Was war. Was wird.
Journalisten dopen nicht, es gibt doch Rotwein und 'ne lütje Lage. Geistig gestärkt taucht Hal Faber in die Untiefen des neuen Datenskandals und fischt ein bisschen im Trüben. Dabei kommt auch Unappetitliches an die Oberfläche.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich – und dieses Mal mit dem dritten Teil des diesjährigen Sommerrätsels.
Was war.
*** Es ist vorbei. Das Sommerrätsel ist zu Ende. Keine esoterischen Fragen mehr, die der Redaktion gefielen, den Lesern aber keinen Spaß machten. Das Olympia der Witz-Bolte ist auch bald Geschichte, mit vielen Medaillen für China, was dem Chinesen als solchem gefiel. Dazu darf ein deutscher Funktionär Unsinn erzählen und von der "Macht der Realität" schwafeln: Ab Montag nimmt China die Praxis der Hinrichtungen wieder auf.
*** Doch das hier ist ein Wochenrückblick, darum frischauf, etwas Capsaicin auf die Tastatur des treuen Thinkpads gesprüht, damit der alte Journalistengaul auf Tempo kommt. Koks in die Nase, Wein in die Venen und darauf einen Korn. Jedem seine lütje Lage, und sei sie noch so bequem. Unsinn gibt es genug zu berichten, Woche für Woche. Lassen wir also die Macht der Realität sprechen. Natürlich muss dabei vorab erklärt werden, welche Realität eigentlich gemeint ist. Aus der Perspektive eines Bewohners der norddeutschen Tiefebene besteht kein Zweifel daran, dass die erschütternden Ereignisse um Swantje Hartmann in der Stadt von Sarah Connor die Woche prägten, komplett mit dem Rauswurf kritischer Journalisten. Lebt man jedoch nicht zwischen Schweinemastbetrieb und bevormundender tiergerechter Kleingruppenhaltung, so mag es völlig unerheblich sein, wie sich die stolze deutsche Sozialdemokratie selbst demontiert.
*** Weiten wir den Horizont, so landen wir bei einem gesprächsbedürftigen Datenklauskandal, komplett mit einer SPD-Politikerin, die sich nicht zu schade dafür ist, das Verhalten der Bürger als Ursache für die aktuellen Probleme mit dem Datenhandel zu bezeichnen. Der Schwarze Peter sind wir, meint die rote Brigitte. Diese Interpretation einer Bundesjustizministerin, die ohne rot zu werden dem Datenstriptease mit dem ELENA-Verfahren zustimmen kann, ist das gelebte Vermächtnis einer Partei, die mit den Berufsverboten vor 40 Jahren auf die schiefe Bahn kam, alles dem Bürger anzulasten. Besonders pikant dabei, dass Frau Zypries ausgerechnet das "virtuelle Wählergedächtnis" Abgeordnetenwatch als Beispiel anführt, auf dem sie "ganze Lebensläufe einschließlich Verdienstdaten" erhalten hat. Die bitteren Klagen von Hartz-IV-Empfängern scheinen ihr offenbar lästig gewesen zu sein. Was für ein seltsamer Seitenhieb auf ein Web-Angebot, das Politik transparent machen kann, wie die aktuellen Antworten von Widmann-Mauz und Hubert Hüppe auf einen gehässigen Artikel des Blattes mit sieben Buchstaben zeigt.
*** Die Tränen, die im aktuellen Datenschutzskandal vergossen werden, sollten auch mal zur Dopingkontrolle. Der Verdacht auf krokodilhaltige Substanzen drängt sich besonders bei Politikern auf, die sich für die Installation von dubiosen Callcentern in strukturschwachen Gebieten feiern ließen. Bei mitheulenden Journalisten ist der Verdacht sowieso da, wenn sie über "das als Ajax bekannte Konzept" schreiben, das Computer zu gläsernen Maschinen macht. Das besondere an der aktuellen Debatte ist diesmal die Bereitwilligkeit, mit der ausgewiesene Datenschützer bei der Produktion von Unsinn mitmachen. Man denke nur an das Blaue Wunder in der Medizin: gemeint sind nicht die Viagra-Pillchen für die Standleitung, sondern die Firma Healthways im Blauen Wunder von Hennigsdorf. Im Auftrag der DAK kontaktiert sie Kranke mit Diabetes, Herzinsuffizienz und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung per Telefon, um sie an anstehende Termine im Rahmen einer DMP-Behandlung zu erinnern. Dieses Verfahren der Krankenbetreuung stammt aus Schweden und hat mittlerweile in den USA Karriere gemacht. Die Daten der Healthways-Kunden sind in einer Software namens EMBRACE gespeichert, die von Datenschützern geprüft wurde. Wie schön, wenn das in der allgemeinen Datenpanik vom illegalen Handel mit Kundendaten angesprochen werden kann und Trittbrettfahrer wie das Bündnis "Stoppt die e-Card" aufspringen können, wenn von einem Schwarzmarkt die Rede ist. Verblöden kann man auch mit Datenschützern, das ist das blaue Wunder.
