufgrund der Gesetzeslage zukünftig ohnehin nicht mehr an Reifenkontrollsystemen vorbei. Während der fahrzeugseitige Aufwand unverändert bleibt, dürfte die in den Reifen integrierte Lösung langfristig günstiger sein als heutige direkt messende Drucksensoren, die im Markt kaum eine Rolle spielen. Vor allem bringt aber die Auswertung der Aufstandsfläche einen echten Zusatznutzen, weil erstmals zuverlässig die Achslasten ermittelt werden können. Das System ist, wenn man so will, eine weitere Annäherung an den "intelligenten Reifen", von dem Reifenentwickler schon lange träumen. (ggo)