Mobilfunk-Terminierung: Billiger kann teuer werden
Die EU-Kommission will Telefonverbindungen zu Handys billiger machen. Für die Mobilfunk-Kunden könnte sich das als Bumerang erweisen, weil sie dann von ihrem Netzbetreiber auch für eingehende Gespräche selbst im Inland zur Kasse gebeten werden könnten.
Die EU-Kommission ist bestrebt, Telefonverbindungen zu Handys billiger zu machen. Für die Mobilfunk-Kunden könnte sich das als Bumerang erweisen, weil sie dann von ihrem Netzbetreiber auch für eingehende Gespräche selbst im Inland zur Kasse gebeten werden könnten. Gegen solche Gebühren hat die EU-Kommission ausdrücklich nichts einzuwenden. Sie hält deren Einführung allerdings für unwahrscheinlich. In den USA, Kanada und einer Reihe anderer Ländern sind Passivgebühren seit jeher üblich, in Europa gab es Derartiges nur in der analogen "Steinzeit" des Mobilfunk.
Europäische Telecom-Netzbetreiber verrechnen einander Gebühren für die Entgegennahme von Anrufen aus anderen Netzen, die so genannten Terminierungsentgelte. Verbindungen in Mobilfunk-Netze sind dabei in der Regel wesentlich teuer als die Zustellung in Festnetzen. Die Höhe der Gebühren ist in den meisten Fällen reguliert, schwankt jedoch selbst innerhalb der EU von Land zu Land und von Netzbetreiber zu Netzbetreiber. Wurden in Zypern im Oktober 2007 durchschnittlich nur etwa zwei Cent pro Minute (netto) fällig, waren es in Bulgarien knapp 19 und in Estland knapp 17 Cent. Der EU-Durchschnitt lag bei annähernd zehn Cent. Der deutsche Durchschnittspreis war mit 9,11 Cent ein wenig darunter, in Österreich waren es nach einer Reihe verordneter Preissenkungsschritte nur mehr 7,51 Cent. Heute sind diese Werte in beiden Ländern etwas niedriger.
Ziel von EU-Kommissarin Viviane Reding ist eine Senkung dieser Mobilfunk-Terminierungsentgelte (Mobile Termination Rates, MTR) auf einen Bruchteil des derzeit Ăśblichen. Die preislichen Unterschiede zwischen Mobilfunk- und Festnetzterminierung sollen letztlich bis 2012 abgeschafft werden. Reding hat einen Zielwert von ein bis eineinhalb Cent pro Minute vor Augen. Davon verspricht sie sich Ersparnisse fĂĽr Konsumenten, weil sie Preissenkungen fĂĽr Anrufe zu Handys erhofft.
Noch in diesem Monat soll ein Entwurf für eine EU-Empfehlung veröffentlicht werden. Diese Empfehlung wird den nationalen Regulierungsbehörden Richtlinien geben, wie sie die Terminierungsentgelte senken sollen. Auch eine generelle Abschaffung der Terminierungsentgelte ist aus Sicht der Kommission möglich – allerdings sei das eine Entscheidung der Mobilfunk-Netzbetreiber selbst. Dieses als "bill and keep" bekannte Modell ist derzeit beispielsweise in den USA Realität. Die Netzbetreiber verrechnen einander dort gar keine Minutenentgelte. In Europa setzt sich die Mobilfunk-Gruppe 3 (Hutchison) für bill and keep ein, findet damit aber bislang kein Gehör bei der Konkurrenz.
Offen ist, ob sich die europäischen Mobilfunk-Anbieter die Terminierungsbutter einfach vom Brot nehmen lassen oder ob sie Ersatz für den Einnahmenausfall suchen. Naheliegend wäre es, die eigenen Kunden auch für eingehende Gespräche zahlen zu lassen – so wie das in den USA üblich ist. Die EU-Kommission schreckt das gar nicht. Kommissionssprecher Martin Selmayr bezeichnet das als Horrorszenario, das lediglich von Lobbyisten an die Wand gemalt würde. Aus seiner Sicht handelt es sich um eine leere Drohung, da sich Mobilfunk-Anbieter mit solchen Gebühren aus dem Markt preisen würden. Und selbst wenn solche Tarife üblich würden, überwögen die Vorteile. Die Kommission erwartet von deutlich niedrigeren Mobil-Terminierungsentgelten intensiveren Wettbewerb und niedrigere Gesamtkosten für die Endnutzer.
Draufzahlen könnten allerdings jene, die hauptsächlich angerufen werden – und jene, die derzeit sogar Gutschriften für eingehende Anrufe kassieren, wie die österreichischen 3-Kunden in einem der SixBack-Tarife. Auch die auf günstigeres Roaming spezialisierten Nischenanbieter könnten Schwierigkeiten bekommen, sind doch Einnahmen aus Terminierungsentgelten oft unabdingbarer Bestandteil ihrer Tarifkalkulationen. (Daniel AJ Sokolov) / (jk)