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Was war. Was wird.

Hal Faber schaut in eine Woche zurück, in der es vor Preisträgern nur so wimmelte, und sinniert über die Arbeitsteilung zwischen Menschmaschine und Maschinenmensch.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Bumm! Knall! Schepper! Heute ist der große Rummstag, den Lebewesen in der nördlichen norddeutschen Tiefebene nicht unbekannt, dank der Tiefflieger unserer Luftwaffe. Heute vor 60 Jahren durchbrach Chuck Yeager als Erster die Schallmauer, mit zwei gebrochenen Rippen. Die holte er sich freilich beim Reiten in der Tiefebene der Mojave. Eigentlich sollte Yeager gar nicht berühmt werden, sondern der reguläre Pilot des Raketenstummels namens X-1A. Doch der verlangte 150.000 Dollar zusätzlich für den Mauerbruch, plus eine Gefahrenprämie für jede Minute, die er schneller als der Schall flog. Yeager machte das Ganze zum regulären Pilotengehalt von 511 Dollar im Monat. Der Stoff, aus dem die Helden sind, ist immer ein besonders billiges Gewebe. Darum darf Hans-Guido Mutke nicht in die Geschichtsbücher einrücken, als er im April 1945 über Innsbruck die Schallmauer mit seiner ME 262 durchbrach. Wissenschaftlich undokumentiert und im Sturzflug. Um verbotenerweise einem Kameraden das Leben zu retten, riskierte er, den teuren Düsenflieger zu demolieren. Yeager wurde berühmt, doch in die Unsterblichkeit schaffte er es erst mit "seinem" Flugsimulator. Zu Ehren des ganz besonderen Tages, an dem die Mauer fiel, sei an die schöne Zukunft von Gestern erinnert, als Künstler wie Erik-Theodor Lässig und Eberhard Binder-Staßfurt unsere Träume malten – die Alpträume kamen erst später.

*** Vielleicht wird einmal der Knall von Karlsruhe in die Geschichtsbücher eingehen. Denn abgesehen davon, dass das Bundesverfassungsgericht ein schlampig ausgearbeitetes NRW-Gesetz zur Online-Durchsuchung ein weginterpretiertes Gesetz nannte, führte dort der Informatiker Andreas Pfitzmann das Gericht in die Grundzüge der beginnenden Singularität ein. Um es mit Bloch zu sagen: Ich bin, aber ich habe mich nicht ohne meinen Computer, der Teil meiner Persönlichkeit ist und die Heimat schlechthin. Vielleicht sind persönlichste Rechner noch nicht so richtig in unseren Körpern integriert, doch gehören sie bereits zu unserem Intimbereich. Was Ignoranten zeitgenössischer Lebensformen prompt als digitale Demenz zu einem Krankheitsbild stilisieren, ist nichts weiter als eine Arbeitsteilung zwischen Menschmaschine und Maschinenmensch. Ich für meinen Teil weigere mich, irgendeinen URL in meinem Arbeitsspeicher zu halten, wenn es dafür bessere Speicherplätze gibt, auch noch einfach duplizierbar. Wer beim Sprung in den Swimming-Pool alle Daten im Mobiltelefon verliert, mag solchermaßen digital dement sich daran erinnern, was Datensicherung ist – oder nach seinem Mobilsitter jammern.

*** Gut, es gab auch stärker technisch argumentierende Stellungnahmen, etwa von Parteigängern des Chaos Computer Clubs, aber die Idee, dass wir im Kernbereich der privaten Lebensführung mit unseren Computern in einem symbiotischen Verhältnis leben, hat Auswirkungen weit über die Online-Durchsuchung hinaus. Der oberste Überwachungseiferer, der davon tönt, dass Terroristen jetzt erst recht keine Rücksicht nehmen und Eile geboten sei, will der Singularität politische Grenzen setzen. Ein bisschen Überwachung der Überwacher? Kein Problem! Es wird alles getan, damit auch der letzte Sozialpütz auf den großen Datenschnüffelhund kommt, der diese ständig zuschlagenden Terroristen aufspürt.

*** Bis die Entscheidung und Begründung des Bundesverfassungsgerichts zur Online-Durchsuchung kommt, darf über eine andere Entscheidung des Gerichtes zugunsten der Privatsphäre debattiert werden. Mit dem bestätigten Verbot von Maxim Billers Esra kommt die Rückkehr von Anstand und Sitte zurück in die Literatur. Verboten belieb das Buch wegen intimer Details aus dem Leben mit Esra, während die Schilderung ihrer Mutter als kaputte Alkoholikerin vom Gericht nicht beanstandet wurde. Das wird die Umweltaktivistin, die für ihren Kampf gegen den Gifteinsatz beim Bergbau in der Türkei den alternativen Nobelpreis bekam, verärgern, doch es gilt: Beim Kernbereich der privaten Lebensführung muss nicht nur das BKA und der Verfassungsschutz, sondern auch die Kunst abschalten und den Schweinkrams übergehen oder künstlerisch überhöhen. Was auf einem "Richterband" der Überwacher sofort gelöscht werden müsste, wird in einem Einband von der richterlichen Lesebrille mit gleicher Konsequenz gefunden und gesperrt. Man mag dies als Niederlage der Literatur bejammern oder freudig darauf hoffen, dass die entsprechende Entscheidung zur Online-Durchsuchung beim Unsinn mit dem polizeilich deklarierten Respekt vor privaten Tagebüchern ähnlich konsequent ist. Wie war das noch mit der intimen Beichte von Daniel Cohn-Bendit, Mein wildes Leben getitelt? Dahinter steckte eine Sammlung von Bombenbauanleitungen.

