Wo geht's lang?

Von A nach B führen inzwischen alle Navis gut, doch das reicht vielen nicht mehr. Um am Markt zu bestehen, müssen die Hersteller frische Konzepte präsentieren. Die IFA ist in diesem Jahr hierfür ihre Plattform.

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Von
  • Daniel LĂĽders
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Auf keiner Messe sah man in diesem Jahr so viele Navi-Neuigkeiten wie auf der IFA in Berlin. Dabei stehen nicht nur Geräte mit innovativen Extras wie DVB-T-Fernsehen, Kurvenwarnern, erweiterten Spracherkennungssystemen oder großen Displays im Mittelpunkt, sondern vor allem Techniken, Konzepte und Herangehensweisen.

Nur noch ein kleiner Teil der Hersteller versucht weiterhin, ausschließlich mit niedrigen Preisen oder praller Ausstattung auf Kundenfang zu gehen. Doch Extras wie TMC-Staumelder, Bluetooth-Freisprecheinrichtung, umfangreiches Kartenmaterial und hübsches Design reichen womöglich bald nicht mehr aus, auch wenn auf der IFA durchaus interessante Geräte mit innovativen Extras von Fernsehen bis Kurvenwarner zu sehen sind. Stattdessen erhöht sich die Nachfrage nach flexiblen Konzepten, die das Navi zum ortskundigen Assistenten für jede Lebenslage machen.

Das Navi soll beim Wandern in Feld, Wald und Wiese genauso nützlich sein wie bei der Reiseplanung oder einer nächtlichen Streife durch die Clubs einer fremden Stadt. Im Auto soll es vor Geschwindigkeitsbegrenzungen und widrigen Straßenverhältnissen warnen, Baustellen erkennen, günstige Tankstellen in der Nähe suchen, Blitzampeln anzeigen und Verkehrsdichte-Daten empfangen – möglichst minutenaktuell. Am Zielort soll es bei der Parkplatzsuche helfen und die Wahl von Unterkunft und Restaurants erleichtern. Herkömmliche Navis schaffen das noch nicht, auch wenn in Halle 9 viele Hersteller fertige Lösungen oder Prototypen zeigten, die zumindest einige dieser Punkte abdecken.

Eine größere Innovation kommt langsam voran, die Konvergenz von Navigation und Mobilfunk. Allerdings weniger aus Handy-Richtung, denn obwohl es Handys mit Navigationsfunktion schon seit mehreren Jahren gibt, versäumten es die Hersteller bisher, ausgefeilte Echtzeit-Navi-Dienste in ihre Mobiltelefone zu implementieren – möglicherweise weil das Know-how fehlte.

Die Navi-Hersteller müssen sich hingegen mit den Mobilfunk-Providern über entsprechende Tarif-Modelle einigen, was TomTom und Vodafone offenbar jetzt gelungen ist. Auf der IFA kann TomTom deshalb mit den Modellen Go 940 Live und Go 740 Live die ersten echten connected Navis mit fest integrierter SIM-Karte präsentieren. Erstmals in Deutschland ist ein PNA permanent mit dem Internet verbunden und hat zu jeder Zeit Zugriff auf aktuelle Informationen über Verkehr und Wetter. Demnächst soll der Nutzer auch nach der günstigsten Tankstelle in der Nähe suchen und das Gerät um zusätzliche Internet-Dienste erweitern können. Monatlich fällt für die Verbindung zum Vodafone-Netz ein fester Obolus von 9,95 Euro an; der Kunde zahlt in den ersten drei Monaten keine Gebühr und kann den Vodafone-Vertrag monatlich kündigen.

Damit hält endlich der in den Niederlande schon letztes Jahr gestartete Verkehrsdienst HD Traffic Einzug in Deutschland. Mit Hilfe von Vodafone misst TomTom die Anzahl von Handy-Nutzern auf einer Straße und kann so Rückschlüsse auf die Verkehrsdichte ziehen. Wer allerdings im Ausland unterwegs ist, muss sich wieder mit der bestenfalls von TMC unterstützten Standard-Navigation zufrieden geben. Als Handy oder Datenmodem fürs Notebook ist das Gerät übrigens nicht zu gebrauchen.

Schon die aktuellen Geräte ohne Mobilfunkanbindung merken sich Profile gefahrener Strecken oder Kartenkorrekturdaten, die der Navi-Nutzer an den TomTom-Server übertragen kann, wenn er das Navi an seinen PC anschließt. Diese Daten können sich andere Anwender (wahlweise nach redaktioneller Überprüfung) herunterladen, zudem profitiert der Kartenhersteller Tele Atlas – der praktischerweise mittlerweile TomTom gehört – davon und kann so seine Karten schneller aktualisieren und mit neuen Merkmalen versehen. Um möglichst viele Nutzer in seine Web-Community einzubinden, schenkt TomTom inzwischen jedem aktuelles Kartenmaterial, der ein neues Gerät erwirbt und sich innerhalb von 30 Tagen an der TomTom-Home-Webseite anmeldet. Mit den connected Navis wird dieser Dienst wohl viele neue Nutzer gewinnen, weil der umständliche Schritt entfällt, das Navi zum Internetkontakt an einen PC anzuschließen.