*** Natürlich kann man sagen, dass die Aufregung um den Datenhandel auch ihre guten Seiten hat. Im trüben Wasser, das so aufgewirbelt wird, werden auch mal die Kackbratzen nach oben gespült. So kann sich die zweifelhafte Personensuchmaschine Yasni an den Trend hängen und mit einer Pressemeldung sich scheinheilig über die Bundesagentur für Arbeit aufregen, die angeblich Yasni nutzt. Über 20.000 Abfragen sollen von den Arbeitsagenturen kommen, so die "Meldung" zum Datenskandal. Ja, wir sind in Deutschland, da ist es gnadenlos gerecht, wie sich das Web 2.0 in Gestalt dieser Personendenunziationsmaschine aufspielt. Wie wäre es eigentlich mit einem ordentlichen Mashup von Rotten Neighbours und einer Krankheitssuchmaschine?
*** "Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 40 Jahre brachten nicht nur, wie anfangs geglaubt, einfach mehr Freiheit im gesellschaftlichen und geschlechtlichen Umgang, sondern ersetzten auch alte ungeschriebene Regeln durch neue." Diese Steilvorlage von der syndikalisierten Website Telepolis zur Seinfeld-Werbung für Microsoft verdient Beachtung. Es klingt schwer nach der Macht der Realität: Freiheit im gesellschaftlichen und geschlechtlichen Umgang bei aller Installation von neuen ungeschriebenen Regeln, das hat was. Darunter fällt Unsinn wie das fragwürdige Gebot der journalistischen Objektivität, aber auch die Pflicht zum Anstehen vor fragwürdigen Läden unter dem Schutze des polnisch-amerikanischen Raketenschildes.
*** Aber was glaubte man denn vor 40 Jahren, damals, als das sozialistische Experiment mit dem Einmarsch der "Bündnistruppen" in die Tschechoslowakei beendet wurde? "Im Winter werden wir alles erfahren", endete das Manifest der 2000 Worte. Nun ja, der Winter ist vorbei und vom Sozialismus ist die hessische Wundertüte Yps zurückgeblieben sowie eine Regierung zu Berlin, die den ärmsten Menschen empfiehlt, einfach dickere Pullover zu tragen, im Winter. Als aktueller Arbeitstitel hat der Sozialismus ausgedient, ist bei uns durch die Sozialisierung der Verluste ersetzt worden.
*** "In diesem Frühling ist von neuem wie nach dem Krieg eine große Chance zu uns zurückgekehrt. Von neuem haben wir die Möglichkeit, unsere gemeinsame Sache in die Hände zu nehmen, die den Arbeitstitel Sozialismus trägt, und ihr eine Gestalt zu verleihen, die unserem einst guten Ruf und der verhältnismäßig guten Meinung entspräche, die wir ursprünglich von uns hatten. Dieser Frühling ist soeben zu Ende gegangen und wird nie wiederkehren. Im Winter werden wir alles erfahren."
Was wird.
Doch warum 40 Jahre zurückschauen? Schauen wir lieber 40 Jahre nach vorne auf die neuen Freiheiten im gesellschaftlichen und geschlechtlichem Umgang, die da kommen, wenn Menschen Computer vögeln und es frei nach Intel heißen wird: "Singularity inside". Rückblicke sind sooo 2007, Ausblicke sind gefragt. Freuen wir uns auf eine IFA in Berlin, auf der intelligente Waschmaschinen und waghalsige Gefrierkombinationen gezeigt werden, sowie Geräte für Bodenreinigung und Wellness. Vor 40 Jahren waren das noch Staubsauger und Clementine.
Während diese kleine Wochenschau in der norddeutschen Tiefebene entsteht, haben bereits 800 Menschen in den Hügeln um St. Augustin die FROSCON besucht und die Keynote von Andrew Tanenbaum über Minix 3 gehört, diesem 5000-Zeilen-System aus dem freien Amsterdam. Wenn die Wochenschau online geht, kann man noch Rasmus Lerdorf und seine "Personal Home Page Tools" (PHP) anhören, doch bitte nicht ohne Warnung vor den drohenden Gefahren beim Einsatz von FROS-Software. Denn da draußen kämpft Harald Welte gegen Goliath Kommerz, wie die Financial Times Deutschland berichtet. Ganz furchtbar geht es dabei zu, wenn Unternehmen vor der "Vernichtung ihrer Bilanzwerte zittern", weil Harry "Potterfrisur" Welte eine "beispiellose Abmahnwelle losgetreten hat, die Lords Wollnwermal zu verklagen, die Open Source Software integrieren, woraufhin sich Software nicht mehr kommerziell vertreiben lässt.
Weh, Weh, Weh, Wehe, wer den Namen des Unaussprechlichen ausspricht, denn niemand kann Harald "besänftigen", den rasenden Unhold, nur die Festanstellung des Wütenden beim Chiphersteller VIA rettet uns noch vor dem Har-Magedon, wenn Frösche aus dem Mund des Drachens springen und die letzte Schlacht beginnt. Ich sagte es schon: Journalismus muss nicht objektiv sein, dann macht er Spaß. Gegen die Macht der Realität gibt es ein Pflaster unter dem Strand. Oder so. Irgendwas muss man doch schmeißen können. (Hal Faber) / (vbr)