*** Schlappe 20 Watt werden benötigt, um auf einem IBM-Mainframe die "Integrated Facility for Linux" zu starten. Denoch hat IBM dafür keinen Nobelpreis bekommen, sondern Al Gore und der Weltklimarat. Wenn der Sohn eines Mannes ausgezeichnet wird, dem die US-Amerikaner ihr Highway-Netz verdanken, dann hat das seinen Grund, meint die FAZ (auf kostenpflichtigem ePaper). Denn der Preis für Gore ist auch ein Nobelpreis für die Dia-Show, ein Zeichen gegen das verhasste Powerpoint-Diktat. Ehrliche Dias gegen die perverse Rechentechnik, in der Prozessoren die unter intimer Chiffre geplanten Massenmorde abspeichern, ohne dies dem Staat zu melden.

*** Ganz nebenbei ist Gore charmanter als die Bombenbauplänesuchmaschine Google, deren Rechenzentren in aller Welt ordentlich Energie verbrauchen. Das will Google mit Makani und ein paar Drachen wett machen, meint Meisterprophet Bob Cringely. Bislang scheint der Google-Effekt eher darin zu bestehen, dass das kalifornische Silicon Valley seine irrwitzig hohen Preise halten kann.

*** Aus luftigen Drachenhöhen muss ich doch noch einmal auf die Mühen der Ebene zurückkommen. An diesem Wochenende ist Biefeld ja die Hauptstadt des Datenschutzes gewesen, komplett mit der Verleihung der beliebten Big Brother Awards, ganz im glamourösen Stil eines x-beliebigen Filmfestivals. Inmitten der Tagungen von Datenschützern und kritischen Informatikern hatten sich alle sehr lieb. Dass Datenschutz eine harte Sache sein kann, komplett mit Nachtreten und -karten, das zeigte eigentlich nur das Referat von der verlorenen Zweckbestimmung (20 Seiten) der Mautdaten, vorgetragen vom Datenschützer von Toll Collect, nur komplett mit der Aussage in der anschließenden Diskussion, dass die Mautbrücken auch PKWs verarbeiten können. Nur mit der Masse der OBUs hätte man wohl ein Problem, genau wie bei unseren Nachbarn in den Niederlanden, wo 8 Millionen Fahrzeuge auf ihre OBU warten – und der Betreiber auf einen hübschen Big Brother Award.

*** Wie Daten wirklich geschützt werden können, zeigt die Posse um die Fluggastdatenübermittlung. Weil die Beratungen von Behörden beeinträchtigt werden könnten, bleiben die Daten geheim, basta. Wer so argumentiert, ist nicht der Vatikan, dessen Behörden heilig sind, sondern das Wirtschaftsministerium von Berlinistan. So weiß von den der Behörden untergetanenen Bürgern noch niemand, welche Auswirkungen die neue 72-Stunden-Regel in den USA haben wird, über die in anderen Ländern berichtet wird. Nur wer durch und durch nichts zu verbergen hat, dem wird ein Ticket ausgedruckt. So wird der Mensch gebodigt, zu unser aller Sicherheit. Mit dem neuen Sicherheitslevel dürften die übergesetzlichen Abschussgelüste im Verteidigungsministerium in ein neues Licht gerückt werden.

Was wird.

Mit dem seltsamen Slogan Work – Wow! –, klar, kündigt sich die Systems in München an, wobei Wow! das Kürzel für "vier Tage echte Begeisterung" sein soll. Wir Journalisten erfahren bereits, dass auf der Systems "lebenswichtige Fragen" beantwortet werden sollen, etwa die, ob Internetportale den Mobilfunk aufmischen. Journalistisch könnte man nach den Pillen fragen, die beim Verfassen solch bombastischer Ankündigungen eingeworfen werden, bis man das berühmte weiße Kaninchen sieht. Letzte Woche hatte ich den entsprechenden Song von Jefferson Airplane in der hübschen Startrek-Version verlinkt. Dort hoppelt stilecht ein Kaninchen durch das Set. Als weißes Kaninchen begann die Karriere von Geburtstagskind Paul Simon. Während er so durch Alices Wunderland hoppelte, traf er den verrückten Hutmacher, gespielt von Art Garfunkel. Der Rest ist Bumm! Knall! Schepper!. (Hal Faber) / (anw)