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Was war. Was wird.

Berufs-Störer, ja das ist doch mal eine Stellenausschreibung. Traurig, dass die Stelle überhaupt vakant geworden ist, meint Hal Faber. Und dass sich nicht sowieso alle dazu berufen fühlen. Oder ist das schon zuviel der Shandy-Abweichung?

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Uh, oh, diese Empfindelei aber auch. Eigentlich müsste diese Seite schwarz auf schwarz sein wie damals, bei Yoricks Tod, mit einer pechschwarzen Zugabe für den letzten lebenden Kabarettisten der Bonner Republik. Aber hey, weil Bildung von Bildschirm kommt und nicht von Buch – sonst müsste sie ja Buchung heißen – bleicht diese Wochenschau lesbar. Was hätte das oberste deutsche Kontrollorgan in dieser unserer modernen Wach- und Schließgesellschaft seinen Spass am Bayern Ramsauer, der die Zahlen für seine PKW-Maut aus einem Gutachten kopierpastetisiert, dass der E-Vignetten-Hersteller AGES in Auftrag gab. Verscheibengekleistert starren wir auf die 800 Millionen Euro, die Ausländern abgepresst werden sollen, halt, halt, das muss europarechtskonformer Nicht-Inländer heißen. Und wenn Mutti geht, ist es egal, Hauptsache die Maut bleibt da. Er wusste es halt besser: "Ein Wortbruch heilt rasch."

*** Auch darüber hätte der "Berufs-Störer" (Claudia Roth über Hildebrandt) einen Witz parat. Mit der Umbenennung des Hockenheimrings in den Horkheimerring, komplett mit Adornogasse, Hegel-Gerade und Kant-Kehre kündigt sich in Hessen eine schwarzgrüne Regierung an. Die Achse der Blonden steht. Politik ist halt der Spielraum, den die Wirtschaft ihr läßt. Und der wird bekanntlich mit jedem Tag kleiner, man will ja die Reichen ernst nehmen. Eifrig arbeitet man an einer Neudefinition der Nacht als flexible Tagesrandzone mit schwingenden Flugzeitfenstern, ad argumentum fistolatorium. Zudem kommt die Startbahn Nord, leicht versetzt, als Wohlgefühlflughafen. Ja, da kann nur noch wie Onkel Toby laut das Lillabullero pfeifen, denn da gibt es nichts zu Argumentieren. "Zurückdenkend an all die Jahre, in denen Politiker uns ihrer Sympathie versichert haben, fühle ich mich abgeliebt, übertölpelt, reingelegt." Wer hat denn da die Pfeife rausgeholt?

*** Ach, all diese Empfindelei – der große heurige Modetummelplatz, auf welchem müßige Zungen und müßige Federn seit einiger Zeit ihr Wesen treiben! Auch ich kann mich nicht entbrechen, auf ein Viertelstündchen mich darauf einzufinden, ohngeachtet weder meine Zunge, noch meine Feder über Langeweile zu klagen haben. Es liegen mir nämlich ein paar Fragen auf dem Herzen, welche bei dem vielen heutigen Gerede und Geschreibe über dieses Thema doch immer noch so gut, als unbeantwortet sind. Da wäre zunächst einmal die Frage, warum der ranghöchste Befehlstaktgeber für Informationssicherheit in Deutschland angesichts einer massiven Bedrohung mahnt: "Wir raten bei Mobilkommunikation inzwischen grundsätzlich zur Ende-zu-Ende Verschlüsselung" – nur um im weiteren Verlauf des seltsamen Gespräches die De-Mail zu loben. Auch ist das viele Gerede und Geschreibe über das bestens überwachbare deutsche Internet nicht vollständig ohne das argumentum ad verecundiam und der Forderung nach einer stärkeren Cyberpolizei, die uns schützt vor den Zumutungen, die ein "sexuell verwirrter Obergefreiter" verbreitete. Da können wir uns alle nur auf das Feinste entbrechen ob der Freude, die Michael Frehse verspürt, Leiter der Stabsstelle zur Neuausrichtung der Sicherheitsbehörden, der die Abhörmöglichkeiten aller Dienste als Mini-NSA bündeln soll.

