"Es geht nicht um Geld, es geht um Aufmerksamkeit"

Die britische Journalistin Parmy Olson hat das Innenleben und die Antriebsmotive der Hacker-Gruppe Anonymous erforscht.

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Die britische Journalistin Parmy Olson hat das Innenleben und die Antriebsmotive der Hacker-Gruppe Anonymous erforscht.

Olson hat für die BBC gearbeitet und leitet seit 2008 das Londoner Büro des US-Wirtschaftsmagazins "Forbes". Für ihr kürzlich erschienenes Buch "Inside Anonymous" sprach sie mit Aktivisten aus dem harten Kern der Gruppe. Mit den meisten Interviewpartnern hatte Olson allerdings nur per Internet Kontakt.

Technology Review: Frau Olson, wie haben Sie sich Zugang zu Anonymous verschafft?

Parmy Olson: Ich habe im Januar 2011 mit ein, zwei Leuten angefangen, von denen ich zwar nicht direkt wusste, dass sie bei Anonymous waren. Ich wusste aber, dass sie Kontakte dorthin hatten. Also bat ich sie um Ansprechpartner in Großbritannien. Ich bekam eine E-Mail-Adresse. Der Mensch hinter dieser Adresse entpuppte sich als Topiary – eine der Schlüsselfiguren für mein Buch.

TR: Jake Davis alias Topiary wurde im November 2011 verhaftet.

Olson: Ja. Es war also sicherlich Glück, dass ich gleich zu Anfang an einen einflussreichen Organisator von Anonymous geraten bin. Ich habe aber auch ernsthaft versucht zu verstehen, was für Menschen hinter der Gruppe stecken. Wenn man echtes Interesse an Menschen zeigt, sind die oftmals froh, reden zu dürfen.

TR: Aber wie konnten Sie bei den Online-Gesprächen sicher sein, dass Ihnen nicht nur irgendwelche Geschichten erzählt werden? Dass Sie es wirklich mit echten, authentischen Aktivisten zu tun hatten?

Olson: Das konnte ich nie. Kayla zum Beispiel war eine Person, die sich selbst als 16 Jahre altes Mädchen beschrieben hat. Zunächst dachte ich: Das ist sehr unwahrscheinlich. Aber als ich weiter fragte, lieferte die Person namens Kayla immer neue Details: Wie sie bei ihrem Vater aufwächst, wie sie sich selbst das Hacken beibringt und so weiter – eine komplette Hintergrundgeschichte. Ich habe mir das dann einfach weiter angesehen und versucht, aus dieser Geschichte etwas über die Person hinter dieser Geschichte zu lernen.

TR: Gibt es bestimmte Merkmale, die einen typischen Anonymous-Aktivisten charakterisieren?

Olson: Anonymous ist sehr groß. Da kann wirklich jeder mitmachen. Es gibt nicht nur junge Männer, es gibt auch Mädchen, ältere Männer und Frauen, sogar Eltern. Eine ganze Menge Mitglieder von Anonymous haben Kinder. Das sind nicht alles Teenager. Der harte Kern an Organisatoren besteht allerdings im Wesentlichen aus jungen Männern. Sie scheinen irgendwie isoliert in der realen Welt, und wenn die über Anonymous stolpern, finden sie eine Gemeinschaft, die ihnen eine Aufgabe bietet – und einen Sinn.

TR: Also doch die Geschichte vom typischen Nerd als Hacker...

Olson: Es ist komplizierter. Wenn ich sage, die Leute tendieren dazu, isoliert zu sein, dann heißt das nicht, dass sie keine Freunde haben. Natürlich unternehmen die meisten auch offline etwas. Aber die Online-Welt zieht sie magnetisch an. Sie hat für sie viel mehr Bedeutung als der Rest.

TR: Anonymous wird oft beschrieben als Organisation ohne Organisation – als Gruppe ohne Anführer und feste Strukturen. Können Sie das bestätigen?

Olson: Für große Teile von Anonymous ist das richtig. Da gibt es nicht viel Struktur, kein System. Aber in kleinen Untergruppen gibt es oftmals ein oder zwei Leute, die eine Führungsrolle innehaben. Das war auch der Fall bei den Schlüsselpersonen in meinem Buch. Es ist eine Art Momentaufnahme und beschreibt einen Zeitraum in der Geschichte von Anonymous – Anfang 2011 –, zu dem eine kleine Gruppe die meisten Operationen von Anonymous koordiniert hat. Diese Gruppe wurde später unter dem Namen LulzSec bekannt.

