4W

Was war. Was wird.

Das kann man doch höher hängen. So hoch das keiner mehr drankommt, schlägt Hal Faber vor. Militärregimes und T- sowie andere Managerabsonderlichkeiten gehen doch die Öffentlichkeit nix an - und schon gar nicht den gemeinen Journalisten.

vorlesen Druckansicht 51 Kommentare lesen
Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Der geneigte Leser wird nie und nimmer erfahren, was für ein ausgemachter Esel er ist," schrieb Mark Twain heute vor 141 Jahren, als er sich auf der "Quaker City" nach Europa einschiffte, "bis er nach Übersee geht." Der bekannteste Kritiker der schwer toten deutschen Sprache empfahl in 50 Briefen vom Schiff seinen Lesern den Perspektivwechsel. Diese kleine Wochenschau mit serviceorientierter Architektur macht es heute den wenigen ausgemachten Lesern einfacher und wechselt darum selbst die Perspektive. Denn aus dem Blickwinkel der Schäubles, der Obermänner und der christlichen Köche ist diese unsere Welt total schwer in Ordnung, keine Frage.

*** Den zünftigen Anstoß zur Fußball-EM macht der Medizinethiker Edgar Dahl mit einem großen Hurra auf den Sozialstaat, das beschreibt, wie toll das arbeitslose Leben zur besten EM-Zeit im Café doch sein kann. Dass die schöne Erzählung von den echten Sonnenseiten des Lebens verschweigt, dass der angehende Reproduktionsethiker mitnichten Hartz-Genießer, sondern Empfänger von Arbeitslosengeld I ist, ist offenbar ein kleines Versehen des großen Verlages an der Rudi-Dutschke-Straße. 30 Jahre nach dem Tunix-Kongress beschreibt der Jungakademiker die Tu-Nichts-Realität: "Was soll ich mir den Allerwertesten aufreißen, wenn mir Vater Staat doch ein soziales Netz anbietet, das sich durchaus als Hängematte eignet?" Nein, nein, dieser Text ist keine Satire, auch wenn Herr Dahl ("ich bin kein Mark Twain") das meint, sondern durchaus ein hübscher Einblick in die Lotterei der Leistungselite. Ein bisschen entspannen, Glotze gucken und Hayek lesen, das muss der Staat schon alimentieren können, sonst greifen Unzufriedene glatt zum Keynes und dem Gedanken der Arbeitszeitverkürzung für alle.

*** Was bitte kann ein Landesvater wie Roland Koch dafür, wenn ein wichtiger Satz in einem Gesetzestext "bei der Übertragung elektronisch verschwunden" ist? Ist Roland Koch etwa für diese dusseligen Computer der Roten und Grünen verantwortlich? Hat Hessen nicht etwa die beste PKI aller Bundesländer, feierte Hessen nicht die "innere Schönheit" von ZeM (Zentrale e-Mail), propagierte Hessen nicht fortlaufend den modernen Verwaltungsarbeitsplatz (MVA), auch als HessenPC bekannt? Gut, die EDV-Leute von Roland Koch wussten vor der Abstimmung zu den Studiengebühren, dass da offenbar etwas "elektronisch verschwunden" war und informierten ihren Jefe entsprechend. Der nahm das als gütiger Landesvater hin, fehlte ihm doch das Brustzeug, um "Kindermädchen der Mehrheitsfraktionen" sein zu können. Kindermädchen erzählen ihren Anvertrauten ja gern das Märchen von dem bösen, bösen Internet, in dem bei der Übertragung Sätze verloren gehen und mitsamt der Mailkreide vom bösen Wolf gefressen werden. So ein richtiges Ammenmärchen ist auch die Geschichte, nach der es keinen Schutz für verschwindende Sätze in der Mail gibt, weil hashen verboten ist.

*** Bis auf die Tatsache, dass er mit Maybrit Illner und nicht mit Johannes Baptist Kerner liiert ist, hat René Obermann nichts falsch gemacht. Eine mustergültige Krisenkommunikation mit einer Serie von Faxen, die auf die Erklärbärseite verwiesen, eine rückhaltlose Offenlegung in der Talkshow von Maybrit zeigten, wie gut Magenta-Manager wirklich sind. Man sollte nicht verkennen, dass Aufsichtsräte verpflichtet sind, Informationslecks aufzuspüren und zu stopfen. Und das ist gut so. Ob Deutsche Bahn, ob Deutsche Telekom, ob Deutsche Lufthansa oder die Deutsche Bundeswehr, sie alle taten, was nun einmal in einer Shareholder-Gesellschaft getan werden muss. Dass davon Informationslecker betroffen wurden, liegt in der Natur der Sache, ähem, des Krieges. Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut, das täglich ruhig etwas höher gehängt werden kann. Wenn diese Journalisten nicht mehr telefonieren, Bahn fahren und DB-Lounges oder in Lufthansa Business Lounges schuftenden Managern das Knabberzeugs wegessen, bekommen wir ganz nebenbei eine bessere Presse mit spannenden Geschichten, die Texte mit Rauchzeichen übermittelt: Jede zweite Frau fickt. Typisch ist in dieser Sache mal wieder, dass lustfeindliche Hacker vom CCC Konsequenzen fordern, die die freie Marktwirtschaft bedrohen. Wer die "Kontrolle und Regulierung von privaten Schnüffelfirmen" will, macht eine der letzte Wachstumsbranchen kaputt.