*** Ja, es geht!, freuen sich die Fachleute, die gleich ein neues Wirtschaftswunder als argumentum a fortiori präsentieren und von gigantischen Belohnungen träumen: "Ein neues Silicon Valley. Und Deutschland wäre prädestiniert dazu. Viele der Hochsicherheitstechnologien sind deutsche Entwicklungen. Man traut uns im Ausland mehr zu als den Großmächten, unsere neuen Produkte wären weit besser exportfähig. Und die nächste große Welle der IT wird in Maschinen stattfinden, in Produktionsanlagen, Transport und Großtechnologien, in klassischen Hoheitsgebieten des 'German Engineering'." Oh heiliger Zeiss, am Ende wird gar ein argumentum baculinum draus. Denn alle Kryptografie ist dazu da, gebrochen zu werden.

*** "Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner Unterwerfung. Die Sichtbargemachten helfen mit, beim Sichtbarsein immer sichtbar zu sein." Was Foucault in "Überwachen und Strafen" schilderte, ist die Zustimmung der Massen zum Betriebssystem. Der Angst der NSA, zu wenig zu wissen und daher alles auf Vorrat mitzuspeichern, entsprechen die Produkte, die auf den Markt kommen, mit eingebauter Überwachung, vom Fernseher von LG bis zur XBox One von Microsoft. Millionen kaufen die Geräte. Mach's gut, du Arsch werden vielleicht nur diejenigen rufen, die auf den "Datenbodyguard Peter Schaar" hören. Andere werden auf den "Vater des Internet" hören, für den die Privatsphäre eine historische Anomalie ist. Haben wir nicht in der Urhorde zussammen gehockt, gelacht und geschissen? Da braucht es nur ein paar Spielregeln unter Brüder und Schwestern, keine Gesetze, so das argumentum tripodium und das argumentum ad ŕem.

Was wird.

Es gibt Menschen wie Googles Eric Schmidt, die da glauben, dass all die schöne Technik dazu führen wird, dass wir uns in zehn Jahren frei von jeglicher Zensur informieren können. Hach, das wäre von heute an gerechnet in 10 Tagen möglich, aber nein. Der beste Kampf gegen die Zensur ist für Schmidt der Kauf immer neuer Geräte mit den neuesten Features von Google oder Amazon, von der Brille bis zu des Deutschen liebstes Kindes, um den Preis, dass wir alle gläserne Menschen sind. Gläserne Menschen?

"Wenn des Menschen Brust mit einem Glase versehen wäre, so würde die närrische Folge davon sein: erstens, dass selbst der Weiseste und Ehrbarste unter uns jeden Tag seines Lebens in dieser oder jener Münzsorte Fenstersteuer bezahlen müsste. Und zweitens, dass sobald besagtes Glas einmal eingesetzt wäre, man weiter nichts nötig hätte, um den Charakter eines Mannes genau kennen zu lernen, als einen Stuhl zu nehmen und wie in einen gläsernen Bienenkorb hineinzusehen; da könnte man die Seele splitternackt erblicken, alle ihre Bewegungen und Anschläge beobachten, alle ihre Grillen vom ersten Anfang bis zum vollendeten Wachstum verfolgen, sie in Ihren Sätzen, Luftsprüngen und Kapriolen belauschen, und nachdem man einige weitere Notiz von der solchen Luftsprüngen nachfolgenden würdigeren Haltung genommen hätte, würde man nach Tinte und Feder greifen, um Alles, was man gesehen hätte und demzufolge beschwören könnte, niederzuschreiben." An dieser Stelle des Tristram Shandy unterbrechen wir, denn der heute vor 300 Jahren geborene Autor Laurence Sterne schweift wieder einmal ab und spekuliert über Lebensmöglichkeiten auf dem Merkur. Die kleine Wochenschau ist dem Mann gewidmet, dem wir das schöne argumentum ad crumenam verdanken, das seit Erscheinen von Windows ein schlagendes Argument in der IT ist. Und was wäre die Wikipedia ohne ihr großes, unerreichbares Vorbild der Tristrapaedia? Jeder, der heute schreibend schwurbelt, hat vom Begründer der modernen Texterei gelernt, und sei es nur in seiner Kurzfassung. Mit Tristram Shandy hat schon Karl Marx gegen die Idiotie einer Zensur argumentiert, die von den Autoren ihrer Zeit Ernsthaftigkeit und bescheidene Untersuchung der Wahrheit verlangte. Es geht voran? Ach, das war vor Jahren... (jk)