TR: Eine Art Task Force von Anonymous?

Olson: Ein bisschen. Innerhalb dieser Gruppe gab es einen Burschen namens Sabu, eine sehr charismatische und charmante Persönlichkeit, zu der alle anderen aufgeschaut haben. Da hat sich also eine informelle Hierarchie herausgebildet, aber es gab keine Verabredung, keine Wahl oder etwas ähnliches. Das ist aus den äußeren Umständen heraus entstanden.

TR: Im März 2012 wurden führende Mitglieder von LulzSec verhaftet. Ist Anonymous immer noch gefährlich?

Olson: Nun, ich denke, wirkliche Gefahr geht von den Cyberkriminellen aus, die nicht öffentlich machen, was sie getan haben. Wenn Anonymous-Aktivisten Informationen gestohlen haben, erzählen sie das aller Welt. Wenn ein echter Krimineller Daten stiehlt, wird er niemandem etwas davon sagen.

TR: Es gibt keine Verbindungen zwischen der Cyberunterwelt und Anonymous?

Olson: Echte Kriminelle haben ein klares Ziel: Sie möchten Geld machen. Bei Anonymous geht es nicht um Geld. Es geht darum, Aufmerksamkeit zu erregen, sich für etwas einzusetzen, aber auch darum, einfach von anderen zu lernen, Teil der Gemeinschaft zu sein und Spaß zu haben. Ich sehe keine offensichtliche Zusammenarbeit zwischen der Cyberunterwelt und Anonymous. Natürlich gibt es auch richtige Hacker in der Gruppe. Die tauschen sich auf illegalen Untergrundforen mit anderen Hackern aus. Ein Teil von ihnen lässt sich sicherlich als böse Hacker – sogenannte "black hats" – bezeichnen. Aber die Hacker bilden bei Anonymous eine kleine Minderheit.

TR: Die Gruppe verteilt und benutzt doch aber recht virtuos eigene Software, zum Beispiel um Webseiten zu blockieren. Die muss ja irgendjemand entwickelt haben.

Olson: Ja, sicher. Der Angriff von Anonymous auf Visa und PayPal im Dezember 2010 ist ein gutes Beispiel. Tausende Menschen wollten sich an dieser Aktion beteiligen, besuchten die Chaträume von Anonymous und luden sich die Software herunter, um die Webseiten von Visa und PayPal zu blockieren. Den Leuten wurde gesagt, es sei in Ordnung, diese Software zu verwenden, und die Polizei sei nicht in der Lage, sie zu orten. Das stimmte aber nicht: PayPal konnte mehr als 1000 IP-Adressen von Computern identifizieren, auf denen dieses Programm lief.

TR: Trotzdem war die Aktion ein Erfolg.

Olson: Na ja, zunächst war die Blockade nicht sehr effektiv. In den geschlossenen Chatrooms der Koordinatoren meldete sich schließlich jemand, der ein Botnet mit mehreren Tausend Rechnern zur Verfügung hatte. Und diese mit Trojanern infizierten Rechner haben die wesentliche Feuerkraft geliefert, um PayPal und Visa für mehrere Stunden aus dem Netz zu nehmen. Natürlich wollte Anonymous diesen Punkt nicht zu sehr betonen, weil der Gebrauch eines Botnetzes illegal ist.

TR: Illegal war aber doch schon die Aktion an sich, oder nicht?

Olson: Das ist eine Grauzone. Für das FBI und die britischen Ermittlungsbehörden ist die Sache klar. Ich denke, so eine DDoS- Attacke (Distributed Denial of Service; Anm. d. Red.) ist wahrscheinlich auch in Deutschland illegal. Teile von Anonymous argumentieren aber, dass solche Aktionen nicht als Straftat gewertet werden sollten, weil es eigentlich nur eine Art digitale Sitzblockade ist.

TR: Für die Firmen entsteht aber doch ein echter Schaden.

Olson: Anonymous ist sehr geschickt darin, sich selbst als mächtige und gefährliche Gruppe darzustellen. Ich will nicht entwerten, was Anonymous getan hat. Aber die Medien haben oft sehr übertrieben dargestellt, wie gefährlich die Gruppe ist. Was Anonymous tatsächlich am besten kann, ist Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken: auf einen Missstand, einen Skandal oder auf sich selbst. Anonymous ist laut. Aber nicht so gefährlich, wie wir oftmals lesen. (wst)