*** Gute und spannende Geschichten, die niemanden ein Mehdorn im Auge sind, beschäftigen sich eben nicht damit, wie ein Spitzen-Manager zur T-Stunde mit dem Innenminister plaudern, dessen Gesetz zur Errichtung einer deutschen Superpolizei mit Befugnissen zur Online-Durchsuchung gerade die ersten Hürden nimmt – und prompt ordentlich erweitert werden soll. Man lese nur die rührende Geschichte, die die Journalistin Alice Schwarzer über Burma geschrieben hat, von goldhäutigen Menschen und blutrünstigen englischen Kolonialherren, die auf der Lauer liegen. Wie romantisch muss dieses Land sein, wenn man von den "wutentbrannten, teils maßlosen Repliken insbesondere im Internet" liest, allerdings nicht in der Internet-Version des Artikels, in der alle Bezüge zum Internet gelöscht sind. Wie schön verbindet sich doch Selbstzensur mit feingeistigen Beobachtungen ohne den pickelhäutigen Pöbel im Netz. Da lob ich mir doch den Christof Wackernagel, der nicht immer auf das große "Ex" in seinem Leben reduziert werden will und in seinem allerliebsten und völlig grenzenlosen Überschwang die Kulturzeitmoderatorin so an die Wand redet, dass sie nicht mal mehr sein Loblied des Idealismus, das auch seine ehemaligen Gegner teilen würden, hinterfragt. Lieber Christof, Idealismus, der nicht von Vernunft und Rationalität hinterfragt wird, endet in Sektierertum und Fundamentalismus – und man gerät in Gefahr, irgendwann auch noch von Militärregimen zu faseln, die zu akzeptierbaren, da kleineren Übeln werden. Aber das weißt Du ja eigentlich selbst.

*** Nun haben uns die USA nicht nur die famosen Verbesserungen bei der Einreise beschert, die dazu führen, dass ich mich mit meinem Journalisten-Visum online vor der Einreise anmelden kann, ohne den üblichen Papierkrams, aber mit einem langen Kommentarfeld für die Beschreibung, worüber ich schöne Artikel schreiben will. Erwähnenswert ist auch die transatlantische Debatte über Onkel Toms Hütte, auch als Weißes Haus bekannt. Da ist er wieder, der Pöbel, der sich an der Hütte stört, wahlweise an dem arabischen Neger, der als solcher den Weißen völlig überlegen ist, wie man im Gerhard Polt-Modus zu sagen pflegt. Genau vor 23 Ausgaben hat diese Wochenschau Bo Diddley zum Geburtstag gratuliert und die kraftvolle Negermusik mit der eckigen Gitarre gewürdigt. Nun ist der alte Hahn tot, der "Who do you love" krähte. Und der jede zweite Frau mit "I'm a Man" begeisterte:

All you pretty women,
Stand in line,
I can make love to you baby,
In an hour's time.

Doch der Tod hat keine Chance, wo gute Musik spielt. So dürfen wir uns über gute Nachrichten von Wolfgang's Vault freuen, wo man einen Deal mit Universal abgeschlossen hat. 488 Live-Konzerte für alle, die "No Angels" rufen und das wortwörtlich meinen.

Was wird.

Wenn diese kleine Wochenschau im Internet auftaucht, liegt Europa im Fußballfieber. Das ist eine Reizkrankheit, die bei unseren Nachbarn in Österreich ballergene Gefühle auslöst. Angesichts der dümmlichen Reklame eines Niedrigpreis-Vermarkters, 100 Euro pro Tor der deutschen Mannschaft im Endspiel zu erstatten, wünsche ich mir für "unsere Jungs" ein Ergebnis wie die rekordverdächtigen 54:1 in der Kölner Kreisliga. Da hatte der Unparteiische angeblich keine Zeit, sich über den seltsamen Kick Gedanken zu machen, weil er ständig Spielernamen aufschreiben musste. Diese im Kern überaus raffiniert eingefädelte Ablenkung kostete Germania Nippes den ersten Platz. Was Germania – Polonia kostet, wird heute abend bekannt gegeben. In Polen will man die Köpfe von Ballack und Löw, in Deutschland den von Lehmann. Nur den Kopf von Tom Kummer, der das Pamela-Anderson-Prinzip für die EM einfordert, will niemand haben. Zwei Bälle sind besser als einer, harhar.

Mit Mark Twain begann sie, mit Mark Twain muss die kleine Wochenschau enden: "Ich ging oft ins Heidelberger Schloss, um mir das Raritätenkabinett anzusehen, und eines Tages überraschte ich den Leiter mit meinem Deutsch, und zwar redete ich ausschließlich in dieser Sprache. Er zeigte großes Interesse; und nachdem ich eine Weile geredet hatte, sagte er, mein Deutsch sei sehr selten, möglicherweise ein Unikat. Er wollte es in sein Museum aufnehmen." In Heidelberg aber, wo die von Hartmut Mehdorn durchgedrückte Print Media Akademie steht, findet der Kongress Fit for Profit statt, auf dem padeluun, ein Relikt aus musealen Datenschutzzeiten, darüber schwadroniert, wie man den roten Knopf programmiert. Es ist natürlich typisch, wie unbelehrbare Netzbürger aus Sorge um ein paar gesammelte Daten gleich das Internet abschalten wollen. Hier muss die CDU-Politikerin Bea "Trix" Phillipp als Gegenmodell genannt werden, die Datenschutzverstößer sportlich mit dem Wettbewerbsrecht als unlauteren Vorsprung durch die Konkurrenz bekämpfen lassen will. Was bei der Telekom geschah, darum mag sich Vodafone kümmern. Das hohe Gut der Pressefreiheit hängt dann im Raritätenkabinett des Heidelberger Schlosses. Ansonsten gebe ich noch einmal Mark Twain das Wort, der lange vor SCO befand: "Man muss die Tatsachen kennen, bevor man sie verdrehen kann." (Hal Faber) / (jk)