Wearables überwachen Arbeitsplätze

Meine Smartwatch petzt beim Abteilungsleiter, wenn ich zu lange an der Kaffeemaschine stehe. Paranoia? Glaubt man der Financial Times, ist das in der Tat das nächste, große Ding in Unternehmen.

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Meine Smartwatch petzt beim Abteilungsleiter, wenn ich zu lange an der Kaffeemaschine stehe. Paranoia? Glaubt man der Financial Times, ist das in der Tat das nächste, große Ding in Unternehmen.

Die Quantified-Self-Bewegung hat den Boden geebnet. Wenn Menschen sich mit Hilfe von Schrittzählern, Pulsmessern, Blutdruck-, Blutzucker und Schlafsensoren permanent selbst überwachen, weil sie glauben damit ein besseres, gesünderes und produktiveres Leben zu führen, ist Big Business nicht weit. Denn dann kann man den Menschen auch weismachen, dass sie mit denselben Methoden produktiver arbeiten können, mehr Geld verdienen und schneller Karriere machen. Oder auch nicht. Aber wo es Gewinner gibt, muss es ja auch Verlierer geben, gell?

Die Financial Times hat vor kurzem in einem Bericht einige schöne Beispiele für diesen Trend des „Quantified Workplace“ aufgelistet: Bereits 2009 hat Hitachi das Hitachi Business Microscope entwickelt, um die Performance von Verkaufs- und Büropersonal zu messen. Gut im Geschäft scheint auch Sociometric Solutions, zu sein, ein Unternehmen, das von MIT-Professor Alex Pentland gegründet wurde, der das ganze Forschungsfeld des „Reality Mining“ ja erst richtig ins Rollen gebracht hat.

Sein Unternehmen hat ein „Sociometric Badge“ entwickelt. Sieht aus, wie ein ganz normaler Mitarbeiterausweis und wird an einem Band um den Hals getragen. Die „social sensing platform“ zeichnet „direkte Interaktionen“ - also Gespräche - auf, wertet Sprache und Körpersprache, Positionen und Laufwege aus und kombiniert diese Daten mit eine Analyse elektronischer Kommunikationsdaten. Die Aufbereitung der Daten soll dann individuelle und organisatorische Hindernisse aufdecken und die Performance des Individuums und der Gruppe drastisch steigern.

Der Autor und Technik-Kritiker Nicholas Carr findet das zwar gruselig, mahnt aber lediglich zu kritischen Diskussionen.Für die FT dagegen ist der Zug - zumindest für Amerika - weitgehend abgefahren.

Umso überraschender - und intelligenter - fand ich einen Artikel bei fastcompany zu diesem Thema. Die Kollegen gehen davon aus, dass Wissensarbeit nur sehr schwer zu messen ist. Und dass ein Unternehmen, in dem die Angst vor Kontrolle und Bespitzelung regiert, wohl kaum auf optimal kreative und innovative Mitarbeiter hoffen kann. Mal ganz abgesehen davon, dass der Erkenntnisgewinn durch das Tracking oft sehr viel geringer ist, als der Aufwand. Netzpolitik.org kommentiert die ganze Diskussion trocken und treffend: Die “Bank of America” hat (…) herausgefunden, dass man Angestellten erlauben sollte, gemeinsam Pausen zu machen, weil das die Produktivität erhöht. Wie merkbefreit ein Management sein muss, dass für diese Erkenntnis die Dienstleistung eines Tracking-Anbieters benötigt, ist dann nochmal eine andere Frage…

Ich fürchte allerdings, der blinde Glaube an Effizienz, Kontrolle und die Macht der Technik ist in den Vorstandsetagen der Global Player so weit verbreitet, dass man solche zynischen Witze noch sehr oft machen muss, bevor sich da was ändert.

(wst)