Klartext: Der Multimultivan

Ein Kombi ist nur so lange ein gutes Reisemobil, wie das Hobby nicht zu viel Geraffel erfordert. Das ist heute bei mir der Fall. Ein Motorrad geht nur mit einiger Demontage in einen Kombi. Ich interessierte mich deshalb wieder für echte Wohnmobile. Das war ein Fehler

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Als Kind liebte ich Wohnmobile. Eine kleine Wellblechhütte zum rumfahren! Genial. Einer fährt, der Andere fängt schon mal das Kochen an. Wir hatten aber kein Wohnmobil, sondern einen Passat Kombi. Immerhin konnte man es sich auch dort sehr gemütlich machen: Die Rückbank klappte zu einem ebenen, teppichbezogenen Laderaum um, in dem wir Kinder auf Handtüchern lagen und Karten spielten, während das Personal vorne eine runde Fahrweise pflegte, weil es ja die verschüttete Limo sonst aus dem Teppich schrubben musste.

Konsequenterweise nutzte ich mit meinem eigenen Führerschein auf meiner großen Deutschlandtour auch einen Kombi, dessen Ladefläche mein Schlafzimmer und Zelt wurde. Diese Konfiguration erwies sich als richtig, denn es war das Jahr eines "Jahrhunderthochwassers", in dem Zeltcamper nicht glücklich wurden. In einer besonders schlimmen Nacht krabbelte ich nach vorn auf den Fahrersitz, als der Wasserstand am Campingplatz langsam an den Radachsen zu nippen begann und fuhr mein Stahlzelt auf einen Hügel. Ein Kombi ist ein hervorragendes Reisemobil für ein bis zwei Personen, weil es ein normales Auto ist – eines, für das es bei Audi zum Beispiel einen V8 gibt zum zügigen Vorankommen auf der Bahn. Es ist allerdings nur so lange ein gutes Reisemobil, wie das Hobby nicht zu viel Geraffel erfordert. Das ist heute bei mir der Fall. Ein Motorrad geht nur mit einiger Demontage in einen Kombi. Ich interessierte mich deshalb wieder für echte Wohnmobile. Das war ein Fehler.

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Autobot, Transform! Werde eine Fahrerlager-Wohnwerkstatt!

Manchmal führt mich das Schicksal auf eine italienische Boden-Boden-Rakete, die 300 fahren kann, aber man fragt sich, ob man tatsächlich 300 fahren möchte, wenn bei der ersten Ampel bereits Teile abfallen. Dennoch habe ich nie ein Fahrzeug wirklich "gefährlich" genannt. Bis ich dieses Wohnmobil fuhr. Der Diesel schwappte aus dem undichten Tank. Der Regen schwappte durchs undichte Dach. Die Gasflaschen polterten, gesichert nur mit Bindfaden. Jedes überholende Auto zog beängstigend an der Lenkung, genauso wie jede noch so kleine Spurrille, es knarzte, quietschte und schepperte zum ins Lenkrad beißen. Alle Schränke mussten mit Panzer-Tape gesichert werden, weil die Türen so schief montiert waren, dass die Verschlüsse nicht verschlossen. Ein Fahrwerk gab es nicht, aber das Dachbett federte bedenklich Richtung Fahrgastzelle. Das war ein Neufahrzeug eines namhaften Herstellers, der nur deshalb weiter einen Namen hat, weil die Händler erstmal alles rekonstruieren, bevor ihnen ein guter Kunde damit wegstirbt. Die Frau sagte am Ende sichtlich traumatisiert: "Ich setze mich gern mit dir auf jedes beliebig schnelle Motorrad. Aber in sowas setz ich mich nicht mehr. Ich hatte zum ersten Mal Todesangst."

Nein, ein Multifunktionsfahrzeug muss zuvorderst ein Fahrzeug bleiben. Es muss die leeren ostdeutschen Autobahnen zügig hinter sich bringen und darf auf einer dieser alten, pockennarbigen Alleen nicht strukturell desintegrieren. Zum Beispiel ein VW T5: Das ist doch ein Multifunktionsfahrzeug! "Najaa", sagte einer der wenigen Wohnmobilisten, die noch mit mir sprechen, "bei VW in Serie ist ja noch nicht viel Multifunktion drin. Ich zeig dir mal Multifunktion." Das war dann der "SpaceCamper".