Was war. Was wird.
Rosarote Brillen, ach ja, einen ganzen Sack voll davon braucht nicht nur der geneigte Google-Nutzer, befürchtet Hal Faber, der immer noch nicht langsam tanzen kann. Es ist eben doch ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Ich habe, das Alter bringt es mit sich, zwei Brillen. Eine ist für die Arbeit am PC und das Lesen der c't, die andere für den Blick in die weite Welt. So kommt es, dass der Blick am Rechner die Restwelt nur verschwommen wahrnimmt. Das bedeutet aber nicht, dass die Welt aus dem Blick gerät. Philosophisch hat es das Geburtstagskind Google so formuliert: "Dies bedeutet nicht, dass wir unser Kernziel geändert haben; wir sind nur der Meinung, je weiter wir uns darauf zu bewegen, desto schärfer werden die verschwommenen Objekte am Horizont (die allerdings wieder durch weitere verschwommene Objekte ersetzt werden)." Die Firma, die längst Böses im Schilde führt, schreibt im Satz davor: "Außerdem sind Produkte, die damals als unmöglich galten, jetzt Schlüsselelemente unseres Angebots." Ein neuer Browser etwa, komplett mit einer netten lebenslänglichen Steuerungsnummer gehört dazu, auch eine Variante, von verschwommenen Objekten zu reden. Passend zum Browserstart in dieser Woche hat Google einen Comic und ein Video veröffentlicht: Wäre ein Neuanfang nicht großartig, wenn man wirklich neu anfangen will? All diese verschwommenen Objekte und die Subjekte hinter den Browsern da draußen, wie kriegt man sie blos unter Kontrolle? Per Chrome-EULA natürlich, die erste, nach Protesten leicht geänderte Fassung sprach es deutlich aus: "By submitting, posting or displaying the content you give Google a perpetual, irrevocable, worldwide, royalty-free, and non-exclusive license to reproduce, adapt, modify, translate, publish, publicly perform, publicly display, and distribute any Content which you submit, post, or display on or through, the Services." Ein oder zwei rosige Brillen sollte jeder Google-Nutzer – ob nun von Chrome, den Docs oder ganz einfach nur der Suchmaschine – im Tornister haben.
*** Microsoft hat sich nicht lumpen lassen und kontert auf Googles Kampfansage nicht nur mit einem Video, sondern kündigt zugleich eine der größten Windows-Webekampagne aller Zeiten an. Die 300 Millionen Dollar teure Kampagne soll zeigen, dass ein Neuanfang völlig überflüssig ist, weil Windows seit 25 Jahren die Trends setzt. Die deutsche Pressemeldung von Microsoft schwärmt über den ersten, von Michel Gondry gedrehten Werbespot: "Dieser zeigt einen Dialog zwischen Bill Gates und dem amerikanischen Comedian Jerry Seinfeld, der mit dem Thema Windows humoristisch spielt." In den USA ist man anderer Ansicht, was den Inhalt anbelangt: "Some may wonder what Jerry Seinfeld helping Bill Gates pick out a new pair of shoes has to do with software. The answer, in the classic Seinfeld sense of the word, is nothing." Wie das seinfeldsche Nichts in 28 Ländern lokalisiert und dabei wirklich verstanden wird, wie mit dem Thema Windows "humoristisch gespielt" wird, dürfte noch für einige Spässeken gut sein. Gute Schuhe für einen Marsch des Conquistador Gates durch die Mojave-Wüste werden wohl noch folgen. Und einen Kuchen-Computer, den man beim Tippen aufessen kann, hätte jeder gerne.
*** Der Datenschutzgipfel ist vorbei, die Datenschützer sind zufrieden und wähnen sich in sonnigen Zeiten. Nur vereinzelt sind Klagen über die falschen Fürsprecher zu hören. Bis der angestrebte Datenschutz als Gesetzesvorlage den parlamentarischen Hürdenlauf antritt, kann noch viel passieren, etwa mitten im Gedrängel beim BKA-Gesetz. 50 Deutsche, die in Terrorcamps ausgebildet werden, sind bald im Anmarsch, da muss das Bundeskriminalamt doch rechtzeitig auf ihre Festplatten kommen können. Denn diese Sache mit der Verschlüsselung ist brandgefährlich, weil es keine zeitlich akzeptablen Ansätze gibt, sie rückgängig zu machen.
*** Wie war das noch mit der "kryptierten Kommunikation", die laut BKA-Chef Ziercke die Ermittlungen gegen die islamistischen Peroxid-Bomber so schwierig machten? In dieser Woche hat die Süddeutsche Zeitung die Gespräche der drei Sauerland-Terroristen unter dem Titel Die Banalität des Hasses veröffentlicht. Demnach gab es offenbar keine Probleme beim Abhören, weil die Anklage sich fast ausschließlich auf die Abhörprotokolle stützt. Aber was hörte man? "Der Schäuble hasst uns. Und ich hasse ihn." "Der Rollstuhl-Eierkopf, der." Die berüchtigte Selbstradikalisierung junger Menschen, die immer wieder als große Gefahr an die Wand gemalt wird, braucht nicht nur Prediger, sondern auch Vor-Hasser.