Auch andere Navi-Hersteller haben erkannt, dass früher oder später das Internet eine wichtige Rolle für die Navigation spielen wird: Bereits seit über einem halben Jahr kündigt Garmin mit seinem nüvifone ein Navi-Handy an, mit dem man im Unterschied zu den TomTom-Geräten auch telefonieren können soll. Auch auf der IFA zeigt Garmin wieder einen – funktionslosen – Prototypen. Auch bleibt noch offen, welche Dienste das Gerät bieten wird und welcher Mobilfunkprovider für den Datenfunk verantwortlich sein wird. Bis Garmin sein connected Navi anbieten kann, geht wohl noch ein Neujahrsfest vorüber.

Bleibt abzuwarten, ob sich Garmin dann nicht schon einer größeren Konkurrenz gegenübersteht, denn Microsoft bietet mit dem Embedded-Betriebssystem Windows Embedded NavReady 2009 alles, was ein Hersteller zum Entwerfen eines Navis braucht, inklusive Programme zur Abfrage von Internet-Diensten – die natürlich von Microsoft zur Verfügung gestellt werden.

Niemand kann Garmin in seiner Kernkompetenz, der Fahrrad-, Sport- und Wandernavigation, das Wasser reichen. Weil der Hersteller über eigenes topografisches Kartenmaterial verfügt, ist er nicht von anderen Kartenherstellern abhängig. Solange das connected Navi nüvifone noch nicht fertig ist, lockt Garmin deshalb mit den Auto-Navigationsgeräten der nüvi-500- und 7xx-Serie, die sich per Speicherkartentausch in Fahrrad- und Fußgänger-Navis wandeln, die 7xx-Serie bietet zudem eine verbesserte Darstellung von Abzweigungen. Die Geräte können Fotos mit eingebetteten GPS-Daten oder solche aus dem Web-Portal Panoramio als Zielvorgabe verwenden. Passende Freizeitführer hat Garmin ebenfalls im Programm. Mit seinen GPS-Sportuhren der Forerunner-Serie bedient das Unternehmen einen Großteil des Fitnessmarktes.

Doch lange wird sich Garmin auch auf diesem Gebiet nicht ausruhen können, denn andere Hersteller drängen auf den Markt, drehen kräftig an der Preisschraube und punkten mit neuen Ideen. MyGuide zeigt auf der IFA beispielsweise eine Navigationslösung für Fahrräder, die inklusive Halterung und Pixel-Kartenmaterial für Deutschland weniger als 200 Euro kostet. Im ebenfalls frisch aufgesetzten Web-Portal der Firma sollen Nutzer außerdem Tracks und Point-of-Interest-Daten tauschen können, um so ihr Navi Stück für Stück selbst zu erweitern. Beim Kartenmaterial muss MyGuide allerdings auf die Produkte des Fremdherstellers Magicmaps zurückgreifen. Wer seine Routen filmisch begleiten möchte, kann dies mit der ebenfalls von MyGuide vorgestellten Videokamera m.icatcher tun. Sie speichert nicht nur Bilder und Videos, sondern zeichnet erstmals gleichzeitig auch die GPS-Position als NMEA-Track auf. In Web-Portalen können GPS-Aufzeichnungen mit anderen Nutzern getauscht werden. So holt man sich Tipps für die nächste Urlaubsreise.

Für eine komplette Urlaubsplanung reichen Wander-Navis und GPS-Tracks allein nicht aus, auch bieten die meisten Point-of-Interest-Datenbanken nur spärliche Informationen zu Sehenswürdigkeiten, Hotels, Restaurants und anderen wichtigen Orten. Wer eine Unterkunft sucht, will auch wissen, was sie kostet und welche Services inbegriffen sind. Nicht nur über die Sehenswürdigkeiten am Zielort, sondern auch die an der Wegstrecke soll das Navi informieren.

Für einen elektronischen Reiseführer gilt dabei das Gleiche wie für einen in Buchform: Es ist ein nicht unerheblicher redaktioneller Aufwand erforderlich, um eine hohe und präzise Abdeckung der möglichen Reiseziele zu erreichen. Das spiegelt sich beispielsweise in den Preisen der Merian-Scout-Navigator-Modelle des Herstellers iPublish wider, deren Topmodell mit knapp 800 Euro das teuerste Navi am Markt sein dürfte, aber auch als echter Reisführer für Deutschland, Österreich und die Schweiz taugt. Es bleibt fraglich, ob Nutzer bereit sind, so viel Geld für ein Reiseführer-Navi auszugeben, dessen Kernkompetenz nur wenige Male im Jahr gebraucht wird.

