Autos Marke Eigenbau

Toyota hat ein Kinderfahrzeug entwickelt, das die Tür in eine neue Welt aufstoßen könnte: Das vom Kunden nach eigenen Wünschen selbst zusammengebastelte Auto. Selbst die Innenausstattung lässt sich kinderleicht mit wenigen Handgriffen ändern.

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Von
  • Martin Kölling

Toyota hat ein Kinderfahrzeug entwickelt, das die Tür in eine neue Welt aufstoßen könnte: Das vom Kunden nach eigenen Wünschen selbst zusammengebastelte Auto. Selbst die Innenausstattung lässt sich kinderleicht mit wenigen Handgriffen ändern.

Das Baukastenprinzip verbreitet sich im Automobilbau wie ein Steppenbrand. VW ist ganz besonders eifrig dabei, die Verbindungen seiner Bauteile so zu standardisieren, dass Entwickler – überspitzt gesagt – wie Kinder beim Spiel mit Lego-Bauklötzen nur in den Baukasten greifen und sich ein Auto ihrer Wahl zusammenbasteln können. Toyota hat diese Idee nun mit einem elektrischen Auto für Kinder auf die Spitze getrieben: Ein Fahrzeug, das Kunden nach eigenen Wünschen selbst zusammenbauen können.

Auf der "Tokyo Toy Show" vorige Woche stand er da am Toyota-Stand zwischen Rollern und bunten Puppen, der Camatte 57s, ein schnittiger Stromer mit drei Sitzen und einer Spitzengeschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde. Er erlaubt es Kindern, ohne Werkzeuge verschiedenen Karossieren aus Kacheln auf einen Alu-Rahmen zu montieren. Die Kachelmuster und -farben lassen sich entweder aus einem Katalog auswählen. Ganz kreative Kinder können die Teile sogar selbst bemalen. Selbst Paneele und Sitze im Innenraum können durch leicht zu öffnende Verschlüsse kinderleicht ausgetauscht werden.

Eines der wichtigsten Ziele ist, die nachwachsende Generation wieder für Autos zu begeistern, erklärt das bunte Designer-Duo am Stand. Da ist Kota Nezu, der seinen Beruf als Industriedesigner auch an sich selbst austobt: Er trägt rötlich-rosa Haare, schwarze Knöpfe im Ohr und kleine rote Punkte auf den Eckzähnen. Früher war er bei Toyota fest engagiert. Nun hat er seine eigene Designerschmiede und entwirft Thermosflaschen, eigene Motorräder – und eben Kinderautos. Sein Gesinnungsgenosse bei Toyota ist ein Anzuganträger mit subversivem Schaffensdrang: Kenji Tsuji, ein Entwickler im Dienste Toyotas. Und der erklärt, warum sie dieses Auto erdachten.

Der Ausgangspunkt dieses Projekts war der Befund, dass immer weniger junge Menschen Autos kaufen wollen. Der Hauptgrund dafür ist nach Toyotas Analyse, dass der Spaßfaktor beim Fahren abhanden gekommen ist. "Wenn es keinen Spaß macht, ist es kein Auto", hat Toyota-Chef Akio Toyoda daher seinen Entwicklern 2011 ins Pflichtenheft geschrieben. Tsuji geht in der psychologischen Ursachenforschung sogar in die Kindheit zurück. Er meint, dass heutige Autos Kindern schon daran hindern, überhaupt Freude am Fahren zu entwickeln. Denn, so Tsuji: "Die heutigen Autos lassen wenig Kommunikation zu."

Früher lümmelte der Nachwuchs auf der Rückenlehne des Fahrersitzes herum und schaute (meist) Papa buchstäblich beim Fahren über die Schulter. Oder die Eltern stritten sich darüber, wie stark die Heizung oder der Ventilator arbeiten sollten. Nun pinnen Gurte die Kleinen auf der Rückbank fest. Temperatur und Windstärke lassen sich für Fahrer, Beifahrer, manchmal sogar im Rückraum individuell einstellen. Kurz: Langeweile macht sich auf den Rücksitzen breit.

Mit ihrem Design hat das Duo dieses Problem aufgelöst: Schon die Raumaufteilung sorgt für engen Körperkontakt. Der Fahrersitz ist allein in der vordersten Reihe. Die zwei Beifahrersitze für die Eltern sind schräg und so dicht dahinter angebracht, dass die Eltern ihre Beine gerade eben noch am Fahrersitz vorbeiquetschen können. Zwischen den Beifahrersitzen ist zudem eine zweite Handbremse angebracht, mit der die Erwachsenen den Vorwärtsdrang des Nachwuchses zügeln können, wenn verbale Kommunikation versagen sollte.

Doch für richtig Begeisterung soll die Möglichkeit sorgen, dass die Kinder unter der Aufsicht oder mit den Eltern zusammen das Auto mit wenigen Handgriffen selbst zusammenbauen – und wenn gewünscht ändern – können. Einfache Steckverbindungen außen oder Schraubverbindungen im Innenraum ermöglichen diesen Trick. "Durch die Arbeit am Auto können Eltern und Kinder ihre Bindungen stärken", erklärt Tsuji die psychologische Wirkung des Gemeinschaftserlebnisses.

Richtig interessant wird es, wenn Toyota dieses Baukastenprinzip auch auf seine Serienautos ausdehnen würde – wenigstens im Innenraum. Wenn nicht mehr Schneidbrenner und Schweißgeräte notwendig wären, um ein Auto zu tunen, würden viele Fahrer sicherlich mit Eifer beginnen, ihr Auto nach eigenen Wünschen umzubauen – einmal, zweimal, immer wieder.

Für den Autobauer hätte das über bessere Kundenbindung hinaus den Vorteil, nebenbei auch noch einen Bauteilemarkt aufbauen zu können – entweder für sich oder für kleine Firmen. In die Richtung geht Toyota ohnehin schon. Der gemeinsam mit Subaru entwickelte Sportwagen 86 wird von Anfang an auch relativ nackt als Tuner-Version angeboten, damit Rennfahrer selbst Hand anlegen können, ohne erst den Standardinnenraum auszubauen.

Dahinter steckt die Idee, das Auto wie Smartphones zu einer Plattform zu entwickeln. Um Smartphones ist bereits ein ganzes Ökosystem entstanden: Hüllen, Adapter, sogar aufsteckbare Sensoren. Warum nicht mit Autos das gleich tun? Also, Autobauer, nur Mut: Wenn ihr uns mit immer neue Fahrassistenten schon den Nervenkitzel beim Fahren (und die Freiheit, Fahrfehler zu begehen) raubt, gewährt uns im Gegenzug wenigstens mehr Selbstbestimmung beim Außen- und Innenraumdesign unserer Gefährte. (bsc)