*** Was ist schief gelaufen im Leben dieser drei jungen Menschen? Vielleicht haben sie nicht ausreichend genug Computerspiele gespielt, die in der tageszeitung als Selbstfindungsprogramm in den siebten Himmel bzw. auf Level 70 von World of Warcraft hochgelobt werden, ganz gegen das tumbe Treiben auf Egotrips in Terrorcamps oder das Eintreten von Freiwilligen in Weltwärts-Programmen. Dass die neokonservative Zeitung mit der verkümmerten Pantherpfote das Engagement von Jugendlichen als "gestyltes Leben" abkanzelt, zeigt die ganze Verknöcherung zum anstehenden Geburtstag. 30 Jahre nach Tunix ist Verstehnix angesagt.
*** Überhaupt sind schöne Meldungen über Computerspiele in diesen Tagen gerngelesen. 8 Jahre hat Will Wright für sein Spore gebraucht, das in der Spielerszene als "Planet der Pimmel" einen lustigen Ruf hat. Man hört und staunt, wenn davon die Rede ist, dass erstmals Entropie erlebbar gemacht wurde und der Moment der mordgetränkten Selbsterkenntniss eine Parodie ist: "Die Lebensform springt herum wie Kubricks Affe und wirft einen Knochen in die Luft – da passt es ganz gut, dass man am Ende des Spiels auch den Weltraum erobert." Mehr als 3 Millionen Lebensformen sollen in die Datenbank von Spore hochgeladen worden sein, damit das Gott-Spielen losgehen kann. Möge eine gesunde Obfuscatocracy entstehen. Bitte, ich musste dieses schone neue Wort einfach bringen. Möge es wie die Meritokratie in unserer Sprache heimisch werden.
*** Ein WWWW so ganz ohne alte Schrammelmusik wurde in den letzten Wochen als unvollständige Wochenschau kritisiert. Das geht natürlich nicht, erst recht nicht am Geburtstag von Buddy Holly, da muss man einfach den amerikanischen Kuchen rausholen und den Tag betrauern, als die Musik starb. Und irgendwann lern ich dann auch mal langsam tanzen. Wie aber könnte man es besser feiern als mit der Musik vom zweiten Geburtstagkind Sonny Rollins. Wer holt da nicht die Tröte raus und versucht sich an Doxy?
Was wird.
Der Sommer ist vorbei, die Konferenzen türmen sich und auch der Wahlkampf kann beginnen. Angela Merkel will mit der FDP weitermachen und die SPD bleibt schwerhörig wie bisher. Erfolge müssen her und Fortschritte auf ganzer Linie verkündet werden. Als Leuchtturmprojekt wird die elektronische Gesundheitskarte in Kiel gefeiert, während hinter den Kulissen das SPD-geführte Gesundheitsministerium die Projektgesellschaft Gematik zusammenstaucht, den Wahltermin im November optimal zu bedienen: "Bitte leiten Sie die erforderlichen Maßnahmen so ein, dass zum 3. Quartal 2009 Industriekonnektoren mir dem für die Prüfung und Aktualisierung der Versichertenstammdaten sowie für die Mehrwertkommunikation zwischen den Leistungserbringern erforderlichen Funktionsumfang verfügbar sind." In aller Eile wird ein Leuchtturm zu einem potemkischen Dorf umgerüstet, ein lustiges Schauspiel, wenn es nicht so teuer wäre und bei Krankheit schnell der Spaß aufhört.
Den bösen Schauspielern auf die Schliche kommen wollen die Fachleute, die sich in Karlsruhe auf der Future Security treffen und dort über neue Formen der Videoüberwachung diskutieren. Auch Terahertz-Scanner für die ehrliche Haut stehen auf der Tagesordnung, es gibt ja so viel zu entdecken, wenn 50 deutsche Terroristen aus Terrorcamps zurückströmen. Das scheinen auch die Veranstalter eines Biometrie-Workshops zu denken, die die Grenzen nach den Schengen-Erfahrungen noch ein bisschen sicherer machen wollen. Next Generation Border Passing, das klingt wie ein lustiges Sportspiel, auch eVoting könnte man mit Rafting verwechseln. Dabei ist nur die lückenlose Zusammenarbeit des kommenden elektronischen Reisepasses mit diesen netten Wahlmaschinen gemeint, die für immer neue Überraschungen gut sind. Leider kann die treffliche Kombination von ePerso und eVote am 27. September 2009 noch nicht antreten und den Wähler verwirren. Diese Aufgabe wird bis auf weiteres von den Politikern übernommen. (Hal Faber) / (jk)