Daher ist es nicht verwunderlin, dass der Hersteller die Datenbank aus redaktionell bearbeiteten Texten und Audio-Dateien demnächst auch als Online-Navi-Dienst für Smartphones anbieten möchte. Gegen ein geringes Entgelt soll der Handy-Nutzer Strecken je nach Bedarf planen und die dazugehörigen Reiseführer-Inhalte temporär auf sein Gerät laden können. Bislang hat iPublish diesen Dienst noch nicht zur Marktreife gebracht und muss wohl erst einmal einen Mobilfunkprovider mit ins Boot holen.

Um den redaktionellen Aufwand für Reiseführer-Inhalte in Grenzen zu halten, setzt der Navi-Hersteller Falk auf das Wikipedia-Prinzip. Künftig soll eine möglichst breite Gemeinde im Web Reisebeschreibungen hinterlegen und mit Hilfe eines Bewertungssystems über die Qualität der Reisebeschreibungen entscheiden. Allerdings fehlt Falk, was das Wikipedia-Portal bereits hat: genügend Nutzer. Doch Falk hat auch schon für dieses Problem eine Lösung parat.

Mit der Einführung des Modells F10 auf der IFA präsentiert Falk ein lernendes Streckenführungssystem, das möglichst viele Nutzer dazu animieren soll, Teil der Falk Web-Community zu werden. Wenn ein Nutzer des F10 eine Ziel programmiert und eine bessere Strecke kennt, merkt sich das Navi diese Route für künftige Berechnungen. Nach dem Verbinden des F10 per USB mit dem Internet-PC kann der Nutzer sowohl seine gefahrenen Strecken anonym hochladen als auch die anderer auf sein Gerät installieren. So soll das Gerät mit der Zeit immer bessere Strecken finden. Weil das System dynamisch ist, soll es wesentlich besser funktionieren als beispielsweise das IQRoutes-System von TomTom, das auf vergleichsweise starren historischen Kartendaten basiert.

Allerdings bleibt abzuwarten, ob die Nutzer wirklich ihr Navi einschalten, wenn sie sich auf ausschließlich bekannten Straßen bewegen. Außerdem werden wohl die meisten nicht die Disziplin mitbringen, ihr Navi häufig genug mit dem Rechner abzugleichen – diese Lösung ergibt daher in Kombination mit einer Mobilfunkanbindung des Navis deutlich mehr Sinn.

Die Navi-Neuheiten auf der diesjährigen IFA beweisen, dass der Markt für Navigation am Scheideweg ist. Wer bei den Navi-Herstellern weiter vorne mitspielen will, muss früher oder später mit seinen Geräten das Internet als Service-Plattform nutzen. Mit Hilfe von erweiterbaren Web-Diensten werden Navis schneller und individueller auf die Bedürfnisse der Nutzer reagieren können.

Auch die Mobilfunk-Provider profitieren davon: Sie erschließen so einen völlig neuen Kundenkreis, was ihnen die Möglichkeit gibt, abseits des hart umkämpften und relativ abgegrasten Handy-Marktes Neukunden zu gewinnen. Gleichzeitig könnte das Mobilfunkvertrag-Sponsoring vielleicht bald auch bei Navis zur Anwendung kommen. Genau wie bei Handys wäre das Ein-Euro-Navi denkbar, welches erst durch kostenpflichtige Dienste in Betrieb genommen werden kann.

Gleichzeitig versuchen sowohl die Kartenhersteller als auch die Navi-Produzenten, ihre Kosten reduzieren, indem sie den Nutzer in die Entwicklung neuer Dienste einbeziehen. Momentan arbeiten Kartenhersteller immerhin schon mit Erfahrungswerten, die von den Navi-Nutzern tagtäglich an sie gesendet werden. Durch Web-Communitys hoffen Hersteller wie Falk und MyGuide über kurz oder lang auch mit weniger personellem Aufwand und damit billiger Navis zu entwickeln, die sowohl für die Wanderung als auch die Reiseplanung taugen. Schon jetzt erfreuen sich Geocaching-Webseiten und GPS-Track-Tauschbörsen großer Beliebtheit.

Die Hersteller zeigen mit den ersten connected Navis, Reiseführern und Offroad-Wanderhilfen, wo es lang geht. Jetzt gilt es nur noch, alles zusammen zu bringen. Doch bis das Universal-Navi für jeden Zweck in den Läden steht, werden wohl noch einige Funkausstellungen kommen und gehen. (dal) (dal)