Die Daten liegen auf der Straße

Je stärker Autos sich vernetzen, desto mehr Daten verbreiten sie. Um diese kostbaren Informationen hat der Verteilungskampf gerade erst begonnen.

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Von
  • Karl-Gerhard Haas

Je stärker Autos sich vernetzen, desto mehr Daten verbreiten sie. Um diese kostbaren Informationen hat der Verteilungskampf gerade erst begonnen.

Heute kosten scharfe Bremsmanöver lediglich Energie, Bremsbelag und Gummi. Künftig könnten sie auch die Versicherungsprämie nach oben treiben. Zahlreiche Assekuranzen arbeiten daran, den Fahrstil ihrer Kunden zur Grundlage der Prämienberechnung zu machen. Die technischen Grundlagen dafür sind bereits gelegt – und bilden gleichzeitig die Basis für zahlreiche weitere Geschäftsmodelle. Der Verteilungskampf um die Daten der Autofahrer hat begonnen.

Die italienische Allianz-Tochter Allianz Telematics hat nach eigenen Angaben in den letzten fünf Jahren bereits mehr als 80000 Fahrzeuge in neun europäischen Ländern mit elektronischen Fahrtenschreibern versehen. Sie sind etwa so groß wie eine Zigarettenschachtel und kosten einschließlich Installation rund hundert Euro. Ein eingebauter GPS-Empfänger protokolliert die gefahrene Strecke und sendet sie per Mobilfunk an die Versicherung. „Wer beispielsweise nachts oder am Wochenende nicht fährt, kann einen Rabatt bekommen, weil zu diesen Zeiten statistisch gesehen das Unfallrisiko höher ist“, sagt Allianz-Telematics-Chef Jacques Amselem. „Einheitstarife wie bisher wird es nicht mehr geben.“

„Pay as you drive“ heißt das Prinzip. Die meisten großen Gesellschaften bieten in den USA bereits solche Tarife an. Der US-Versicherer Progressive köderte seine Kunden beispielsweise mit „bis zu 30 Prozent Preisnachlass“ für die Benutzung einer Blackbox – zwischenzeitlich verzichtet man auf konkrete Angaben zur Höhe des Discounts. Die schweize-rische Winterthur-Versicherung lockt junge Fahrer mit einem kostenlosen Fahrtenschreiber und 15 Prozent niedrigeren Prämien. Italien schreibt den Kfz-Versicherern vor, mindestens einen Telematik-Tarif anzubieten. Und neue Nutzfahrzeuge ab 3,5 Tonnen müssen auch in Deutschland einen elektronischen Fahrtenschreiber an Bord haben. Schon jetzt schneidern die Versicherungen passgenaue Tarife für diese – meist gewerblich genutzten – Vehikel.

Entsprechende Angebote gibt es für deutsche Privatkunden – noch – nicht. Mehrere parallele Entwicklungen tragen aber dazu bei, dass sich das überwachte Fahren künftig auf breiter Front durchsetzen könnte. „Breitbandverbindungen, Cloud-Computing und neue Datennetze wie LTE erlauben schnelle Datenverbindungen zwischen Automobilen und der Welt um sie herum“, schreibt die Unternehmensberatung Roland Berger in ihrer Studie „Connected vehicle – Conquering the value of data“ vom August 2012. „Gleichzeitig fördern auch staatliche Vorgaben und Regulierungen diese Entwicklung.“ Der wohl wichtigste Treiber der zunehmenden Vernetzung von Automobilen sei allerdings, so Studienautor Wolfgang Bernhart, „der Umstand, dass heute die Daten selbst einen Wert darstellen. Neue Geschäftsmodelle werden darauf aufbauen, Daten und Informationen zu sammeln, die sich aus dem Fahr- und Mobilitätsverhalten ergeben.“

Noch haben die Autobauer die Hand auf dem Schatz. Die Telematiksysteme von BMW, Mercedes oder Toyota etwa vereinbaren automatisch Werkstatt-Termine, bestellen Ersatzteile, übermitteln Verkehrsinformationen oder helfen bei der Suche nach dem nächsten Hotel. Egal welche Mobilfunkanbieter und Dienstleister sie dabei als Partner ins Boot holen: „Die Autofirmen entscheiden über die Kommunikationsausrüstung der Autos und haben so direkten Zugang zu den Mehrwertdiensten“, zitieren die VDI-Nachrichten Martin Schmelcher vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. „Damit kriegen sie wieder Zugriff auf die Wertschöpfungskette, die sie an die Smartphones verloren haben oder verlieren werden.“ (grh)