Ausprobiert: Fast alles richtig gemacht
Die Elektromotorrad Brammo Enertia hält angenehme wie unangenehme Überraschungen bereit.
Die Elektromotorrad Brammo Enertia hält angenehme wie unangenehme Überraschungen bereit.
Gregor Honsel, TR-Redakteur, hofft weiterhin, mal ein durchweg positives "Ausprobiert" über E-Bikes schreiben zu können.
Zwei Ratschläge bekomme ich, als ich mir in Salzgitter eine Brammo Enertia ausleihe: Ich solle gefühlvoll anfahren, damit das Vorderrad nicht steigt. Und ich möge die Reichweitenanzeige im Auge behalten.
Den ersten Hinweis finde ich etwas überfürsorglich – so stark ist der Anzug nun auch nicht. Bis etwa 20 km/h muss der 13-Kilowatt-Motor spürbar kämpfen, um die 145 Kilogramm schwere Fuhre in Fahrt zu bringen. Aber dann beginnt der Spaß: Das Bike hängt munter, sanft und absolut ohne Lastwechselreaktionen am Gas. Die von mir gefahrene Version "rekuperiert" nämlich nicht: Wenn man vom Gas geht, rollt sie weiter, statt den Schwung per Motor zu bremsen und dabei Strom zurück in die Akkus zu speisen. Für die Reichweite mag das von Nachteil sein, aber es ermöglicht einen unvergleichlich runden Fahrstil.
Ach ja, die Reichweite: Hinweis zwei zu befolgen ist mir leider nicht möglich, denn das Display zeigt kurz nach dem Start nur noch kryptische Zahlen an. Zuvor stand dort noch etwas von 160 Kilometern Reichweite, weit mehr als die im Prospekt versprochenen 70. Aber auch die sollten reichen, ich will ja keine Tagestour machen. Für das Kurven über Landstraßen fehlen der Enertia ohnehin ein paar Kilowatt – ab 80 km/h wird's zäh, und erst mit einigem Anlauf und dem Kinn fast auf dem Lenker schaffe ich GPS-beglaubigte 101 km/h. Dabei klingt die Enertia wie eine gequälte Straßenbahn.
Aber ansonsten: Bremsen, Fahrwerk, Handling, Sitzposition – alles wunderbar, finde ich, und formuliere im Kopf schon die ersten lobenden Sätze. Da erscheint im Display ein hässlich rot blinkendes Batteriesymbol, und der Schub setzt aus. Ich rolle rechts ran, starte das Bike neu, schaffe noch mal ein paar Hundert Meter, dann ist endgültig Schluss. "Battery 0 %" meldet das Bordinstrument, das nun, wo es zu spät ist, doch noch mit sachdienlichen Hinweisen rausrückt.
In gerade einmal 30,88 Kilometern habe ich eine komplette Akkuladung niedergemacht. Zugegeben: Ich habe die Enertia schon ziemlich gescheucht. Aber 30 Kilometer? Das ist doch wohl ein Witz. Schade, denn ansonsten haben die Brammo-Leute fast alles richtig gemacht.
Produkt: Brammo Enertia
Zulassung: Leichtkraftrad (entspricht 125 ccm), FĂĽhrerschein Klasse A1 (oder 3 bei Ausstellung vor dem 1. April 1980)
Vertrieb: www.lautlos-durch-deutschland.de
Preis: 6990 Euro
(grh)