Die IT-Brummis

Googles Roboterauto regt gerade die Fantasie vieler Autofahrer an. Doch Erstanwender neuartiger Fahrassistenten könnten LKWs werden, zeigt der ITS-Weltkongress in Tokio.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Martin Kölling

Googles Roboterauto regt gerade die Fantasie vieler Autofahrer an. Doch Erstanwender neuartiger Fahrassistenten könnten LKWs werden, zeigt der ITS-Weltkongress in Tokio.

Die rund 10.000 Experten aus aller Herren Länder, die am Weltkongress für intelligente Transportsysteme (ITS World Congress) in Tokio teilnahmen, konnten sich am Mittwoch ansehen, welche Grenzen die Technik noch hat. Ein starker Taifun mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 km/h und rund 350 Litern Regen pro Quadratmeter beeinträchtigte am frühen Morgen den Verkehr in Japans Hauptstadt. Sicherheitshalber hatten die Organisatoren daher bereits am Dienstag alle Veranstaltungen für Mittwochvormittag abgesagt.

Doch auch die Zwangspause konnte dem Kongress die Spannung nicht nehmen. Denn die rasante Entwicklung der Kommunikationstechnik mit der globalen Verbreitung von Smartphones, Tablets und dem mobilen Internet katapultiert die Verwaltung der Verkehrsströme in eine neue Epoche.

Das beste Zeugnis für den bevorstehenden Quantensprung ist die Flut von Meldungen über immer neue selbstfahrende Autos. Googles Entwicklung eines Roboterautos heizt die Fantasien an, dass wir bald hinter dem Lenkrad schlafen können. Nissan will bis 2020 ein wahres Automobil entwickeln. Toyota wird ab 2015 mit noch mehr Fahrassistenten seinen Kunden noch mehr ins Lenkrad greifen, während die neue Mercedes-S-Klasse schon heute demonstriert, wie viel autonomes Fahren und Bremsen möglich ist. Die Hände muss man nur aus gesetzlichen Gründen noch auf dem Lenkrad lassen.

Doch bei aller Euphorie wird oft übersehen, dass der Erstanwender für die Vernetzung von Kraftfahrzeugen untereinander und mit der Infrastruktur wahrscheinlich nicht das Privat-PKW, sondern der Frachtverkehr sein könnte. Darauf wenigstens fokussiere sich die Europäische Union, sagte Fotis Karamitsos, stellvertretender Generaldirektor für Mobilität und Transport in der EU-Kommission. "Da realisiert sich Nutzen viel schneller als im Individualverkehr", so Karamitsos auf einer Diskussionsveranstaltung.

Außerdem haben die Flottenbesitzer großen Anreiz, Geld in neueste Technik zu investieren, um noch mehr Geld zu sparen. So wie Brummis Kilometer fressen, rentieren sich schon kleine Ersparnisse oft schnell. Spurhaltesysteme lohnen sich dort, ebenso Notbremssysteme. Und erst recht elektronisch gekoppelte Konvois würden schnell Sinn machen, weil sie den Benzinverbrauch um acht Prozent senken, erklärt der Mats Rosenquist, ITS-Experte des Lastwagenherstellers Volvo.

Zudem winkt durch eine Vereinigung der bisher zersplitterten ITS- und Mautsysteme Europas großer Nutzen. In vielen anderen Bereichen des Verkehrs wie der Schifffahrt und dem Flugverkehr gibt es europaweite Systeme. Nur im Straßenverkehr kocht jedes Land sein eigenes Süppchen. Auf den Windschutzscheiben von Trucks werde im innereuropäischen Verkehr der Platz für die verschiedenen Maut-Vignetten knapp, lästert Rosenquist.

Ein weiterer Megatrend ist die Verwendung von Smartphones. Besonders in Entwicklungsländern überspringen viele Menschen das PC-Zeitalter und vernetzen sich mit Handys und Tablets. Dementsprechend schießen lokale ITS-Dienste aus dem Boden. In Indonesien beispielsweise organisieren sich Menschen in sozialen Verkehrnetzwerken, um bessere Schleichwege durch die Megastaus der Städte zu finden.

In Jakarta gibt es einen Dienst für Mitfahrgelegenheiten, bei dem die Mitglieder gegenseitig die Fahrer und die Beifahrer bewerten. Hat der Fahrer zu viel verlangt? War der Mitfahrer bereit, sich an den Parkplatzgebühren zu beteiligen? Und da man dennoch lange im Stau steht, rät ein indonesischer Teilnehmer dazu, den Stillstand einfach zu genießen. Mit Smartphone kann man sich ja auch im stehenden Verkehr wunderbar die Zeit vertreiben. Ich meine: Mit dem Roboterauto ginge es dann noch besser. Dann kann sich der Fahrer voll und ganz in der virtuellen Welt verlieren und die Mühsal vor den Fahrzeugscheiben ausblenden. (bsc)